Der Transhumanist Zoltan Istvan will US-Präsident werden –und mit Technologie den Tod überwinden

Vor sechs Jahren trat Zoltan Istvan an, um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Er schaffte es nicht. Aber er gilt als einer der ungewöhnlichsten Kandidaten dieser Wahl. Denn er ist ein Transhumanist und versprach seinen Wählern, den Tod abzuschaffen. In wenigen Jahren will er einen zweiten Anlauf auf das Weiße Haus wagen. 1E9 hat Zoltan Istvan getroffen – und mit ihm über das ewige Leben, Künstliche Intelligenz und existentielle Risiken für die Menschheit gesprochen.

Von Michael Förtsch

Vor sechs Jahren ging Zoltan Istvan auf Tour. Im Herbst 2015 hatte er dafür eigens ein altes Luxuswohnmobil gekauft – ein Blue Bird Wanderlodge von 1978, um genau zu sein. Seine Reise begann in seiner Heimat, der Bay Area von San Francisco, dem Ort, wo auch zahlreiche junge Start-ups zu Hause sind. Sie führte ihn über Florida bis zur Ostküste nach Washington DC. Allerdings war es keine Urlaubsreise, die Istvan da unternahm. Auf seinen zahlreichen Stopps in größeren und kleineren Städten und Gemeinden machte er Werbung – und zwar für sich selbst. Denn der großgewachsene und blonde Amerikaner war als Präsidentschaftskandidat unterwegs, genau wie Jeb Bush, Hillary Clinton, Bernie Sanders und Donald Trump. Jedoch machte Istvan ein ganz besonderes Versprechen für den Fall, dass er wirklich Präsident würde: Er würde alles tun, um dem Tod ein Ende zu bereiten.

„Ich meinte das auch so“, sagt Zoltan Istvan zu 1E9, als er beim Festival der Zukunft in München vorbeischaut. Sein riesiges Wohnmobil ließ er entsprechend seines Themas umbauen, bevor er losfuhr. Und zwar ironischerweise in einen riesigen in Rot und Grün gehaltenen Sarg, den er scherzhaft Immortality Bus getauft hat. „Ich glaube, der Tod sollte endlich als das anerkannt werden, was er ist: eine Krankheit“, so Istvan, der als Journalist und Autor für National Geographic gearbeitet hat und derzeit an der University of Oxford studiert. Das Rennen um die Führung der Vereinigten Staaten war für Zoltan Istvan letztlich erfolglos, wie sich überdeutlich zeigte. Statt ihm wurde Donald Trump am 8. November 2016 zum 45. Präsidenten der USA gewählt.

Vergebens war der Wahlkampf jedoch nicht, meint Istvan. Er habe auf seiner Reise mit vielen Menschen gesprochen, viele neue Orte kennengelernt und viel über die USA als gespaltene Nation gelernt. Aber vor allem: „Wir haben so einige Amerikaner für Wissenschaft und Technologie begeistern können und mit den eines Transhumanisten bekannt gemacht.“ Denn als ebensolcher versteht sich der US-Amerikaner – und ist daher auch als Kandidat der Kleinstpartei Transhumanist Party angetreten. Wenn es nach Zoltan Istvan und seinen Unterstützern geht, ist Transhumanismus eines der wichtigsten Themen der Zukunft. Vielleicht sogar das wichtigste Thema überhaupt. Schließlich würde es über kurz oder lang jeden Bereich unseres Lebens beeinflussen.

Mehr Zeit

Was genau Transhumanismus ist, darüber herrscht selbst unter den selbsternannten Transhumanisten keine absolute Einigkeit. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Anhänger dieser philosophischen Denkrichtung glauben und hoffen, dass Menschen mithilfe von technologischen Entwicklungen, medizinischen Errungenschaften und anderen Durchbrüchen der Wissenschaft die begrenzte Kapazität des menschlichen Körpers und Geistes erweitern können – und letztlich darüber hinaus wachsen. Laut Istvan gehe es insbesondere darum, dabei „die menschliche Erfahrungswelt“ zu erweitern. Und daraus folge eben als eines der Hauptziele der Transhumanisten, den Tod zu überwinden – oder zumindest die maximale Lebenszeit stetig zu erweitern.

Die meisten Transhumanisten wollen den Tod besiegen, weil sie das Leben lieben.

Zoltan Istvan

„Die meisten Transhumanisten wollen den Tod besiegen, weil sie das Leben lieben“, sagt Istvan. Aber es gehe auch darum, die Möglichkeit für Menschen, zu lernen, zu forschen, sich zu entwickeln, Freude zu erfahren, zu Kunst, Kultur und Gesellschaft beizutragen, auszudehnen. All das werde durch Alter und Tod nur unnötig begrenzt. Istvan selbst hat, wie er sagt, „vier oder fünf Jahre, täglich mehrere Stunden“ einem Roman – The Transhumanist Wager, auf Deutsch: Unsterblich – geopfert, in dem ein junger Philosoph zu einem mächtigen Politiker aufsteigt und ein transhumanistisches Regime installiert. „Etwas ironisch, etwas satirisch“, sei die Geschichte, die auch manche der transhumanistischen Ideale dekonstruiere und hinterfrage.

Dass die Möglichkeit, dem Tod zu entkommen, irgendwann Realität sein wird, davon ist der Autor und Politiker fest überzeugt. „Die großartige Idee aus der Science Fiction ist natürlich, dass wir unseren Verstand in Computer und virtuelle Welten hochladen und dann ewig leben“, sagt Istvan. „Aber das ist erst einmal unrealistisch, zumindest auf absehbare Zeit. Die echten Möglichkeiten liegen bisher woanders. Wir werden das Altern verlangsamen oder aufhalten.“ Istvan schluckt bereits sogenannte Nootropics – Wirkstoffe, die angeblich den Alterungsprozess des Gehirns bremsen und dessen Aktivität steigern sollen –, aber „bisher ist nicht nachgewiesen, dass sie wirklich etwas erreichen“, wie er selbst zugibt.

Wer länger leben will, sei momentan vor allem darauf angewiesen, ein gesundes Leben zu führen. „Treibe Sport, iss nicht zu viel Fleisch, halte dein Gewicht unten“, erklärt Istvan. „Es ist anstrengend, aber momentan gibt es keinen einfacheren Weg. Und, naja, ich glaube, es braucht auch einfach etwas Glück, um wirklich alt zu werden.“ Über die kommenden Jahrzehnte hofft er aber auf Gen-Therapien, die die Revitalisierung des Körpers ermöglichen oder neue Medikamente, die den Stoffwechsel aktiv halten und die Degeneration von Zellen stoppen. „Es ist jetzt so viel Geld in dieser Industrie, in der Suche nach Langlebigkeit“, sagt er. „Es werden sich Mittel finden, es ist nur eine Frage der Zeit.“

Einen weiteren Weg hin zum ewigen Leben sieht der Transhumanist im Austausch von Organen und letztlich dem gesamten Körper. „Die meisten Menschen sterben an einem Organversagen“, sagt er. „Wenn wir neue Organe einfach züchten oder 3D-drucken, oder synthetische Organe bauen können, dann könnten wir schon deutlich länger leben.“ Statt 80 Jahre könnten Menschen bis zu 110 Jahre lang ein gesundes Leben führen, glaubt der Transhumanist. Aber das „langfristige Ziel“ sei es, dass „wir die Biologie hinter uns lassen“. Menschen würden zu Cyborgs werden und ihren Verstand digital konservieren – und vielleicht mit Künstlichen Intelligenzen verschmelzen. „Wenn das kommt, werde ich definitiv einer sein, der die Möglichkeit nutzen wird“, sagt er. „Wenn ich dann noch lebe.“

Nicht nur Leben für die Superreichen

Das Ziel der Transhumanisten durch Technologie und Medizin eine Welt ohne Tod zu schaffen, ruft auch Kritik und Sorgen hervor. Zoltan Istvan selbst sieht einige Probleme – oder zumindest Herausforderungen, wie er bekräftigt. „Ich glaube, ein zentraler Aspekt ist, dass als erstes die Wohlhabenden und Reichen davon profitieren werden“, sagt der Politiker und Autor. Er könne Befürchtungen nachvollziehen, dass, wenn der Tod überwindbar wird, eine Dynastie von unsterblichen Supermenschen, Milliardären und vielleicht sogar Billionären entsteht – wie sie etwa der Science-Fiction-Autor William Gibson mit der Industriellenfamilie Tessier-Ashpool in seiner Roman-Serie Neuromancer beschreibt. „Ich mache mir da Sorgen“, so Istvan. „Ich bin schließlich selbst kein Milliardär.“

Ich glaube, ein zentraler Aspekt ist, dass als erstes die Wohlhabenden und Reichen davon profitieren werden.

Zoltan Istvan

Obwohl sich Zoltan Istvan nicht nur als Transhumanist sieht, sondern auch als libertärer Politiker – der maximale Freiheit und minimales staatliches Eingreifen fordert –, sieht er hier die Politik in der Pflicht. „Es ist die Aufgabe der Gesellschaft und der Regierungen dafür zu sorgen, dass uns die Superreichen nicht zurücklassen“, so Istvan. „Möglicherweise brauchen wir hier Gesetze und Regeln, die Macht und Einfluss begrenzen –, die sicherstellen, dass die Errungenschaften von technologischen und medizinischen Durchbrüchen zu allen Bevölkerungsschichten durchsickern.“ Das sei in der Vergangenheit bereits stets geschehen – schon jetzt leben Menschen einige Jahre länger als noch vor Jahrzehnten –, aber es müssten ideale Rahmenbedingungen geschaffen werden, um das zu beschleunigen und zu garantieren.

Auch bei anderen Fragen sieht Istvan die Dringlichkeit, zu garantieren, dass „die Gesellschaft eine größere Mitsprache“ hat. „Nehmen wir etwa Künstliche Intelligenz“, sagt er. „Wollen wir, dass das Militär die Hoheit über Künstliche Intelligenz hat, wollen wir, dass Google sie übernimmt? Vielleicht sollte Künstliche Intelligenz eher ein Projekt wie die Internationale Raumstation sein: Ein Komplex, an dem alle demokratischen Nationen beteiligt sind, die dafür sorgen, dass es allen Bürgern der Welt zugutekommt. Müssten wir die großen Konzerne dazu zwingen, sich dem unterzuordnen? Die Antwort ist ‚möglicherweise‘.“

Eine ganz ähnliche Not sieht Istvan auch beim Thema Social Media gegeben. Denn es würde immer sichtbarer, dass Plattformen und deren Algorithmen nachhaltigen Schaden anrichten und sogar das Leben von Menschen kosten. Es wäre fatal, wenn „wir in zehn Jahren auf Facebook zurückblicken, wie wir es heute auf das Rauchen tun“ – auf ein Vergnügen, das letztlich vor allem schädlich war, für Einzelpersonen und die Gesellschaft. Wenn Unternehmen wissentlich Schaden anrichten oder hinnehmen, müsse eine Regierung eingreifen. Hier wie auch mit Künstlicher Intelligenz hantiere die Menschheit mit disruptiven Konzepten, deren Gefahrenpotential immer noch nicht gänzlich erfassbar sei.

Ein erneuter Anlauf

Dass er 2016 nicht Präsident wurde, überraschte Zoltan Istvan übrigens nicht. Aber er sei weiterhin vorbereitet, habe Ideen, Pläne und informiere sich auch jetzt noch jeden Tag, als ob er im Wahlkampf wäre. Er sehe viele Problemfelder, die momentan nicht angegangen, sondern ignoriert oder nicht ernst genug genommen werden. „Wenn es nötig ist, die USA bis an den Bankrott zu treiben, um als erstes eine Artificial General Intelligence [eine Künstliche Intelligenz, die ähnlich flexibel denken und lernen kann, wie ein Mensch] zu erschaffen, dann müssen wir das tun“, sagt Zoltan Istvan. „Der Grund ist: Wenn Russland oder China als erste AGIs erschaffen, dann werden das undemokratische Künstliche Intelligenzen sein.“ Diese könnten unkontrollierbare, unethische und unberechenbare Technologien darstellen, die eine Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellen. Sie könnte sich rasant entwickeln und in ihren Fähigkeiten zu einer Art gottgleicher Entität erwachsen. Die Auswirkungen? Unvorstellbar.

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„Es ist vielleicht eine der drängensten Aufgaben, dafür zu sorgen, dass eine demokratische Nation als erste eine solche Künstliche Intelligenz entwickelt“, sagt Istvan. „Es ist ein Wettrüsten. […] Wer dieses Wettrüsten gewinnt, wird mutmaßlich die globale politische Landschaft, wenn nicht sogar die Welt kontrollieren.“ Dieses Rennen zu gewinnen, sei eine der größten technologischen Herausforderungen, die es in den kommenden Jahrzehnten zu stemmen gäbe. Aber auch über andere Risiken denkt die Politik in den Augen des Transhumanisten nicht genug nach. „Was ich an Tag 1 gemacht hätte, wäre ich Präsident geworden, wäre nach Möglichkeiten zu suchen, um uns auf existentielle Gefahren [für die Menschheit] vorzubereiten“, meint Istvan. Jederzeit könne die Erde von einem Asteroiden getroffen werden, der die gesamte Menschheit auslöscht oder „es kann sein, dass so etwas wie Covid erneut kommt, nur zehn Mal schlimmer“. Allein aus diesem Grund, müsse die Menschheit auch weitere Planeten und Monde besiedeln.

Es ist vielleicht eine der drängensten Aufgaben, dafür zu sorgen, dass eine demokratische Nation als erste eine solche Künstliche Intelligenz entwickelt.

Zoltan Istvan

Solche Szenarien klingen nach Science Fiction, seien aber alles andere als ausgeschlossen, bestärkt Istvan. Gruppen an Universitäten wie Cambrdige, Oxford und freien Instituten studieren derartige Gefahren. „Hier muss eine echte Agenda geschaffen und Vorbereitungen getroffen werden“, sagt Zoltan Istvan. „Wir sind hier zu langsam. Da muss mehr getan werden.“ Genau aus diesem Grund will er auch erneut als Präsidentschaftskandidat antreten. „Ich glaube nicht, dass ich es 2024 tun werde“, sagt er. „Das Problem ist, dass Transhumanismus als Bewegung noch weit weg davon ist, eine breite Basis zu erreichen. Aber ich hoffe, dass sich bis 2028 etwas ändert. Ich hoffe, dass sich bis dahin auch mehr Menschen für Wissenschaft und Technologie interessieren; dass sie realisieren, dass einige der mächtigsten Unternehmen der Welt Wissenschafts- und Technologiefirmen sind. Und ich hoffe, dass sie erkennen, dass Transhumanismus auch sie betrifft und ihr Leben verändert. Wenn das so kommt, vielleicht werde ich gewinnen.“

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