Staatenlos an die Macht: Leben wir bald selbstbestimmt in digitalen Ländern?

Im Zuge der Corona-Pandemie haben viele Menschen gemerkt, dass sie eigentlich an jedem Ort der Welt arbeiten können. Gleichzeitig sorgen Fehlentscheidungen für ein sinkendes Vertrauen der Bürger in Regierungen und Institutionen. Und dezentrale Technik macht gerade völlig neue Formen menschlicher Kooperation möglich. Hat der Staat, wie wir ihn kennen, bald ausgedient? Wir gehen auf Spurensuche, sprechen mit Luis Cuende von Aragon und Sondre Rasch von Safety Wing – und stoßen immer wieder auf ein beinahe hellsichtiges Buch aus den 1990ern.

Von Krischan Lehmann

Warum umgeben wir uns nicht häufiger mit Leuten, deren Interessen und Leidenschaften wir teilen? Warum arbeiten wir nicht da, wo wir am produktivsten sind, zum Beispiel in den Bergen, am Meer oder irgendwo auf dem Land? Und warum gehen wir die Herausforderungen unserer Zeit – vom Klimawandel bis zur Massentierhaltung – eigentlich nicht alle gemeinsam an und warten lieber auf Entscheidungen aus der Politik? Utopisch? Sicher. Aber für den Spanier Luis Cuende durchaus machbar. Seine Lösung fängt mit Software an.

„Ich habe 2011 begonnen, mich in Bitcoin hineinzufuchsen, als Spanien gerade tief in einer Wirtschaftskrise steckte“, erinnert er sich im Gespräch mit 1E9. „Damals erlebte ich aus erster Hand, wie Regierungen das Leben von Millionen von Menschen in den Sand setzten, um die Banken zu retten. Und ich merkte, dass etwas völlig falsch lief. Bitcoin war für mich ein Ausweg aus diesem unfairen System und gleichzeitig eine grüne Wiese, auf der man etwas Neues aufbauen konnte.“

Das Neue, von dem Cuende spricht, nennt sich heute Aragon – benannt nach einer weitgehend autonom lebenden Gemeinde im Nordosten Spaniens nahe der Pyrenäen. Aragon ist eine Softwarebibliothek, mit der man sogenannte DAOs baut. Das Kürzel steht für „Dezentralisierte Autonome Organisationen“. Es geht also um digitale Organisationen, die im Fall von Aragon auf der Ethereum-Blockchain laufen.

Im Grunde besteht Aragon aus einer Sammlung an Apps, die die einzelnen Bereiche eines klassischen Unternehmens abbilden, erweitern und sich wie bei einem Baukasten miteinander verbinden lassen. Mit einem großen Unterschied: Eine Unternehmenszentrale fehlt, alle Module von der Mitgliederverwaltung über die Buchhaltung bis zum Projektmanagement und dem Fundraising werden dezentral verwaltet. Dabei anfallende Entscheidungen werden von den Netzwerkteilnehmern „bottom up“ getroffen – mit Hilfe von „Smart Contracts“ und digitalen Tokens zur Stimmabgabe, die an die Mitglieder ausgegeben werden können.

Über 1.700 Organisationen wurden mit Hilfe von Aragon bereits gegründet, digitale Assets im Wert von rund 900 Millionen Dollar verwaltet das System derzeit. Und 2021 könnte – nach ersten gescheiterten Gehversuchen vor fünf Jahren – das große Jahr der DAOs werden: Auf der Übersichtsseite Deepdao zeigen sich ein starkes Mitgliederwachstum im Februar und eine immer länger werdende Liste von Communitys. Die dominierende Plattform: Aragon. Auch etliche Platzhirsche aus dem florierenden Decentralized-Finance-Sektor wie AAVE oder Curve nutzen das System zur Selbstorganisation.

DAOs machen eine kambrische Explosion menschlicher Koordination möglich!
Luis Cuende, Aragon

Für Luis Cuende ist das nur der Anfang. Sein „Masterplan“ sieht vor, im ersten Schritt zu beweisen, dass dezentral organisierte Gemeinschaften existieren und florieren können. Langfristig will er Staaten, wie wir sie kennen, ablösen und besser machen. Durch schlanke, schnelle und effiziente Organisationsformen, die das vielbeschworene globale Dorf des Internets mit Leben füllen. „Diese ganze Idee, die auf den Säulen einer anderen Identität, einer anderen Sprache und eines Stücks Land aufgebaut ist, hat sich längst überholt. Gerade fühlt es sich so an, als wäre ihre Zeit zum Verschwinden gekommen. Ich würde gerne kleine Gemeinschaften sehen, die auf Sympathie und nicht auf Indoktrination basieren und miteinander kooperieren.“

Sind solche Ideen alternativer Gesellschaftsformen nur Wunschträume weltfremder Nerds, die zu oft Snow Crash oder Ready Player One gelesen haben? Nicht, wenn es nach James Dale Davidson und Lord William Rees-Mogg geht. Ihr bereits 1997 erschienenes Buch „The Sovereign Individual: Mastering the Transition to the Information Age“ wird in den Kreisen der digitalen Weltenbummler, Bitcoin-Jünger und Kryptoanarchisten wegen seiner prophetischen Kraft kultisch verehrt.

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien sind subversiver für den modernen Staat als jede politische Bedrohung seiner Vorherrschaft seit der Seefahrt des Kolumbus.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

In einem Streifzug durch die Menschheitsgeschichte legen die beiden Autoren Muster dar, die großen gesellschaftlichen Veränderungen immer vorausgingen. Topologische und klimatische Veränderungen, die Ausbreitung von Viren und Mikroben sowie Technologiesprünge seien die „megapolitischen Treiber“ des Wandels. Und in der vernetzten Welt der Computer, so die nüchterne These, hätten die modernen Nationalstaaten, die das Industriezeitalter hervorgebracht hat, schlicht keine Überlebenschance. Mit dem Fall der Berliner Mauer sei nicht etwa nur das Ende des Sozialismus eingeleitet worden, sondern das Sterben der modernen Nationalstaaten an sich.

Denn ein Staat bekäme seine Bürger, die nun im Cyberspace kommunizieren und mit digitalen Währungen auf globaler Ebene Handel treiben könnten, nicht mehr unter Kontrolle. Durch mobile Technologien würde der Mensch des Informationszeitalters zudem die „Tyrannei der Lokalität“ überwinden, an jedem Ort der Welt sein Auskommen finden und so – wie es der Titel des Buches verheißt – zu einem souveränen Individuum werden. Zu einem Menschen, der sein eigener Staat ist.


Herrschaftsformen kommen und gehen: James Dale Davidson und Lord William Rees-Mogg halten den modernen Nationalstaat für ein Nebenprodukt des Wohlstands, den das Industriezeitalter hervorbrachte, – und eine eher kurze Episode in der Menschheitsgeschichte.

„Der blitzschnelle Austausch von Informationen“, heißt es im Buch, „wird in einem viel größeren Ausmaß, als wir das heute begreifen, wie ein Lösungsmittel große Institutionen zersetzen. Er wird nicht nur die Logik der Gewalt, sondern auch die Informations- und Transaktionskosten radikal verändern, die bestimmen, wie sich Unternehmen organisieren und wie die Wirtschaft funktioniert.“

Ein treibender Faktor dabei seien neue kryptographische Verfahren, die nicht nur anonyme Kommunikation, sondern auch eine globale Schattenwirtschaft ermöglichen, die das Gewaltmonopol des Staates außer Kraft setzen: „Es wird für eine Regierung genauso wenig möglich sein, den Cyberspace, einen Bereich ohne jegliche physische Existenz, zu monopolisieren, wie es für mittelalterliche Ritter möglich gewesen wäre, die Transaktionen im Industriezeitalter rittlings auf einem gepanzerten Reittier zu beherrschen.“ Und weiter: „Egal wie viele Regierungen versuchen, in den Cyberspace einzudringen: Sie werden in diesem Raum nicht fähiger oder mächtiger sein als jeder andere.“

Der Don Quijote des 21. Jahrhunderts wird ein Bürokrat im braunen Anzug sein, ein Steuereintreiber, der sich nach einem Bürger zum Prüfen sehnt.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

In einer solchen Welt, in der man weitestgehend autonom agieren und "mit dem Fuß abstimmen” kann, werde der Bürger zu einem Kunden des Staates, der im globalen Wettbewerb aufgefordert sei, mit anderen Staaten um ihn zu konkurrieren. Dies werde "die Entstehung einer Wirtschaft erleichtern, die mehr von spontanen Anpassungsmechanismen und weniger von (…) der Zuweisung von Ressourcen durch die Bürokratie abhängt”.

In der Tat haben etliche Entwicklungen seit Erscheinen des Buches vor über zwanzig Jahren den Autoren Recht gegeben. Die schnelle Adaption an die wachsende Komplexität der digitalen Welt ist – vom Sillicon Valley ausgehend – zum allgegenwärtigen Mantra geworden: „Ideate, build, iterate, repeat!“, „Fail fast!“ und „Always beta“ steht auf tausenden von bunten Stickern an den Whiteboards der Unternehmen dieser Welt. Wer nicht schnell, agil und userzentriert genug ist, kommt unter die Räder.

Die Computer zeigen uns, dass komplexe Systeme nur von unten nach oben aufgebaut und verstanden werden können.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

Die Corona-Pandemie hat diesen Umstand schmerzlich offen gelegt: Während private Angebote vom E-Commerce über Streaming-Plattformen bis zur Video-Telefonie sich in kürzester Zeit auf die Heerscharen von Stubenhockern einstellen konnten, kommen in vielen staatlichen Institutionen bis heute Faxgeräte zum Einsatz. Die Maskenverteilungsselektionslogistik kostete mehr, als wenn man einfach jedem Bundesbürger Masken geschickt hätte. Und ausgerechnet bei der Beschaffung von Impfstoffen knauserte die sonst mit locker sitzendem Geldbeutel agierende EU. Der Hashtag „Staatsversagen“ trendete bei Twitter, „Die neue deutsche Unfähigkeit“, titelte der Spiegel. In The Atlantic zieht Yascha Mounk ein bitteres erstes Resümee: „Vielen demokratischen Regierungen und etablierten Institutionen auf der ganzen Welt erging es weitaus schlechter, als sich die meisten Menschen vor einem Jahr hätten vorstellen können.“

Wir haben kein Vokabular, um die Paradigmenwechsel zu beschreiben, die um uns herum geschehen.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

Wie an den ausfransenden Grenzen des sterbenden Römischen Reiches, prognostizierten Davidson/Rees-Mogg, werde es auch im Informationszeitalter lange noch so genannte "Marschregionen” geben, in denen man nur noch pro forma einer alten Gesetzbarkeit unterworfen sei, längst aber schon das Hohelied auf neue Herrscher sänge. Mehr noch: Topologisch sei der Cyberspace eigentlich wie ein Ozean, beinahe unendlich tief und von keiner Macht beherrschbar. Und lange würden die Leute gar nichts von den tiefgreifenden Veränderungen durch neue Technologien merken, weil sie schleichend kämen oder mit Verzögerung einsetzten.

Schwer fällt es nicht, Beispiele für die Richtigkeit dieser Thesen zu finden: Wer hat die Macht, wenn Twitter dem noch amtierenden Präsidenten Trump seinen wichtigsten Kommunikationskanal dichtmacht – der kurz danach mit einer eigenen Plattform zurückkommen will? Wer kennt uns besser, der Staat oder Google? Wer schützt die Jugend wie noch in den 80ern, als jeder Space Invaders-Automat in Spielotheken ab 18 Jahren verbunkert war, während heute YouPorn nur ein Klick entfernt ist? Man denke an das Urheberrecht und Pirate Bay. Betäubungsmittelgesetze in Zeiten des Darknets. Politischen und religiösen Extremismus in Threema. Oder an das nur phonologisch von großer Entschlossenheit gekennzeichnete "Netzwerkdurchsetzungsgesetz” zur Bekämpfung von Hatespeech in den sozialen Medien: Laut Rechtsanwalt Ingo Bott ein „Hybrid aus Allem und Nichts (…), der vieles will und nichts erreicht.“ Und gerade erneut überall in den Medien: Der explosionsartig wachsende Kryptomarkt mit seinen nun mehr rund 9.000 verschiedenen privaten Coins, allen voran der stetig mächtiger werdende Bitcoin, dem die Regierungen dieser Welt eher ratlos gegenüberstehen.

Zum ersten Mal in der Geschichte ermöglicht die Informationstechnologie die Schaffung und den Schutz von Vermögenswerten, die völlig außerhalb der Reichweite des territorialen Gewaltmonopols einer einzelnen Regierung liegen.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

Gerade die sozialen Medien in Verbindung mit Kryptowährungen sind für Luis Cuende der vielversprechendste Ansatz für einen Relaunch der „res publica“: „Menschen nutzen heute Telegram-Chatgruppen, um sich zu koordinieren. Was wäre, wenn wir magisches Internet-Geld hineinwerfen könnten? Dann hätten wir eine DAO. Ich denke, DAOs müssen sich nahtlos in die Benutzererfahrung von Chat-Apps einfügen. Auf diese Weise hören sie auf, sich wie eine abgedrehte Guru-Technologie anzufühlen und werden einfach zu einem ‘Internet-Sparschwein für Communities’.“

Auch den Topinvestoren des Sillicon Valley sind die disruptiven Potenziale (und prall gefüllten Sparschweine) der Kryptowelt nicht verborgen geblieben. Naval Ravikant, Vordenker und eine Art Krypto-Philosoph, erinnern die Communitys, die derzeit auf der Ethereum-Blockchain entstehen, an digitale Kleinstaaten, „Festungen mit Wänden aus Mathematik und Wehrgräben aus Kryptographie, die freien Handel miteinander treiben und somit viel Innovation schaffen“. Die man aber – im Gegensatz zu Staaten – verlassen könne, wenn sie Schindluder trieben. „Blockchains kombinieren auf eine wirklich merkwürdige Art Individualismus, individuelle Kontrolle, die Fähigkeit, jederzeit zu gehen, mit Konsens und Gemeinschaft und Zusammenarbeit – und bauen dieses riesige öffentliche Gut.“

Ähnlich sieht es Ex-Coinbase-CTO Balaji S. Srinivasan, der mit seiner beinahe hellsichtigen Einschätzung der Corona-Krise im Januar 2020 Aufsehen bei Twitter erregte und schon seit einigen Jahren die Entstehung von sogenannten „Netzwerkstaaten“ prophezeit. Nicht das vereinzelte, souveräne Individuum sei das Massenprodukt des Informationszeitalters, sondern „souveräne Kollektive“, gelungene Synthesen aus linken Kollektiv- und Gewerkschaftskonzepten und den libertären Vorstellungen vom „mobilen Individuum“ und kompetitiven Regierungsformen. Wie so vieles in der digitalen Sphäre würde sich ein „Netzwerkstaat“ einfach die Vorzüge der alten Nationalstaaten zu eigen machen und mit neuen Elementen kombinieren. Allerdings sei nun vor allem die Ideologie, die gemeinschaftliche Vision für die neuen Bürger identitätsstiftend, erst nachgelagert die Geographie.


Für das Foresight Institute gab Balaji S. Srinivasan einen längeren Einblick in sein Konzept der Netzwerkstaaten. Das Buch dazu soll noch im Frühjahr auf seiner Webseite kostenlos zu haben sein.

Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis klar ist, ob Balaji S. Srinivasan mit seiner Prognose recht behält. Er datiert die große Zeit der Netzwerkstaaten auf die 2030er Jahre. Doch das „Unbundling“ des Staates, die Entflechtung der staatlichen Leistungen in private und globale digitale Services ist schon in vollem Gange. Vor allem der Vorstoß Estlands 2014, eine E-Residency in wenigen Mausklicks anzubieten, hat Bewegung in den Markt gebracht. Und auch die wachsende Zahl der Digitalnomaden, meist junge Freelancer, die mit Smartphone, Laptop und schlankem Gepäck die Welt bereisen, sind eine dankbare Zielgruppe. Im Netz gibt es für sie zahlreiche Tipps, wie man den bürokratischen und fiskalischen staatlichen Hürden bestmöglichst aus dem Weg geht.


Für die digitalen Nomaden der sogenannten Gig- und Remote-Work-Economy – und als Vielreisende eigentlich auch für sich selbst – haben der Norweger Sondre Rasch und zwei Mitstreiter vor vier Jahren Safety Wing gegründet. Das Start-up mit Sitz in San Francisco, aber einem über den Globus verteilten Team, bietet unkompliziert abschließbare (Reise-)Krankenversicherungen an. Das geheime Ziel aber, verrät Sondre Rasch im Gespräch mit 1E9, sei ein umfassendes soziales Sicherheitsnetz für das erste im Internet gegründete Land. „SafetyWing ist dein Heimatland im Internet“, heißt es schon heute vollmundig auf der Homepage des Start-ups. „Wir sind hier, um die Rolle von geografischen Grenzen als Barriere für Chancengleichheit und Freiheit für alle zu beseitigen.“

Mit ziemlicher Sicherheit wird diese Dekade das erste echte Land des Internets hervorbringen.
Sondre Rasch, Safety Wing

Hat er wohl auch The Sovereign Individual gelesen? „Ich habe das Buch tatsächlich gerade angefangen zu lesen. Wir wurden über die Jahre immer wieder darauf angesprochen. Dass wir ja genau das umsetzen würden, was die Autoren prognostiziert haben. Sie haben aber versucht, ein allgemeines Modell für große gesellschaftliche Transformationen zu entwickeln. Wir hingegen beobachten die großen gesellschaftlichen Veränderungen, die gerade stattfinden, seit einigen Jahren und kommen nur zu den gleichen Schlüssen: Dass Nationalstaaten in einem globalen Wettbewerb von immer beweglicher werdenden Menschen und Unternehmen einfach nicht länger erfolgreich sein können, weil sie ihr Gewaltmonopol verlieren. Also müssen jetzt neue Länder im Internet entstehen – und das ist unsere geheime Mission.“

Bisher ist Plumia, so heißt das ambitionierten Länder-Projekts der Safety Wing-Gründer, noch in einer frühen Phase, in der sich eine kleine Gemeinschaft von Digitalnomaden – inspiriert von den Federalist Papers der USA – auf gemeinsame Werte, Ziele und Prinzipien einschwört: „Die kognitiven Kapazitäten des Menschen sind endlich, und da wir uns in einer Welt von grenzenloser Komplexität bewegen müssen, müssen wir viele Dinge als selbstverständlich ansehen“, heißt es zu Beginn des ersten Plumia-Papers. „Aber wenn die alten Modelle nicht mehr passen, liegt es an den Mutigen, das Alte in Frage zu stellen, das Bewahrenswerte zu bewahren und Fortschritte in Richtung einer besseren Zukunft zu machen.“ Wer dabei mitmachen will, solle sich bewerben.

„Plumia ist gerade nur eine Art Diskussionsforum, aber wir werden das Projekt jetzt beschleunigen, weil wir festgestellt haben, dass durch COVID-19 alles, was wir vorhaben, viel schneller wahr werden kann als in unseren wahnwitzigsten Vorhersagen“, erklärt Sondre Rasch. „Zwölf Staaten konkurrieren inzwischen um die wachsende Zahl an Digitalnomaden und bieten ‘Remote Work’ und eigene Visas für Nomaden an. Das hätten wir vor zwei Jahren noch für einen Witz gehalten.“ Die Corona-Krise habe bei Safety Wing die Kassen klingeln lassen. Um mehr als das Zwanzigfache sei der Umsatz mit Remote-Krankenversicherungen seit Launch im März 2020 gewachsen, auf rund eine Million Euro im Monat. Und die dankbaren Abnehmer der Nomadenversicherungen mischen sich nun auch immer mehr junge Familien.

In der Zukunft, wenn das meiste Vermögen überall verdient und sogar überall ausgegeben werden kann, werden Regierungen, die zu viel für einen Wohnsitz verlangen, lediglich ihre besten Kunden vertreiben.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

Ausgerüstet mit acht Millionen Dollar frischem Investorengeld will das Safety Wing-Team ihr soziales Netz nun zunehmend engmaschiger knüpfen. Noch in diesem Jahr steht der Launch eines „Virtual Doctor“-Services und einer Rentenversicherung an, die man überallhin mitnehmen kann. Nicht nur finanzielle Leistungen, sondern vor allem gute Services seien der Schlüssel für eine gute Absicherung, schnelle Unterstützung, wo auch immer auf der Welt man sich aufhält.

Der bekannte Investor und Bitcoin-Advokat Tim Draper dürfte Sondre Rasch recht geben. Auch er glaubt, dass der klassische Sozialstaat an seiner stärksten Flanke verwundbar ist und schon bald von jungen Start-ups, vor allem aus dem Kryptobereich, Konkurrenz bekommt: „Regierungen kümmern sich ja hauptsächlich um Versicherungen, also zum Beispiel Gesundheits- oder Arbeitslosenversicherungen, wie sich ja gerade wieder zeigt. Aber diese Governance kann jetzt digital und grenzübergreifend zur Verfügung gestellt werden – und mit besseren Services, als sie unsere Regierungen heute leisten können. Wenn du ein Optimist bist, dann begreifst du, wie das die Welt für alle öffnet, wie jeder davon profitieren kann und wie wir hier die große Chance haben, einen anthropologischen Quantensprung hinzulegen.“

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Aber ist das wirklich so? Dass jeder profitieren kann? Wenn geografische Grenzen die Menschen nicht mehr beinahe automatisch zu Staatsbürgern machen, muss es zwangsläufig Mitgliedschaftsmodelle mit bestimmten Aufnahmekriterien geben. Das sieht auch der Safety Wing-Gründer so. Aber welche das sein könnten, weiß er nicht. Auch im Bereich der DAOs sind solche Überlegungen der Teilnahme und Mitbestimmung noch ganz am Anfang. Im Moment fühlten sich DAOs noch an wie „Wolkenkratzer mitten in einer komplett dysfunktionalen Stadt“, räumt Luis Cuende ein. Minderheitenschutz gäbe es kaum. Eine erste Abhilfe wolle er mit einer eigenen Jurisdiktion namens Aragon Court schaffen, die die rein mathematischen Regeln durch geschriebene Gesetze ergänzt und Dispute mit Hilfe von menschlichen Juroren löst.

Die offensichtlichsten Vorteile werden der ‚kognitiven Elite‘ zufallen, die zunehmend außerhalb politischer Grenzen agieren wird. (…) Nur die Armen werden die Opfer von Inflation sein.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

Der linke Publizist und Soziologe Andreas Kemper, der sich viel mit Klassenunterschieden in der Gesellschaft auseinandergesetzt hat, zeichnet in einem lesenswerten „Tweet-Storm“ ein dystopisches Bild privater Länderalternativen. Die gerade aufkommenden Charter Cities, also von Regierungen geduldete Privatstädte, die als eine Art physische Vorstufe für rein virtuelle Länder gelten, bezeichnet er als „neofeudale Maschinen des Standesdünkels“. Sie seien „neue Stätten der globalen Steuerhinterziehung, manchesterkapitalistische Orte ohne jede Rechte für Arbeiter*innen“.

Und auch Naval Ravikant, der Philosoph und gefeierte Investor, sieht die Zukunft eher düster:

Steuern wir also geradewegs auf ein neues Mittelalter zu — mit einer globalen Elite und einem lokalen Proletariat? Wie geben wir in einer solchen Welt acht auf die Armen und die Schwachen? Bei Safety Wing, sagt Sondre Rasch, fühlten sie sich von einer solchen Kritik nicht angesprochen. Schließlich ginge es ihnen ja gerade darum, ein neues Sozialwesen im Netz zu bauen. „Ich glaube, die Entwicklung der Dezentralisierung ist unausweichlich. Aber es gibt eine breite Palette an möglichen Szenarios, dystopische genau wie utopische. Es kommt jetzt darauf an, dass wir das Beste daraus machen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir nicht alle in Deutschland oder im Sillicon Valley leben: Viele Länder dieser Welt sind in einem sehr schlechten Zustand und dort sind dezentrale Technologien eine dringend benötigte Ausstiegsluke, um sich sein eigenes soziales Netzwork zu bauen und neue Einnnahmequellen zu erschließen.“

Schon bald werdet ihr die ultimative Form der Privatisierung sehen – eine radikale Entstaatlichung des Individuums.
Davidson/Rees-Mogg - The Sovereign Individual

Aber wie selbstbestimmt kann und will der Mensch sein, Luis Cuende? „Ich glaube, es ist alles eine Frage der Bildung“, antwortet der Aragon-Günder. „Die meisten Menschen wissen heute nicht einmal, was Inflation ist, und das ist einfach nicht gut. Aber noch mehr als Wissen über Finanzen und andere wichtige Themen brauchen wir Menschen mit eigenem Urteilsvermögen – nicht Schafe, die tun, was ihnen gesagt wird. Ich warne schon seit Dezember 2019 vor COVID und bin im Frühjahr 2020 mit einer riesigen Maske geflogen. Die Leute haben mich angeschaut, als wäre ich verrückt. Das war zu der Zeit, als die WHO noch von Masken abriet. Die Frage ist hier nicht, warum die WHO es vermasselt hat – die WHO ist nur ein weiteres Beispiel für eine veraltete Institution. Die Frage ist, warum Menschen blindes Vertrauen in diese Institutionen setzen. Wir sind Menschen, weil wir souveräne Denker sind. Wenn wir das nicht sind, was bleibt uns dann noch?“


Update (09.04.2021):

Gerade hat der oben genannte Investor Balaji S. Srinivasan sein Projekt 1729.com gelauncht, eine Art episodisches Mitmachbuch, das den ersten Netzwerkstaat nicht nur schrittweise erklären, sondern gleich zusammen mit seinen Lesern gründen will. Alle Tasks, die zum Verbreiten der Idee und zum Aufbau der ersten Strukturen notwendig sind, werden in Bitcoin bezahlt.

Srinivasans Ansatz ist es, zunächst ein dezentrales „Cloud Country“ zu gründen, das wie ein soziales Netzwerk funktioniert, sich später aber auch physisch manifestiert:

„Over time we eventually crowdfund territory in the real world, but not necessarily contiguous territory. Because an under-appreciated fact is that the internet allows us to network enclaves . Put another way, a cloud community need not acquire all its territory in one place at one time. It can connect a thousand apartments, a hundred houses, and a dozen cul-de-sacs in different cities into a new kind of fractal polity with its capital in the cloud. Over time, community members migrate between these enclaves and crowdfund territory nearby, with every individual dwelling and group house presenting an independent opportunity for expansion.“

Mit steigender Mitgliederzahl, nachgewiesenem physischen Eigentum und transparenten finanziellen Mitteln sei eine offizielle Anerkennung als Land dann möglich, so seine These:


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Titelbild: Gremlin / Yuichiro Chino / Getty Images / Collage: Michael Förtsch
Übersetzungen der Zitate aus der Originalausgabe von „The Sovereign Individual“: 1E9

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„Seien Sie möglichst dicht dran an diesen Systemen, dann bekommen Sie auf der Werteebene Änderungen mit, die erst danach auf der Verhaltensebene sichtbar werden.“
Prof. Dr. Peter Kruse in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“, 2010

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Die Idee mit den DAOs ist durchaus interessant, dabei darf man aber nicht vergessen, dass, wenn Aragon auf der Ethereum-Blockchain läuft, der ganze Laden nicht dezentral ist. Die Ethereumblockchain ist nicht dezentral. Die einzige Blockchain z. Z., die vollkommen dezentral ist, ist die BTC Blockchain.

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So so, das weiß er nicht. Dann sollte er sich das mal überlegen. Bislang scheint mir dieses Modell der digitalen Privatstaaten eher für Krypto-Individualisten und Thiel-Libertarians interessant zu sein. So gut wie alle Fragen sind offen bei diesen Modellen. Wer hat Macht? Aufgrund welcher Legitimation? Wer kümmert sich um die, die keine haben? Wer kümmert sich um all das, womit sich kein Profit machen lässt? Um all die, mit denen sich kein Profit machen lässt? Jedem Staatsversagen stehen zig Marktversagen und Unternehmenspleiten gegenüber - auch das Argument überzeugt nicht im Ansatz.

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Sehe das ähnlich @fhohenauer!

Zwar bin ich der Meinung, dass unsere derzeitigen Staaten und Demokratien eine Generalüberholung brauchen – wegen des oft lähmenden Föderalismus, der Verantwortungen unklar werden lässt, wegen der strukturellen Macht der Parteien, die zwar in Summe laufend Mitglieder verlieren, immer älter und weniger repräsentativ sind, aber dennoch die Posten unter sich aufteilen… und und und. Dennoch überzeugt mich die Idee digitaler Staaten, die man sich frei aussucht, nicht.

Wenn Staaten zu einer Art Vereinen werden, die im Wettbewerb miteinander stehen, werden sich die meisten Menschen mit Reichtum (den sie meist mithilfe der Infrastruktur/Bildungseinrichtungen/Rechtsstaatlichkeit der „alten“ Staaten angehäuft haben) den Digitalstaat aussuchen, der für sie am billigsten ist. Damit entziehen sie sich der gesellschaftlichen Solidarität. Alldiejenigen, die nicht mit einem Startvorteil aus dem alten System in die neue Digitalstaatenwelt starten, haben verloren.

Ohnehin: Wer soll Straßen und Schulen und Krankenhäuser bauen? Wer soll Standards, Normen, Gesetze machen, die für den Welthandel fundamental sind? Wer sorgt für Kranke und Alte? Wer unterstützt Menschen, die ihre Arbeit verlieren? Wäre es nicht furchtbar, wenn die unteren 90 Prozent plötzlich um Almosen bei den Superreichen betteln müssen?

Gesellschaften, aber auch die Weltwirtschaft sind aus meiner Sicht so viel komplexer als sich diejenigen, die jetzt diese Art digitale Staaten vorschlagen, das vorstellen… Am Ende kann so eigentlich nur ein als „Staat“ getarntes Steuersparmodell entstehen.

Was alles nicht heißt, dass wir nicht unsere heutigen Staaten hin und wieder gründlich hinterfragen und ihre Verfasstheit überarbeiten sollten. Bezogen auf Deutschland zitiere ich dafür mal aus dem Grundgesetz, das ja ganz bewusst nicht Verfassung heißt:

Art 146

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

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Wenn man den Vergleich mit den Federalist Papers zulässt, @fhohenauer und @Wolfgang, sind wir gerade im Jahr 1787. Es ist also – eine ordentliche Beschleunigung durch das Netz eingerechnet – noch viel zu früh, um hier die Maßstäbe eines gewachsenen Nationalstaats anzulegen. Und vermutlich werden diese Gemeinschaften ihre Probleme „as they come“ zu lösen versuchen und gar keine schlüsselfertige Lösung bauen wollen, weil sie a) in der Tat stark softwaregetrieben und oft open source sind und entsprechend evolutionär entstehen. Und b) die Hauptakteure zu 90% junge Männer sind – mit entsprechend hoher Risikobereitschaft, YOLO-Attitüde, aber eben auch mit leichtem Gepäck und vielen Kryptocoins darin.

Die Kernfrage finde ich, ob der Geist nicht schon längst aus der Flasche ist. Bekanntlich ist die Zukunft, die man sich wünscht, nicht zwangsläufig die, die eintritt.

Dazu gibt es einen netten Vortrag von Paul Rosenberg:

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Und wenn sie ihre bisherigen Staatsbürgerschaften aufgegeben haben, dann aber irgendwann in finanzielle oder gesundheitliche Schwierigkeiten geraten… Dann wollen sie sicher zurück in den Schoß ihres alten Staates.

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Es sei denn, sie sind über Firmen wie Safety Wing versichert…

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Wobei Balaji S. Srinivasan bei Bitcoin auch einen interessanten Angriffsvektoren aufzeigt, eine mögliche chinesische „Firewall Attack“:

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Leider grad keine Zeit das Video zu schauen aber an sich sollte das „Verbot“ in China ja kein Problem sein. Ich verstehe den Punkt, da viele Farmen in China liegen allerdings würde durch den Verlust dieser Farmen nur die hashing difficulty sinken und viele Leute würden ihre alte Mining gear wieder anwerfen, um davon zu Profitieren. Damit würden sich die miner nur verlagern. Aber ist natürlich nur eine Meinung dazu, bin ja kein Wahrsager :crystal_ball:

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Ich finde die ganzen Ideen und Werkzeuge, die geschaffen werden, um Staaten theoretisch abzuschaffen recht spannend und in reizvoll. Allerdings scheint mir die Vorstellung, tatsächlich einen kompletten Staat auf diesen Werkzeugen aufzubauen, ihnen tatsächlich hoheitliche Rechte zu übertragen, die über das Leben und Wohlergehen eines Menschen „entscheiden“, als eine kryptoanarchische Traumfantasie, die sich sehr schnell in einen Albtraum verwandeln kann.

Sollte jemand – aus welchen Gründen auch immer – aus dem Raster eines solch hoch-automatisierten Systems fallen, könnte er sich schnell in einer kafkaesken Situation wiederfinden. Schon jetzt kann es eine wahre Odyssee sein, wenn jemand seine Geburtsurkunde verliert. Was, wenn plötzlich nicht mehr nachweisen kann, dass ihm eine Wallet gehört, auf die seine Versicherung läuft? Was, wenn jemand aus gesundheitlicher, psychischer und physischer Sicht nicht in der Lage ist, mit ihnen zu interagieren? Klar, es gibt Netz und doppelten Boden, aber auch die können versagen.

Die Frage ist dann: Wer trägt die Verantwortung? Wer muss „in Vorleistung“ gehen? Wer ist Schuld und kann zur Rechenschaft gezogen werden? Insbesondere, wenn auch Maßregelungen-, Straf- und Verurteilungssysteme auf auf Blockchain laufen? Ich glaube, die Verantwortlichkeit, Menschlichkeit und soziale Faktoren, die mit einer echten Person einhergehen, zu entfernen, könnte schwerwiegende negative Folgen haben.

In einigen Teilbereichen solche Systeme einzupassen, die Arbeit unterstützen lassen, klar. Aber ich würde keinen Staat haben wollen, der keine Gesichter mehr hat; der nur noch als Maschine funktioniert.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir derartige Strukturen dennoch bald bereits in kleinerem Maßstab erleben können. Etwa in der Blockchain City, die in Nevada geplant wird oder auch Modellstädten und Bezirken in China, Japan und Taiwan.

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Absolut. Aber bei z.B. Aragon hat man das längst begriffen. Auf meine Frage, was sein größtes Learning aus dem bisherigen Entwicklungsprozess war, hat Luis Cuende geantwortet:

Ich würde sagen, dass die dezentrale Verwaltung eher eine soziale Herausforderung ist als eine technische. Unser anfängliches Team bestand hauptsächlich aus Ingenieuren, und so haben wir eine hochentwickelte technische Lösung geschaffen. Aber der Markt verlangt nach etwas Einfacherem auf der technischen Seite und viel mehr menschliche/soziale Planung, damit DAOs letztendlich angenommen werden.

Deshalb funktioniert Aragon Court auch nicht mehr über Software allein, sondern hat Juroren aus Fleisch und Blut. Ich glaube, dass wir mit der Zeit noch viel mehr Mechanismen sehen werden, die diese Apparaturen menschlicher zu machen suchen, so wie es auch mit den Fabriken im Industriezeitalter passiert ist.

Und dann gibt es ja auch noch die nicht-westliche Sicht auf die Dinge. Habe 2017 mal einen Vortrag über Blockchains gehalten, da war dies eine Folie:

Denke, hier kann dezentrale Technik viel zu Lösungen beitragen. Cardano arbeitet ja gerade aktiv daran.

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Ich bezweifle jedoch, dass so ein Court eine probate Lösung ist; jedenfalls nicht, wenn man solche automatisierten Systeme wirklich groß denkt. Ich glaube, man muss direkte Ansprechpartner im System und an allen wichtigen Stellen haben – und zwar für potentiell Tausende Anfragen am Tag, ohne dass eine Situation eskaliert werden muss. Denn es ist eben eher selten ein Disput, der ein Problem darstellt, sondern die eigene Unfähigkeit, Blödheit, eine Dummheit oder vergleichbares.

Ich bezweifle nicht, dass derartige Lösungen ein Regierungssystem und dessen Bestandteile verbessern und effizienter gestalten können. Aber ich sehe, dass sie eben nur so lange gut funktionieren, wie sie gut funktionieren. Dennoch bin ich gespannt, wie sich etwa Experimente wie mit Cardano in Afrika entwickeln. Denn wenn es funktioniert, wäre das schon sehr spannend. Wobei es auf ein gewisses Geschmäckle hat, dass solch ungeprüften Mechanismen in Afrika getestet werden – beinahe als ob es dort weniger schlimm wäre, wenn sie scheitern. Naja.

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Ein Goodreads Kommentar bringt es auf den Punkt: Implementation details of Atlas Shrugged

Wir haben ja jetzt schon das digitale Gulag ausgerufen. Aber in dieser Zukunft, werden Halluzinogene Filterblasen das Leid und die Qualen der Opfer dieser Systematik mit bunten Glücksbärchis und deren orgasmischen Wunderstrahlen verpixeln.

Das ist die Realität vieler Menschen im wirklichen Kontext des analogen Lebens. Und wenn wir die offene Gesellschaft nicht stark institutionell durch Rechtsstaatlichkeit festigen, dann bröckelt uns das alles sehr, sehr schnell weg.

Gerade hat der oben genannte Investor Balaji S. Srinivasan sein Projekt 1729.com gelauncht, eine Art episodisches Mitmachbuch, das den ersten Netzwerkstaat nicht nur schrittweise erklären, sondern gleich zusammen mit seinen Lesern gründen will. Alle Tasks, die zum Verbreiten der Idee und zum Aufbau der ersten Strukturen notwendig sind, werden in Bitcoin bezahlt.

Srinivasans Ansatz ist es, zunächst ein dezentrales „Cloud Country“ zu gründen, das wie ein soziales Netzwerk funktioniert, sich später aber auch physisch manifestiert:

Over time we eventually crowdfund territory in the real world, but not necessarily contiguous territory. Because an under-appreciated fact is that the internet allows us to network enclaves . Put another way, a cloud community need not acquire all its territory in one place at one time. It can connect a thousand apartments, a hundred houses, and a dozen cul-de-sacs in different cities into a new kind of fractal polity with its capital in the cloud. Over time, community members migrate between these enclaves and crowdfund territory nearby, with every individual dwelling and group house presenting an independent opportunity for expansion.

Mit steigender Mitgliederzahl, nachgewiesenem physischen Eigentum und transparenten finanziellen Mitteln sei eine offizielle Anerkennung als Land dann möglich, so seine These:

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