Der Netflix-Film The Midnight Sky hat eine ermutigende Botschaft für das Ende dieses Jahres

Auf Netflix ist das Science-Fiction-Drama The Midnight Sky erschienen. Es ist ein ambitionierter Aufruf zu mehr Hoffnung, der mit fantastischen Bildern glänzt. Aber ganz überzeugen kann die Produktion von Regisseur und Hauptdarsteller George Clooney leider nicht.

Von Michael Förtsch

Für Augustine Lofthouse – gespielt von George Clooney – verläuft jeder Tag so, wie manche wohl ihren Corona-Lockdown verbracht haben. Er quält sich aus dem Bett, isst, arbeitet und greift dann zum Whiskey. Nur so ist die Einsamkeit für ihn zu ertragen. Denn er ist seit Wochen allein in einer Forschungs- und Kommunikationsstation nahe dem Barbeau Peak am nördlichen Polarkreis. Alle seine Freunde und Kollegen haben diese bei einer Evakuierung längst verlassen. Nur er blieb freiwillig zurück, nachdem im Jahr 2049 eine lediglich als das „Ereignis“ titulierte Umweltkatastrophe die Erde erschütterte. Die Luft ist nun tödlich und weite Teile der Menschheit verloren. Was genau da passierte, das bleibt in der Netflix-Produktion The Midnight Sky , bei der George Clooney auch Regie führte, so vage wie egal. Denn nicht der Untergang selbst ist es, worum es geht, sondern wie noch gerettet werden kann, was noch zu retten ist.

Im Falle des schwerkranken Astronoms, der sich mit Bluttransfusionen von Tag zu Tag schleppt, ist es das Raumschiff Aether unter Leitung der Astronautin Sully – gespielt von Felicity Jones. Dessen Crew hat eine Mission zum K-23 unternommen, einem lange übersehenen Jupiter-Mond, der im Gegensatz zu seinen Artgenossen aus seinem Kern eine angenehme Wärme abstrahlt. Augustine selbst hat diese Mission einst erdacht, um der Menschheit die Chance für einen Neuanfang zu ermöglichen – für den es nun aber zu spät scheint. Die Crew wiederum hat keine Ahnung, was auf der Erde passierte und versucht vergeblich, die NASA, die ESA oder auch nur irgendjemanden auf dem Heimatplaneten zu erreichen, um mitzuteilen, dass K-23 tatsächlich bewohnbar ist.

Wie Augustine feststellen muss, ist die Antenne der Barbeau-Station zu schwach, um bis zum Raumschiff durchzudringen. Also entschließt er sich, einen gefährlichen Trip durch die Eiswüste zu unternehmen – in Richtung einer Wetterstation, die mit einer größeren und stärkeren Antenne ausgestattet ist. Wie der Forscher dabei entdeckt, ist er jedoch nicht so alleine, wie er ursprünglich dachte. Bei der Evakuierung wurde offenbar ein Mädchen zurückgelassen. Für dieses muss er nun wohl oder übel die Verantwortung übernehmen. Letztlich ist er auch ganz froh, nicht mehr völlig alleine zu sein.

Das ist keine Science-Fiction-Action

The Midnight Sky basiert auf dem Roman Good Morning, Midnight von Lily Brooks-Dalton. Bei der Umsetzung nahmen sich der Drehbuchautor Mark L. Smith und Regisseur George Clooney einige Freiheiten, aber nicht so viele, dass es ein Verrat an der Vorlage wäre. Das Buch wie auch der Film sind keine technischen Science-Fiction-Visionen und trotz Weltuntergangsszenario auch keine Dystopien. Nicht das Spektakel oder das Drama stehen im Vordergrund, sondern die elegische Stimmung und die Reflexion des Gegenwärtigen, Vergangenen und Zukünftigen. Gemächlich ziehen sich manche Szenen daher dahin. Manchmal gar zu gemächlich, wenn die Crew der Aether allzu nichts tuend unterwegs ist.

Die Netflix-Produktion scheint sich bei der Inszenierung an einigen großen Vorbildern zu orientieren. Augustine Lofthouse könnte glatt als gealterte Version von Freeman Lowell aus dem 1972er Öko-Science-Fiction-Experiment Lautlos im Weltraum durchgehen, der mit stoischer Routine und unterstützt von einem Roboter-Trupp auf einem riesigen Raumschiff die letzten Wälder der Erde bewahrt. Ebenso lässt die ruhige und auf eine sehr klare Optik bedachte Inszenierung aber auch an die Verfilmung des Stanisław-Lem-Romans Solaris durch Steven Soderbergh denken, in der George Clooney 2002 die Hauptrolle übernommen hatte.

Ein perfekter Jahresabschluss

Die von George Clooney auserkorenen Vorbilder zeigen sich nicht nur im Handwerk, sondern auch den Effekten. Fauchende Schneestürme, die die Forschungsstation einschließen, ein Flugzeugwrack mitten in der Eiswüste, Astronauten auf einem Weltraumspaziergang oder das gigantische Raumschiff, das sich mit seinen drehenden Gravitationsgeneratoren durch das All zu schrauben scheint. Es sind grandiose und herrlich anzusehende Bilder, die gut und gerne auch aus Interstellar, Gravity und Der Marsianer stammen könnten. Gebraucht hätte es aber nicht unbedingt alle davon. Denn es sind nicht jene überwältigenden Aufnahmen, die packen, sondern die intimen Momente, in denen die Charaktere ihre Menschlichkeit zeigen.

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Mit alldem ist The Midnight Sky eine melancholische, aber auch hoffnungsvolle Science-Fiction-Geschichte, die sicher kein Klassiker des Genres wird. Dafür bietet sie letztlich zu wenig. Aber dennoch kann sie gefallen und unterhalten. Sie versichert, dass auch, wenn alles verloren scheint, es noch einen Grund gibt, weiter zu machen und ein Überleben möglich ist, selbst wenn es für einen selbst vielleicht zu spät ist. Nicht nur das Hier und Jetzt, sondern auch die Zukunft gilt es zu bewahren. Damit sendet The Midnight Sky eine aufmunternde und ermutigende Botschaft, die wir nach dem Katastrophenjahr 2020 nur allzu gut gebrauchen können.

Teaser-Bild: Netflix

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