Mit SocialVR gegen die Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus

Teile der Gesellschaft haben das Vertrauen in Journalismus verloren. Wie lässt es sich zurückgewinnen? Die Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel glaubt, dass Virtual Reality einen Beitrag dazu leisten könnte, wieder ins Gespräch zu kommen. Genau genommen: SocialVR.

Von Wolfgang Kerler

Ein US-Präsident, der Medien pauschal als Fake News beschimpft. Journalistinnen, die bei ihrer Arbeit angegriffen werden. Demonstranten, die „Lügenpresse“ brüllen. Und das vor dem Hintergrund sinkender Auflagen, wegbrechender Werbeeinnahmen und ständiger Entlassungswellen in den Redaktionen. Die Lage der Medien war schonmal besser.

Aussichtlos ist sie aber nicht. Denn es gibt auch gute Nachrichten. Das Vertrauen in Journalismus ist in Deutschland zuletzt wieder etwas gestiegen. 67 Prozent der gerade von Infratest Dimap befragten Menschen halten die Informationen, die sie aus Medien bekommen, für glaubwürdig. Vor fünf Jahren lag dieser Wert noch bei 52 Prozent. Besonders hoch ist das Vertrauen in öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen sowie in Tageszeitungen. Sie schaffen 81, 79 und 74 Prozent. Die Internetangebote der großen Medienhäuser und Sendeanstalten schneiden dagegen schlecht ab. Der Boulevardpresse glaubt fast niemand.

Doch obwohl sich die Lage wieder gebessert hat, bleibt eine beachtliche Minderheit an Menschen, die Medien für unglaubwürdig halten. Und das ist kein deutsches Phänomen. International wird von einer regelrechten Vertrauenskrise gesprochen. Aus ihrem Alltag können auch viele Medienschaffende selbst berichten, dass der Ton rauer geworden ist. Die Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel, die oft über neue Technologien berichtet, gehört dazu.

„Ihr steckt ja alle mit drin!“

„Ich war gerade ein Jahr in den USA“, sagt die preisgekrönte Journalistin im New Realities Podcast von 1E9 und dem XR HUB Bavaria. „Da habe ich gesehen, dass die Lage noch viel verschärfter ist.“ Ein Beispiel blieb ihr besonders in Erinnerung. Anfang Juni demonstrierten in Washington D.C. tausende Menschen gegen rassistische Polizeigewalt. Offenbar hatten einige Probleme mit dem Handyempfang. Ausgehend von einem Tweet auf Twitter verbreitete sich dann unter dem Hashtag #DCBlackOut das Gerücht, die Behörden hätten absichtlich die Internetversorgung gekappt, um die Proteste zu stoppen. Doch das stimmte nicht.

Angesichts der Erfahrungen, die viele der Demonstranten mit Sicherheitskräften gemacht hatten, konnte Eva zwar verstehen, dass Menschen dem Gerücht glauben schenkten. Doch es schockierte sie, dass sich die Situation kaum noch aufklären ließ. „Mir ist da klar geworden, dass niemand mehr das Vertrauen genießt, um so etwas wieder einzufangen“, erinnert sie sich. „Ich habe Tweets gesehen von Journalisten und Wissenschaftlern, die versucht haben, zu sagen: Das stimmt gar nicht. Ich wohne selber in DC und bei mir geht das Internet.“ Doch viele reagierten darauf mit Aussagen wie: „Ja, ihr steckt ja alle mit drin!“

Wie lassen sich diese Gräben überbrücken? Das Nieman Lab der Harvard University, das zur Zukunft der Medien forscht, berichtete kürzlich über eine Studie, nach der sich die Journalisten, die etwas gegen die Glaubwürdigkeitskrise unternehmen wollen, in zwei Lager aufteilen lassen: Da wären zum einen die, die sich wieder stärker auf die alten journalistischen Tugenden rückbesinnen wollen – akkurate Fakten, objektive Berichterstattung, kritische Distanz. Und dann gibt es noch das zweite Lager, dem das allein nicht reicht. Seine Vertreterinnen setzen auf Engaged Journalism , also auf Journalismus, der im engen Austausch, im Dialog mit dem Publikum entsteht und sich seiner Community verbunden fühlt.

Mit SocialVR wieder ins Gespräch kommen

Eva Wolfangel gehört – wie 1E9 übrigens auch – zum zweiten Lager. Sie setzt auf sorgfältiges Handwerk und stärkeren Austausch mit ihrem Publikum. Gerade kommt sie von einem einjährigen Forschungsaufenthalt in den USA zurück. Dort beschäftigte sie sich als Knight Science Journalism Fellow in Harvard und am MIT mit der Frage, wie Virtual Reality dazu beitragen könnte, das Vertrauen in Journalismus wiederherzustellen.

Schon als sie vor einigen Jahren zum ersten Mal ein VR-Headset aufhatte und eine virtuelle Reise auf den Mars unternahm, erkannte sie das Potential der Technologie, um ihre oft komplexen Themen – von Künstlicher Intelligenz bis zu Quantenphysik – noch besser darzustellen und zu vermitteln. „Man kann Dinge sichtbar machen, die man im echten Leben gar nicht sehen kann“, sagt sie. Und tatsächlich setzen viele der bisherigen journalistischen VR-Projekte auf genau diese Stärke. Sie versetzen die User in Unterwasserwelten, erwecken historische Zeiten zum Leben oder lassen die Menschen nachempfinden, wie es sich in Einzelhaft anfühlt. Doch Eva war das zu wenig.

„Ich habe tatsächlich nur passive Erlebnisse gefunden“, sagt sie. „Man ist allein irgendwo, kann Sachen angucken, kann aber nicht mitmachen. Ich hatte das Gefühl, Journalismus blieb hängen bei: Wir zeigen euch was.“ Sie vermisste die Möglichkeit, in VR mit anderen Leuten oder der Welt zu interagieren und mitzumachen. Denn genau das hatte sie während einer großen Recherche für Reportagen über SocialVR, also über VR-Anwendungen, in denen Menschen zusammenkommen, als die besondere Kraft von VR ausgemacht.


Das ganze Gespräch mit Eva Wolfangel könnt ihr im New Realities Podcast nachhören

Bei ihren virtuellen Reisen durch das VR-Social-Network Altspace traf sie Menschen aus aller Welt, denen sie sonst nie begegnet wäre. So verbrachte sie viele Nächte mit einer strenggläubigen Muslimin aus Kuwait und diskutierte über Religion und Erziehung – an einem digitalen Kaminfeuer. „Ich habe dabei kennengelernt, wie VR Leute zusammenbringt.“ Gefallen hat ihr außerdem, dass die User in SocialVR meist auch Dinge in die Hand nehmen und näher anschauen können.

Quantenphysik in VR

Hinzu kommen Erfahrungen, die sie selbst in VR gemacht hat – und die sich auch bei Projekten ergeben haben, in deren Rahmen Redaktionen bei physischen, also nicht-virtuellen Veranstaltungen mit ihrem Publikum persönlich zusammenkamen. „Wenn Menschen, die sehr kritisch gegenüber Journalisten eingestellt sind, mal eine Journalistin persönlich treffen, dann merken sie: Ah, die ist ein Mensch und hat keine bösen Absichten und man kann mit ihr reden“, sagt Eva. „Und in diesem Dialog, merke ich, kann man Vertrauen zurückgewinnen und Leuten erklären, wie wir arbeiten und was unsere ethischen Anforderungen sind.“

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Also entwickelte sie ein Konzept für SocialVR-Journalismus, der die Stärken von VR – Dinge veranschaulichen, Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringen – mit den Erfolgen durch einen engeren Dialog zwischen Medienschaffenden und Bevölkerung verbindet. „Meine Idee ist, sich mit interessierten Menschen in SocialVR zu treffen und dort gemeinsam einen Zusammenhang zu erforschen, beispielsweise Quantenphysik“, erklärt sie. „Meine Aufgabe als Journalistin ist dann, einen guten Gesprächspartner zu finden – einen Experten, der uns etwas über Quantenphysik erklären kann, zum Beispiel – und diesen interaktiv mit dem Publikum zu interviewen.“

Ende Oktober hat sie diese Idee auch schon getestet. Zusammen mit dem Harvard-Quantenphysiker Tim Menke und unterstützt vom HarvardVizLab lud sie eine Gruppe von Interessierten in eine eigens gestaltete virtuelle Welt bei VRChat ein. Auf Plattformen, die im Weltraum schweben – eine über dem Mars, eine über der Erde –, bekamen alle einen Einblick in die komplexe Materie von Quantenverschränkung und Superposition.

Eva moderierte, aber alle durften mitreden und eigene Fragen stellen. Tim erklärte als Waschbär-Avatar namens Quantim am 3D-Modell eines Atoms und an Schrödingers legendärer Box die physikalischen Phänomene. Alles konnte angefasst und selbst getestet werden. „Wir haben wahnsinnig positives, begeistertes Feedback bekommen“, sagt Eva, „sogar von Kolleginnen klassischer Medien, die kein Headset hatten und deshalb nur einen zweidimensionalen Livestream verfolgt haben aber selbst dabei das Potential des neuen Formats gespürt haben.“

Eva sieht durchaus Chancen, dass Redaktionen dieses Konzept trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage aufgreifen. Denn im Gegensatz zu physischen Veranstaltungen ließen sich SocialVR-Events leichter skalieren. Und gerade bei wissenschaftlichen Themen seien schon 3D-Datenbanken vorhanden – man müsse also nicht alle Objekte neu erschaffen. Das Grundproblem bleibt aber: „Guter Journalismus braucht mehr Zeit und Aufwand als die Redaktionen in aller Regel gerade bezahlen können und wollen.“

Mehr New Realities in unserem Podcast

Mehr über die Chancen von Virtual, Augmented und Mixed Reality für Medien, Kultur und Wirtschaft erfahrt ihr im Podcast New Realities von 1E9 und dem XR HUB Bavaria. Den Podcast kannst du bei bei Podigee, Spotify, Deezer und bei Apple Music hören und abonnieren.

Vielleicht interessiert euch direkt unsere neueste Folge, in der der frühere Magic-Leap-Manager Alex Ilic erklärt, warum Augmented Reality in Zukunft Computer, Fernseher und sogar Smartphones ersetzen könnte.

Titelbild: Ein Screenshot den Christina Kinne alias XaosPrincess beim SocialVR-Event von Eva Wolfangel unnd Tim Menke gemacht hat.

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Grandiose Idee. Da wäre ich allzu gerne einer der Interessierten gewesen.

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Ich ebenso. Gibt es sowas wie VR recordings zum „nacherleben“ ?

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Generell., kann man so etwas recorden.,(wenn sich der Veranstalter dazu entscheidet).Z.B.wurde unsere Session vor einer Woche im Dt. Museum während des Digamus-awards in unserem Space Tiki hub aufgenommen:

… Kann dem Ganzen nur zustimmen. :v:Der ungewöhnliche Rahmen., lässt ungewöhnliche., offene und spannende Gespräche und Formate zu. Ich hatte unsere Space Bar z. B. Während dem Lockdown den Gesangs Student*innen der Hochschule in Regensburg überlassen die dann ihre Chorproben dort machten… :wink:

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Ich bin zuversichtlich, dass Eva so etwas wiederholt… Und ich könnte mir gut vorstellen, dass wir auch mal das ein oder andere 1E9 Live-Journalismus-Event in VR machen. Bei der Konferenz werden wir uns da auf jeden Fall schonmal treffen :slight_smile:

Oha, hast du mal reingehört :slight_smile: ?

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Klaro.,das is schon witzig… Und öfter mal tonal übersteuert, :wink:die Studenten suchen ja auch nach witzigen Alternativen zu zoom. Und gerade die Gesangs Studenten haben jetz auch einzig ‚Geister-Publikum‘ und Chöre… Dann lieber inner Tröpfchen - infektionsfreien space bar singen… :wink::sweat_smile:

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Stark! Nachdem ich letztens „The Social Dilemma“ gesehen habe, schwirrt mir die Frage, wie man sich kollektiv auf eine Wahrheit einigen kann im Kopf.

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