Augmented-Reality-Brillen: Die Revolution muss verschoben werden

Das Start-up Magic Leap wollte mit seiner Augmented-Reality-Brille die Realität mit dem Digitalen verschmelzen lassen. Die Magic Leap One ist auch tatsächlich ein faszinierendes Gadget – aber erweist sich nun als Flop. Auch andere AR-Brillen Entwickler hadern. Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif.

Von Michael Förtsch

Es hatte tatsächlich etwas von einem magischen Zauberturm. Über Jahre hinweg erschuf das Start-up Magic Leap ein gigantisches Mysterium. Immer wieder reisten die großen Namen der Tech- und Unterhaltungswelt in ein Bürogebäude in Dania Beach, Florida, um dann mit geheimnisvollen Andeuten darüber herauszukommen, woran dort gearbeitet wird. Gleichzeitig wurden Milliardensummen in das 2011 gegründete Unternehmen von Rony Abovitz investiert, der einst mit medizinischen Robotern ein Vermögen gemacht hatte. Erst drei Jahre später klärte sich, dass hinter den Türen des „geheimnisvollsten Tech-Unternehmens der Welt“, wie es zeitweise umschrieben wurde, irgendwas mit Augmented Reality geschieht. Es dauerte nochmals bis Ende 2017 bis gezeigt wurde, was dieses „irgendwas“ ist: eine Augmented-Reality-Brille, die virtuelle 3D-Objekte mit der echten Umgebung verschmelzen lässt.

Ende 2018 kam die Brille schließlich: die Magic Leap One, die ich noch für die WIRED Germany einem langem Probelauf unterziehen konnte. Was das Gerät erlebbar machte, war durchaus imposant. Mit einer App namens Create ließen sich in die realen Welt virtuelle Objekte wie Bäume, Rampen und Rutschen hineinbauen und mit kleinen Rittern und Monstern bevölkern, die einander bekämpfen. Sie konnten auch physikalisch korrekt von Tischen und Stühlen hinunterpurzeln. Bei der psychedelischen Musik-App Tónandi wiederum wuchsen außerirdische Unterwasserpflanzen aus den Wänden und Decken. Die Sensoren in der Brille kartographieren nämlich die echte Welt als einen detaillierten 3D-Spielbereich mit Grenzen, Höhenebenen und Hindernissen.

Ich urteilte in meinem WIRED-Artikel, dass die Magic Leap One „irgendwie zauberhaft, aber nicht magisch“ ist. Dass es „noch an Anwendungen und Games [fehlt], die demonstrieren, wofür die Brille wirklich taugt“ und sie daher mit einem Preis von 2.295 US-Dollar „nicht mehr als ein teures Experiment“ darstellt. Ein Experiment, das scheinbar auch für Magic Leap ein ziemlicher Schlag für das Investorenkonto bedeutete. Denn trotz des gigantischen Hypes um das Wunder-Start-up hat Magic Leap in den ersten sechs Monaten lediglich 6.000 der Brillen verkauft, wie ein Bericht von The Information jetzt enthüllte. Erhofft hatten sich Rony Abovitz und sein Team über 100.000. Eine Enttäuschung – die aber fragen lässt, was das nun eigentlich genau bedeutet.

Ist die Brille ein Fehlschlag?

Es ist unklar, was Magic Leap für ein Schicksal bevorsteht. Das Unternehmen braucht nämlich dringend neues Geld von Investoren, um weitermachen zu können. Aber egal ob Magic Leap den Flop übersteht oder nicht: Was das Unternehmen geschafft hat, das ist trotz allem echt beeindruckend. Das vergleichsweise kleine Headset mit der Untertassen-großen Recheneinheit begann vor Jahren nämlich als ein Bürostuhl-großes Gestell aus Computerbauteilen und Objektiven, in das der Kopf hingelegt wurde. Sukzessive wurde weiter und weiter verkleinert. Einige der Bilder der frühen Prototypen sind mittlerweile ins Netz getröpfelt. Zu sehen sind mit Platinen bestückte Helme, eine Pizzaschachtel-artige Pappkonstruktion, die zwei dicke Linsen in Position hält, oder auch eine Umhängetasche, in die ein kleiner Computer eingespannt ist.

Derzeit soll Magic Leap auch schon an der nächsten Generation der AR-Brille arbeiten. Die Magic Leap Two soll mit 5G-Anbindung, einem breiten Sichtfeld und in verschiedenen Farben daherkommen. Aber: erst in mehreren Jahren. Denn die Ingenieure des Start-ups seien momentan mit „fundamentalen technologischen Beschränkungen“ konfrontiert, zitiert der Enthüllungsbericht. Und damit ist Magic Leap offenkundig nicht alleine. Schon seit Jahren soll Apple an einem Augmented-Reality-Headset werkeln, aber eine Veröffentlichung immer wieder und wieder verschoben haben, weil es technisch noch nicht soweit war. Und weil das Gerät mit dem Codenamen N301 einfach noch zu klobig sein soll. Es sähe derzeit aus wie eine etwas geschrumpfte Fassung der VR-Brille Oculus Quest, schreibt ebenso The Information, und entspräche damit so gar nicht den Anforderungen an ein Apple-Gerät. Frühstens 2022 könne es daher erscheinen.

Auch Microsoft hadert beim Thema Augmented-Reality-Brille. Die HoloLens ist heute, anders als einst bei der Präsentation mit Games wie Minecraft vermittelt wurde, kein Gaming- und Spaßprodukt für die Masse. Sondern sie ist mit 3.500 US-Dollar und zusätzlichem Service-Abo, das pro Benutzer und Monat berechnet wird, ein Entwicklungs- und Planungsgerät für Industrie und Militär. Architekten können damit ihre Gebäude frei im Raum schwebend gestalten, Autobauer virtuell Motoren und Innenausstattungen auseinandernehmen und Waffenbauer ihre Raketen und Kampfflugzeuge zerlegen. Genau dafür wurde dann die Nachfolgerbrille, die HoloLens 2, entwickelt und optimiert – nicht für die normalen Verbraucher , sondern die Industrieanwender. Ein Markt, der nun auch für Magic Leap attraktiv werden könnte.

Es sieht damit so aus, als sei Magic Leap mit der Magic Leap One so weit nach vorne gesprungen, wie es technisch bisher machbar war. Dass die Firma die Hardware soweit verkleinert hat, wie es für ein sogenanntes Consumer -Produkt ging, das zumindest ansatzweise im finanziell erschwinglichen Rahmen liegt. Nur scheint das für den Durchbruch in der Breite noch nicht zu reichen. Die Mängel und Makel der Magic Leap liegen – wie zahlreiche Hands-on-Berichte und ausführliche Tests schreiben – ziemlich auf der Hand. Sie ist klein, aber nicht klein genug. Ihre Hardware ist rechenstark, aber nicht rechenstark genug. Das Sichtfeld ist zu schmal, das Display nicht genügend hell und die Auflösung zu niedrig. Und wirklich mobil ist sie ohne Mobilfunk-Anbindung auch nicht. Damit fehlt es an Komfort und auch an jenen Apps und Games, die es bräuchte, um sie wirklich begehrt zu machen. Und all das gilt eben nicht nur für die Magic Leap, sondern auch für alle anderen aktuellen und schon zuvor gescheiterten AR-Brillen. Das kommt einem bekannt vor!

Der AR geht es heute wie der VR in den 1990er Jahren

Es ist nicht so, dass die Augmented Reality generell straucheln oder gar scheitern würde. Das zeigen allem voran AR-Games und Apps wie Ingress , Pokémon Go , Google Lens , GIPHY World , Amikasa , Minecraft Earth und viele weitere Anwendungen, die aber nur für Smartphones verfügbar sind. Denn dort funktionieren sie, dort werden sie von Millionen Menschen genutzt. Auf AR-Headsets könnten sie momentan gar nicht oder nur mit großen Abstrichen laufen. Weil keine LTE- oder 5G-Anbindungen vorhanden sind, um damit unterwegs Pokémon zu fangen oder in einem Park eine Klötzchenwelt aufbauen zu können. Weil die Batterie keine zwei Stunden durchhalten würde. Und weil in der Nachmittagssonne kaum etwas auf den semi-transparenten Linsen zu erkennen wäre und komplexe virtuelle Objekte zum Pixelbrei werden würden. Ganz im Gegensatz eben zu den AR-Welten auf dem Smartphone.

VFX1

Derartiges gab es tatsächlich schon einmal. Zumindest so ähnlich. Nämlich bei den Virtual-Reality-Headsets. Die hatten in den 1990er-Jahren ihre ersten wackeligen Schritte in Richtung der Gamer gemacht, zum Beispiel in Form des Virtual Boy von Nintendo, des Forte VFX1 von Forte Technologies oder auch der i-Glasses von Virtual I/O oder des Cybermaxx Virtual Reality Helmets von VictorMaxx für den PC. Wie die aktuellen AR-Headsets waren sie faszinierende Entwicklungen, die das Potential der Technologie andeuteten. Aber sie waren weit davon entfernt, technisch ausgereift zu sein. Der Virtual Boy wurde nicht auf dem Kopf getragen, sondern mit einem Gestänge auf den Tisch gestellt. Die Bildschirme bestanden aus roten LEDs, die die Tetris-Klötzchen oder den Klempner Mario auf einem Tennisplatz zeichneten. Das sah weder gut aus, noch funktionierte es gut und bereitete vielen Spielern sogar Kopfschmerzen.

Das Forte VFX1 war im Gegensatz zum Virtual Boy zwar schon ein richtiges Virtual-Reality-Headset. Aber es war auch unwahrscheinlich wuchtig, spannte den Kopf der Spieler förmlich ein und knallte einem mit seinen Displays auch damals schon vergleichsweise grobe 263 mal 230 Pixel vor die Augen. Dazu lief das Forte VFX1 bei vielen Grafikkarten nicht ohne Probleme – und war mit seinerzeit 1.800 Deutschen Mark so teuer wie ein PC. Kopfbewegungen wurden in Spielen wie Duke Nukem 3D oder Quake nur mit Verzögerung nachgestellt, was machen Spieler regelrecht übel werden ließ. Das CyberMaxx, die i-Glasses und weitere VR-Headsets der 90er, die heute kaum noch einer kennt, waren kaum besser, sondern eher schlechter. Daher: Direkt auf dem PC oder der Konsole zu spielen war einfach spaßiger! Nur einige wenige VR-Headset-Hersteller und Entwickler überlebten diese Zeit. Nämlich in dem sie ihre Geräte als Profifassungen an die Industrie und das Militär lieferten.

Die Technik für das, was sie diese Virtual-Reality-Brillen bieten sollten und versprochen hatten, war einfach noch nicht da. Die VR scheiterte und verschwand. Aber nur, um später wiederaufzuerstehen und eine Renaissance zu erleben. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, aber mit den Oculus-VR-Brillen, der PlayStation VR, den HTC-Vive-Headsets und zahlreichen weiteren Virtual-Reality-Geräten wird nun erlebbar, was die VR-Brillen-Visionäre der 90er-Jahre erreichen wollten. Bei den Augmented-Reality-Brillen könnte es ganz genauso laufen.

Vielleicht sind die Magic Leap One und die anderen AR-Headsets der erste Versuch einer technischen Revolution – aber schlicht zu früh dran. Die Entwickler müssen warten bis die Hardware und Produktionsverfahren aufholen. Dann könnten jedoch all die spannenden Ideen und Visionen, die für die Augmented Reality existieren, die Realität vor unseren Augen mit fantastischen Parallelwelten verschmelzen lassen. Vielleicht schon in einigen Jahren, vielleicht in einem Jahrzehnt oder noch etwas später. Die Revolution ist damit verschoben aber nicht abgesagt.

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