ClearView AI ist weltweit im Einsatz, aber offenbar nicht in Deutschland

Erst vor kurzem war bekannt geworden, dass ein Start-up namens ClearView AI Milliarden von Fotos aus dem Internet gezogen hat. Mit denen wurde eine riesige Datenbank für den nun heftig umstrittenen Gesichtserkennungsdienst des Unternehmens befüllt. Jetzt wurde ClearView AI seine Kundenliste gestohlen – und in Teilen öffentlich gemacht.

Von Michael Förtsch

Fast drei Jahre lang hatte ClearView AI weitestgehend im Verborgenen gearbeitet. Als die Reporterin Kashmir Hill am 18. Januar dieses Jahres einen Artikel über das Start-up in der New York Times veröffentlichte, wurde es jedoch auf einen Schlag weltweit bekannt – und umstritten. Denn ClearView AI bietet einen einfach zu nutzenden Gesichtserkennungsdienst an. Um den möglich zu machen, hatte das Unternehmen die Bilder von rund drei Milliarden Gesichtern inklusive dazugehöriger Personendaten automatisiert aus dem Internet geladen – unter anderem von Plattformen wie Facebook, YouTube, Twitter, LinkedIn oder Venmo. Damit verstieß es nicht nur gegen die Nutzungsbedingungen dieser Dienste verstoßen und schuf die bisher größte bekannte Datenbank dieser Art bei einem Privatunternehmen. Es startete auch einen Dienst, den es so bisher noch nicht gab.

Mit seinem Dienst ermöglicht es ClearView AI, auch Menschen zu identifizieren, deren Gesicht nicht bei einer Strafverfolgungsbehörden gespeichert ist und die auch nicht zugestimmt haben, dass ihr Gesicht für einen solchen Dienst genutzt wird. Hinter dem Unternehmen stehen der Entwickler Hoan Ton-That und der republikanische Unternehmer Richard Schwartz. Finanziell unterstützt wurden sie unter anderem vom durchaus berüchtigten PayPal-Mitbegründer und Investor Peter Thiel. Laut Hoan Ton-That selbst wird der Dienst derzeit von rund 600 Behörden sowie einigen Privatunternehmen genutzt. Wie in den letzten Tagen berichtet wurde, wurde der Firma nun auch noch ihre Kundenliste gestohlen – samt Daten zu einzelnen Nutzerkonten und der Zahl der Suchvorgänge. Die Liste wurde Buzzfeed News exklusiv zugespielt und von dessen Redakteuren ausgewertet.

Den Dokumenten zufolge hatten deutlich mehr Behörden und Firmen einen Zugriff auf den Dienst von ClearView AI, als das Unternehmen zunächst eingestand. Zudem widerspricht die Kundenliste dem Grundsatz, den ClearView-AI-Gründer Hoan Ton-That angeführt hatte. Der sagte, der Dienst sei „ausschließlich für die Strafverfolgung“. Auch die Aussage des Gründers, dass ClearView AI seine Tätigkeit auf „die USA und Kanada fokussiert“, stimmt offenkundig nicht. Denn insgesamt werden in den Dokumenten des Unternehmens rund 2.900 registrierte Kunden in 27 Ländern geführt, die vielfach weder mit der Strafverfolgung oder Sicherheitsbehörden noch mit Sicherheitsdiensten assoziiert sind.

ClearView AI wird weltweit genutzt

Zu den größten Kunden von ClearView AI zählen laut den Dokumenten, die Buzzfeed News zugespielt wurden, mehrere US-amerikanische Behörden, darunter das Department of Homeland Security. Auf Mitarbeiter von dessen Grenzschutzbehörde sollen insgesamt 280 ClearView-Konten registriert sein, von denen aus fast 7.500 Suchen durchgeführt wurden. Ebenso sollen Agenten der US-Polizei- und Zollbehörde, die auch für die Deportation von Einwanderern zuständig ist, mehr als 8.000 Suchen mit insgesamt 60 Konten durchgeführt haben. Aber auch der US Secret Service, die Drug Enforcement Administration, das FBI und das sogenannte Tech-Office des Weißen Hauses sollen die Applikation genutzt haben. Daneben sollen mehrere Polizeidienststellen quer durch die USA jeweils mehrere Konten für ihre Polizisten registriert haben.

Doch der Kreis der Nutzer endet nicht in den USA. Wie Buzzfeed News schreibt, sollen auch „Strafverfolgungsbehörden, Regierungsbehörden und Polizeikräfte“ in EU-Ländern wie Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Portugal und Schweden zu den registrierten Kunden zählen. Von deutschen Behörden und Polizeidiensten ist in den Dokumenten – soweit bekannt – nicht die Rede. Jedoch soll der internationale Polizeidienst Interpol den Gesichtserkennungsdienst genutzt haben – für über 320 Suchen. Diese sollen in Zusammenhang mit Ermittlungen der Crimes-Against-Children-Dienststelle erfolgt sein. Auch die Metropolitan Police von London, die australische Bundespolizei, mehrere kanadische Polizeidienststellen, die Polizei der der Vereinigten Arabischen Emirate und das Innenministerium von Abu Dhabi sollen Suchen mit der Software durchgeführt haben.

Ebenfalls als Kunden geführt werden etliche Privatunternehmen. Darunter sind die US-Einzelhandelsketten Walmart, Kohl’s und Macy’s, Banken wie Wells Fargo und Bank of America, das Ticket- und Veranstaltungsunternehmen Eventbrite und das Fitnessunternehmen Equinox. Auch Mobilfunk- und Kommunikationsunternehmen wie AT&T, Verizon und der US-Ableger von T-Mobile werden in der Kundenliste aufgezählt. Die Mubadala Investment Company, der privat geführte Investmentfonds von Abu Dhabi, und private Sicherheits- und Schutzdienste wie Gavin de Becker and Associates sind auch verzeichnet.

Gegen ClearView AI wird ermittelt

In einigen Fällen sollen, das zeigen die Buzzfeed-News -Recherchen, Organisationen selbst nicht darüber informiert gewesen sein, dass Angestellte die Dienste von ClearView AI nutzen. Andere verneinten eine Nutzung, obwohl in den Dokumenten mehrere Suchanfragen sichtbar waren. Insgesamt sollen über alle verzeichneten Konten hinweg über 500.000 Suchanfragen bei ClearView AI durchgeführt worden sein.

Derzeit gehen mehrere Social-Media-Plattformen gegen ClearView AI vor, von denen die Bilder für die ClearView-AI-Datenbank abgezogen wurden. Unter anderem hat ClearView AI eine Unterlassungserklärung von Google und Twitter erhalten. Beide Unternehmen fordern, dass sämtliche von ihren Plattformen kopierten Bilder unverzüglich gelöscht werden. Ebenso hat die kanadische Datenschutzbehörde eine Untersuchung von ClearView AI eingeleitet, da sie offenbar das Recht auf Privatsphäre zahlreicher kanadischer Bürger verletzt. Im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden von ClearView AI hatte Bundesbeauftragte für den Datenschutz in Deutschland, Ulrich Kelber, ein Verbot von Gesichtserkennung im öffentlichen Raum gefordert.

Teaser-Bild: Getty Images / Imaginima

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