Dieser Zug fliegt ohne Röhren und Gleise – und soll den Hyperloop hinter sich lassen

Ein Team von Designern aus Dänemark hat einen futuristischen Zug entworfen, gegen den sogar der Hyperloop ziemlich altbacken aussieht. Der AeroSlider soll vollkommen ohne Schiene oder Röhre auskommen. Stattdessen soll er von Elektromagneten quer durch die Luft geschossen werden.

Von Michael Förtsch

Die Corona-Pandemie war für die Luftfahrt- und Reiseindustrie ein Faustschlag ins Gesicht. Lange Trips rund um die Welt wurden zeitweise nahezu unmöglich. Und selbst wenn einer machbar war, überlegten viele zweimal, ob es das Risiko wert ist, eine Maschine quer durch oder in ein anderes Land zu besteigen. Wichtige Geschäfts- und launige Familientreffen fanden daher plötzlich per Zoom-Konferenz statt. In vielen Fällen funktionierte das sogar ganz gut – und sparte zudem viele Tonnen CO2, wie Studien aus dem Jahr 2020 zeigten. Dazu erkannten nicht wenige, wie umständlich, stressig und zeitfressend doch Flüge eigentlich sind. Das Resultat? So manch ein Forscher und Designer fühlte sich motiviert, gleich nach Alternativen zu klassischen Flugreisen zu suchen. Darunter? Ganz klar, schnelle Züge und Magnetschwebebahnen mit verzweigten Trassen über Ländergrenzen hinaus.

Ein weiterer und futuristischer Möchtegern-Ersatz? Der Hyperloop, der in einigen Jahren zur Realität werden könnte. Dabei sollen je nach Entwicklerteam mal mehr, mal weniger kleine Kapseln durch nahezu luftleere Röhren geschossen werden. Der dänische Designer Jens Martin Skibsted und seine Kolleginnen und Kollegen vom Designunternehmen Manyone haben nun aber eine noch radikalere und schrägere Idee entwickelt: den AeroSlider. Dessen Konzept könnte glatt einem Science-Fiction-Film entsprungen sein und soll, wenn es nach den Gestaltern geht, Distanzen überbrücken, die bislang nur mit teuren Langstreckenflügen und riesigen Jumbojets abgedeckt werden.

Wir haben nach einer technologischen Lösung und einem klaren Design gesucht, um diese Lücke zu füllen – und das ohne auf existierende Infrastrukturen und Industrien zu schauen.

Jens Martin Skibsted

„Innerhalb der Städte sind viele der dringend benötigten Mobilitätslösungen recht offensichtlich. Über die Kurz- und Mittelstrecke werden Hochgeschwindigkeitszüge wohl schnell wettbewerbsfähig sein“, sagt Skibsted zu 1E9. „Eine echte Alternative für die riesigen Passagierflieger gibt es aber nicht. Wir haben nach einer technologischen Lösung und einem klaren Design gesucht, um diese Lücke zu füllen – und das ohne auf existierende Infrastrukturen und Industrien zu schauen.“ Die Lösung: Die Designer schlagen vor, mit dem AeroSlider eine riesige Kombination aus Zug und Luftschiff durch die Luft zu schießen. Und zwar mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern pro Stunde.

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Bis zu 800 Kilometer pro Stunde soll der fliegende Zug schaffen. Über Probleme wie Luftwiderstand und Vogelschlag mag sich das Entwicklerteam aber erst einmal keine Gedanken machen. Denn vorerst soll das Konzept nur als Denkanstoß dienen. ©Manyone

Keine Gleise, keine Röhren

Würde der AeroSlider irgendwann gebaut, eine Vorbeifahrt wäre ein absonderlicher Anblick. Denn in einem Sekundenbruchteil würde ein rund 250 Meter langer Zug durch die Luft rasen und dabei riesige Metallringe durchqueren, die auf knapp 20 Meter hohen Pylonen thronen. Es wäre fast, als würde ein Riesen-ICE durch eine unsichtbare Röhre flutschen. Funktionieren soll das mittels starken Elektromagneten – vergleichbar dem Mechanismus, der bei sogenannten Railguns – oder auch Schienengewehren – zum Einsatz kommt.

Die Elektromagneten sollen jedoch nicht im Zug, sondern in den sogenannten Portalen verbaut sein. Präzise getaktet sollen sie sich vor der Einfahrt des vorderen Zugteils und nochmals vor dem Ausfahren des hinteren Zugteils aktivieren. Auf diese Weise wird der AeroSlider fast wie ein Geschoss durch die virtuelle Trasse geschleudert. Der AeroSlider hangelt sich also quasi von Ring zu Ring. Diese Ringe sollen gerade so weit voneinander entfernt sein, dass der Zug die gesamte Fahrt über vollkommen stabil in der Luft liegt. Dass er überhaupt fliegen kann, dafür soll auch auf Luftschifftechnik zurückgegriffen werden. Der Rumpf des AeroSlider soll, erklärt Skibsted, in Teilen „mit Helium gefüllt sein, das einen Teil der Last nimmt“.

„Die Portale vermindern den Platzbedarf im Vergleich zu Magnetschwebe- und Hochgeschwindigkeitszügen massiv“, sagt Skibsted. Schließlich bräuchte es keine kilometerlangen Gleise oder Röhren. Auch Brücken wären überflüssig. Ebenso ließen sich die Ringe auch in abgelegenen Gebieten aufstellen, die sonst schwer zu behauen sind – beispielsweise mit der Hilfe von Luftschiffen. Und an Infrastruktur bräuchte es zusätzlich zu den Türmen nur eine verlässliche Stromquelle, die mit Batteriespeichern und Solar- oder Windkraftanlagen sichergestellt werden könnte. Der Strom für die Elektromagneten muss schließlich nur kurz fließen, wenn der Zug gerade durchrauscht.

Die CIA hat Interesse

Das Konzept des AeroSlider klingt und sieht auf den Konzeptbildern der Designer ziemlich gewagt aus. Vielleicht sogar verrückt. Denn geht’s nach dem Designteam, wäre der Zug nicht nur rasend schnell, sondern auch wahnsinnig luxuriös. Er soll in zwei Etagen geteilt sein, die private Kabinen und klassische Passagierabteile bieten. Aber auch ein kleiner Park und Stauraum für Transportgüter soll vorhanden sein. Selbst ein Restaurant, ein Café und eine gläserne Panorama-Lounge in der Spitze des AeroSlider sind eingeplant. Jens Martin Skibsted gesteht gerne ein, dass das Konzept ziemlich unkonventionell und wagemutig ist. Doch er ist auch überzeugt, dass der fliegende Zug durchaus machbar wäre.

Es gibt keine Technologie, die dafür noch erfunden werden muss.

Jens Martin Skibsted

„Es gibt keine Technologie, die dafür noch erfunden werden muss“, sagt er. „Natürlich gibt es aber jede Menge Herausforderungen.“ Offen sei beispielsweise, wie der Zug gegen den enormen Windwiderstand oder Gefahren wie einen Vogelschlag bei 800 Kilometern pro Stunde geschützt werden kann. Gleichsam müssten die Passagiere bei solchen Geschwindigkeiten eine enorme g-Kraft aushalten. Und bei jedem Ringdurchflug wirkt ein starkes Magnetfeld, das elektronische Geräte wie Smartphones und Herzschrittmacher zerstören könnte. Und was wäre, wenn der AeroSlider plötzlich anhalten müsste? Auch das ist noch offen.

Als mögliche Strecke haben die Designer einen Rundkurs ausgearbeitet, der unter anderem Hamburg mit Amsterdam, Paris, Dakkar, Nairobi, Neu-Delhi, Shanghai, Perm und Moskau verbinden würde. „Ein riesiger Ring also, der Europa, Afrika und Asien zusammenbringt“, sagt Skibsted.

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Dass der AeroSlider allzu bald Realität wird oder sie vielleicht irgendwann sogar damit fahren werden, davon gehen Skibsted und seine Kollegen übrigens nicht aus. Das Konzept sei eher ein Anstoß und eine Inspiration, Mobilität anders und neu zu denken. Dennoch gebe es bereits Anfragen zum AeroSlider. Einige Länder und Unternehmen sollen ziemlich angetan sein. Ein Interessent hätte das Team aber ziemlich überrascht. Nämlich die CIA – die Central Intelligence Agency. Wieso sich der US-Geheimdienst genau für das Konzept interessiert, das hat das Team bisher aber nicht herausbekommen.

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Teaser-Bild: Manyone

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Dieses Projekt verzichtet auf den Vorteil der Vakuumröhre und damit auf die Reduzierung der Reibung bzw. des Windwiderstands.

Zudem müsste auch für dieses Projekt jede Menge Infrastruktur (auf-)gebaut werden.

Und (ja, es ist ein typisch deutscher Gedanke) das Ding wird ordentlich laut, wenn es mit dieser Geschwindigkeit durch die Landschaft knallt - die ja in den meisten Regionen Europas und Deutschlands und auch sonst in der Welt mal mehr, mal weniger besiedelt ist.

Von daher: Erfolgsaussichten eher gering - schöne SciFi-Idee.

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Denke ich auch. Ist eine faszinierende Vorstellung … und technisch womöglich umsetzbar. Aber ob es sinnvoll ist?! Eher nicht.

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Zudem muss man ja noch den sicherheitskritischen Blick darauf werfen: Diese Antriebsringe müssen immer alle funktionieren. Wenn die so weit auseinander stehen, wie es der Artikel beschreibt, braucht da nur einer auszufallen und der Zug wird soweit absacken, dass eine Kollision mit dem nächsten Ring ziemlich sicher ist.

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Und das bei 800 Kilometern pro Stunde. Da bliebe wenig übrig.

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Wie immer melden sich hier zuerst die Bedenkenträger. Deutschland war einmal das Land der Dichter und Denker! Das kann doch nicht nur gewesen sein.
Diese Idee ist deshalb genial, weil sie sich über Konventionen h i n w e g s e t z t.
Wir leben in einer Zeit, in welcher jede Technologie denkbar und realisierbar ist, wenn dafür die entsprechenden Mittel aufgebracht werden.

Dichten und Denken … schließt auch bedenken und Bedenken ein.