26. Oktober 2023
Stellarator statt Tokamak: Proxima Fusion aus Deutschland will das Rennen um die Kernfusion gewinnen

Das Münchner Kernfusions-Start-up Proxima Fusion startet später und mit weniger Geld als viele Konkurrenten. Dennoch gibt sich dessen Chef Francesco Sciortino selbstbewusst – kann seine Firma doch auf etwas aufbauen, was den Mitbewerbern fehlt: jahrzehntelange Forschung der Max-Planck-Gesellschaft, die bei Stellaratoren als führend gilt.
Von Wolfgang Kerler
„Wenn man irgendetwas über Kernfusion weiß“, sagt Francesco Sciortino, gleich nachdem er die größte Bühne beim Festival der Zukunft betritt, „dann, dass sie immer 30 Jahre entfernt ist.“ Bisher jedenfalls. In letzter Zeit habe sich jedoch etwas verändert. „Diesmal könnte es tatsächlich klappen“, zitiert Sciortino eine Titelseite des TIME Magazine, die über ihm auf der Leinwand zu sehen ist. Das Cover ist acht Jahre alt. In großen Lettern steht darauf auch, was die Faszination der Kernfusion von jeher ausmacht: „Unbegrenzte Energie. Für alle. Für immer.“
Saubere, sichere Stromerzeugung wie im Inneren der Sonne, darum geht es bei der Kernfusion. Unter extremen Druck und bei gewaltiger Hitze verschmelzen dort permanent Atomkerne, wobei Energie freigesetzt wird. Das auf der Erde zu reproduzieren, war lange nur eine Verheißung, ein Thema für kostspielige Grundlagenforschung. Doch die wissenschaftlichen Fortschritte der vergangenen Jahre ermutigen immer mehr Gründerinnen und Gründer, den nächsten Schritt zu wagen: mit eigenen Start-ups die Kommerzialisierung der Technologie voranzutreiben – beziehungsweise: Fusionskraftwerke zu bauen.
Francesco Sciortino zeigt eine Folie mit Dutzenden Firmenlogos. Commonwealth Fusion Systems, TAE oder Helion aus den USA sind darauf genauso zu finden wie Tokamak Energy aus Großbritannien oder Marvel Fusion und Focused Energy aus Deutschland. All diese Firmen setzen auf mal mehr, mal weniger unterschiedliche Technologien – auf Magnet- oder Laserfusion, auf Tokamaks oder Stellaratoren. Doch die meisten von ihnen können von sich behaupten, dass sie schon seit ein paar Jahren im Geschäft sind. Und dass sie zwei-, drei- oder gar vierstellige Millionensummen von Investoren eingesammelt haben. Insgesamt soll die Branche inzwischen 6,1 Milliarden US-Dollar erhalten haben.
Proxima Fusion wirkt angesichts dessen fast wie ein Spätzünder, wurde die Firma doch erst im Januar 2023 von Francesco Sciortino und fünf Mitstreitern gegründet. Nur wenig später schloss sie eine Finanzierungsrunde über sieben Millionen Euro ab. Besteht damit überhaupt die Chance, die Konkurrenz einzuholen – oder gar zu überholen? „Ja, absolut“, sagt Francesco Sciortino im Interview mit 1E9. „Der Wettlauf um die Fusion hat gerade erst begonnen.“ Tatsächlich hat noch keine der jungen Firmen einen Reaktor in Betrieb, der tatsächlich Strom liefert. Erste Prototypen und tatsächliche Kraftwerke sind, je nach Start-up, für die Zeit zwischen 2025 und 2040 angekündigt.
„Letztendlich werden diejenigen Unternehmen die Fusion kommerzialisieren, die ein funktionierendes Konzept haben, und nicht diejenigen, die Geld in Geräte stecken, die sich nicht effektiv zu einem Kraftwerk skalieren lassen“, meint Sciortino. Und Proxima Fusion verfüge über das schlüssigste Konzept von allen. Hinzu komme, dass das Unternehmen auf der jahrzehntelangen Forschung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik aufbauen könne. „Wir sind die erste Ausgründung in dessen 60-jähriger Geschichte“, sagt er.
Stellarator oder Tokamak? Beide Konzepte haben Vor- und Nachteile
Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, kurz: IPP, erforscht mit rund 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Garching bei München und in Greifswald die Kernfusion – insbesondere die Fusion mit magnetischem Plasmaeinschluss, also die Magnetfusion. In Garching betreibt es dafür mit dem ASDEX Upgrade einen Tokamak, in Greifswald mit dem Wendelstein 7-X einen Stellarator. Beide Anlagen sind ringförmig. In ihrem Inneren laufen Prozesse ab, deren Grundprinzip ähnlich ist.
Dort wird Wasserstoff, hauptsächlich aus Deuterium und Tritium, auf Temperaturen von um die 100 Millionen Grad Celsius erhitzt. Er nimmt dadurch die Form von Plasma an, in dem es zur Kernfusion kommen kann. Dabei entstehen einerseits Heliumkerne und andererseits freie Neutronen mit hoher Geschwindigkeit. In ihrer Geschwindigkeit steckt die freigesetzte Energie. Werden die Neutronen eingefangen und abgebremst, kann ihre Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt und diese Wärme zur Stromgewinnung genutzt werden. Von Magnetfusion spricht man, da das Plasma innerhalb der Anlagen durch Magnetfelder kontrolliert wird.

