Diese Schule hat aus der Corona-Krise ein digitales Erfolgserlebnis gemacht


Seit Jahren wird über die Digitalisierung der Schulen diskutiert. Flächendeckend vorangekommen ist sie aber noch nicht. Bisher. Die Schulschließungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie könnten das dauerhaft geändert haben. Dafür sprechen die Erfahrungen einer Münchner Wirtschaftsschule, die nach drei Wochen digitalen Unterricht eine positive Bilanz zieht.

Von Wolfgang Kerler

Sie haben gerade den absoluten Ausnahmezustand hinter sich. Und trotzdem klingen Heinz Rösner und Fabian Baum richtig begeistert, wenn sie von den Wochen vor den Osterferien berichten. „Das ganze Team war gut drauf. Wir haben uns gegenseitig geholfen, gemeinsam ein neues Feld entdeckt und wirklich viele Erfolgserlebnisse mitgenommen“, erzählt der eine. „Das hat einfach Spaß gemacht“, ergänzt der andere.

Die beiden sind Lehrer. Heinz Rösner ist Schulleiter der privaten Sabel Wirtschaftsschule in München, an der Schüler zur Vorbereitung auf ihren Beruf einen mittleren Schulabschluss machen können. Fabian Baum sein Stellvertreter. Wie alle Lehrkräfte und ihre Schüler mussten auch sie sich Mitte März innerhalb weniger Tage umstellen – vom traditionellen Unterricht im Klassenzimmer mit Tafel, Beamer und Projektor auf digitalen Unterricht aus dem Home Office. Und das lief richtig gut. Warum, das haben die beiden Lehrer 1E9 berichtet.

E-Mailadressen für alle Schüler, Fortbildungen für Lehrkräfte

Völlig unvorbereitet war die Schule zum Glück nicht. „Es gab ein paar Fächer, in denen wir sowieso Computer eingesetzt haben“, sagt Heinz Rösner. „Da war der Sprung geringer. In den anderen Fächern kam es allerdings sehr auf die Lehrkraft an, inwieweit schon vor Corona mit digitalen Mitteln gearbeitet wurde.“

Die Bildungs-Apps von Google waren an der privaten Schule – anders als an vielen staatlichen Schulen, wo das aus Datenschutzbedenken nicht stattfinden sollte – schon vorher im Einsatz, zum Beispiel um Kollaborationen über Google Docs zu ermöglichen. Die vom bayerischen Kultusministerium empfohlene Online-Lernplattform Mebis, in die man Übungsmaterial, Präsentationen oder Multiple-Choice-Aufgaben einstellen kann, war ebenfalls vorhanden. Auch ein digitales Klassenbuch gab es schon, um Studenplanänderungen mitzuteilen oder die Eltern zu informieren.

Außerdem bekamen alle Schüler eine E-Mailadresse zugewiesen. „Wir sind ja eine berufsbildende Schule“, erklärt Fabian. „Da wollen wir natürlich, dass die Schüler früh anfangen, den privaten vom beruflichen E-Mailverkehr zu trennen.“ In der Krise war das ein Riesenvorteil, da sichergestellt war, dass die Schule alle aktuellen E-Mailadressen kennt.

Als klar war, dass die Schulen geschlossen werden, entschied sich die das Team um Heinz Rösner dazu, sowohl den Klassen als auch den Lehrkräften einen Crashkurs zu verordnen. Die Lehrer bekamen eine Last-Minute-Fortbildung für die digitalen Unterrichtstools. Die Schüler übten im Fach Informationsverarbeitung sämtliche Logins und bekamen noch einmal die Infoblätter mit ihren Anmeldedaten. Ausgedruckt und per Mail, auch an die Eltern. Außerdem erfuhren sie, wie sie mit der Lizenz für Schüler Microsoft Office herunterladen und nutzen können – oder eben Alternativen wie LibreOffice. Dann begann die neue Zeit.

Die wichtigste Online-Plattform ging in die Knie

„Die ersten zwei, drei Tage ging Mebis gar nicht“, erinnert sich Heinz Rösner. Die „offizielle“ Online-Plattform hielt dem dramatischen Anstieg der Zugriffszahlen zunächst nicht stand. Die Seite lud nicht, das Login funktionierte nicht. „Dann habe ich den Kollegen gesagt: Es gibt ja auch Google Classroom. Eine Kollegin schaute sich dann das Tutorial an und teilte das mit den anderen. Einige sind dann umgestiegen.“ Später stand dann auch Mebis wieder zur Verfügung, so dass beides möglich war.

Am Ende der ersten Woche trafen sich die Lehrkräfte zum ersten Mal zur Videokonferenz. „Und das war eine richtige Initialzündung“, sagt der Schulleiter. „Da haben selbst Kollegen, die vorher überhaupt nicht digital gearbeitet haben, gesagt: Das kann ich ja auch mit meiner Klasse machen.“ Und so fingen immer mehr Lehrkräfte damit an, ihre Klassen immer wieder zu Video-Hangouts einzuladen, ihren Bildschirm mit vorbereiteten Präsentationen zu teilen und so live auf die Fragen der Schüler einzugehen.

Der sonst analoge Stundenplan wurde dabei eingehalten. „Es war uns wichtig, den Schülern eine Struktur zu geben“, sagt Fabian. „Wir haben ihnen also gesagt: Ihr müsst euch bis 9 Uhr beim jeweiligen Lehrer melden. Und wenn von 11.45 Uhr bis 12.30 Uhr Mathe war, dann saß der Mathelehrer in dieser Zeit am Rechner, um Fragen zu beantworten.“

Neben den Materialien und Aufgaben, die zum Beispiel bei Mebis oder Google Classroom hochgeladen wurden, damit die Schüler zuhause selbstständig arbeiten können, dem Live-Video-Unterricht, Webinaren und der Kommunikation per Mail setzte sich außerdem ein weiterer Kanal durch: die App schul.cloud. „Das ist eine DSGVO-konforme Alternative zu WhatsApp“, sagt Heinz Rösner.

Ein Emoji vom Lehrer

Fabian unterrichtet Geschichte-Sozialkunde und Deutsch. „Also eher konservative Fächer, in denen ich noch nicht so viel digital gearbeitet habe“, erzählt er. Während des Shutdowns begann er dann damit, Aufgaben ins Netz zu stellen und auf Rückfragen über alle Kanäle zu antworten. Außerdem sollten seine Schüler ein Referat mit Präsentation vorbereiten, das sie ihm dann per Hangout vortragen sollten. „Ich habe sie dann alle einzeln angerufen und mir den Vortrag angehört.“

Besonders gut gefallen hat ihm aber die Kommunikation über schul.cloud. „Das hat schon eine andere Qualität, wenn man so unmittelbar mit den Schülern kommunizieren kann, wie sie es außerhalb der Schule ja sowieso machen. Und dann kann man auch mal ein Emoji anhängen“, sagt Fabian.

Doch bei all der Euphorie – nicht alles hat reibungslos geklappt. Gerade die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler machten sich außerhalb des Klassenzimmers stärker bemerkbar. „Die, die sowieso gut sind, hatten gar keine Probleme“, berichtet Fabian. „Die haben uns auch gesagt, dass sie viel weniger beschäftigt sind als in der Schule.“ Schüler, die häufiger auf die Unterstützung der Lehrer angewiesen sind, taten sich schwerer. „In der Schule kann man sich melden und fragen, wenn man was nicht versteht. Das schriftlich auszudrücken ist gar nicht so einfach. Deswegen habe ich auch mit Schülern telefoniert.“

Nicht alle haben zuhause Ruhe – oder Computer

Telefoniert hat auch die Sozialarbeiterin der Schule. Und zwar vor allem mit den Schülern, die nicht am digitalen Unterricht teilnahmen. Als neutraler Person konnten die Schüler ihr eher berichten, warum sie nicht mitgemacht hatten, als ihren Lehren. „In manchen Familien hatten die Schüler keine Ruhe, weil in einer kleinen Wohnung viele Menschen eng zusammen sind. Wir hatten auch Probleme, weil es in manchen Familien nicht genügend Computer gab, da die Eltern auch Home Office machen mussten“, erzählt Heinz Rösner. „Dann haben wir Tipps gegeben, wie die Schüler am Smartphone mitarbeiten können – zum Beispiel mit einer günstigen Bluetooth-Tastatur. Oder, indem sie ihre Arbeiten als Sprachnachrichten an die Lehrer schicken. Oder mit der Hand schreiben und ein Foto schicken.“

Trotz aller Anstrengungen konnten am Ende nicht alle Schüler zur regelmäßigen, aktiven Mitarbeit bewegt werden. „Etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Schüler beteiligten sich zuverlässig, die anderen verfolgten eben eine Vermeidungsstrategie“, sagt der Schulleiter.

Das Fazit fällt dennoch positiv aus – vor allem, weil Heinz Rösner und Fabian Baum davon ausgehen, dass die digitalen Tools auch nach Corona zum Einsatz kommen werden. Von der Lehrerkonferenz im Hangout über den schul.cloud-Chat oder die E-Mail-Kommunikation mit den Schülern bis zur größeren Offenheit gegenüber neuen Medien und Technologien. „Jetzt hat die Flamme alle erfasst“, sagt Heinz Rösner. Auch von den Schülern kommen jetzt Mails, in denen sie sich für die Unterstützung bedanken.

Titelbild: Getty Images

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Das ist ein wunderbarer Erfahrungsbericht in dem sehr anschaulich gezeigt wird wie Anpassungsfähig unsere Schüler doch sind! Gratulation an die Lehrer, die (auch gegen Ministeriumsempfehlung) sehr pragmatisch auf skalierbare Lösungen zB von Google gesetzt haben.

Dieses Experiment wird bestimmt zu Änderungen in Zukunft führen und zwar auf Lehrer und Ministeriumsseite. Leider hört man in den Medien und oft auch privat die Stimmen der digitalen Medien und Tools Verweigerer lauter als die anderen. Auch aus Bildungsministeriumsseite erinnere ich mich eher an gut gemeinte Appelle und Parolen, als an pragmatische und zielführende Beschlüsse zu Maßnahmen. Beschreibend hierfür denke ich ist die Debatte um Tablets für alle Schüler oder nicht… Absolut an der Realität vorbei. #BringYourOwnDevice

Bin auch sehr begeistern von der Idee jedem Schüler einfach eine Emailadresse (prä-Corona) zu geben um private von Schul- oder professioneller Kommunikation früh trennen zu lerne. Diese Privatschule, bzw die beiden genannten Lehrer sollten ein Vorbild für einige der staatl. Konstrukte sein. Gut - die sind halt auch in einem engeren Korsett, wo man wieder beim Ministerium ist…

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Danke für den Einblick in euren Schulalltag, Fabian alias @farbian! Hier noch eine Challenge für die Zeit nach den Ferien, falls der Schulbetrieb weiterhin digital stattfinden muss: Eine Geschichte-Sozialkunde-Stunde in Half Life: Alyx würde sicher gut ankommen. Mit Mathe scheint es jedenfalls zu klappen:

Einen näheren Blick werfen wir hier demnächst außerdem auf CoSpaces, ein VR-/AR-Tool, das auch in Nicht-Corona-Zeiten zu einem ganz neuen Lernerlebnis führen kann:

Stay tuned… Vermutlich in gut einer Woche gibt’s dazu mehr hier und in unserem New Realities Podcast :slight_smile:

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Haha, Mathe mit Half Life ist ja mal richtig gut! Idealerweise erstellt mir jemand bis zur Wiederöffnung der Schulen noch eine Map, die Regierungsviertel und Bundestag abbildet. Dann gibt’s für alle 'nen VR-Rundgang durch Berlin. :wink:

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Vielen herzlichen Dank für das Lob, das ich auch gerne so an unser Kollegium weitergebe! Wir sind tatsächlich immer noch etwas geflasht von dem, was da aus einer Krise heraus entstanden ist und was für ein Fundament alle - Schüler, wie auch Lehrkräfte - in dieser kurzen Zeit errichtet haben. Darauf gilt es nun aufzubauen. Ich werde lange nicht vergessen, wie steil die Lernkurve teilweise war. Hangout-Calls zum Beispiel, die während der ersten Woche mehrere Versuche brauchten, bis sie endlich zustande gekommen sind, wurden im Laufe der Zeit zu Aktionen, die selbstverständlich wurden. Das sind auch Erfolgserlebnisse, die im „normalen“ Schulalltag so nicht stattgefunden hätten. Auch hat nach der ersten Woche eine Verschiebung stattgefunden und Fragen zum Umgang mit den Tools wichen Fragen, die sich auf das Fachliche bezogen. Hier wurden Kompetenzen erworben, die für das Berufs- und Privatleben gleichermaßen wichtig sind.

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