Was sind eigentlich Arkologien – und wären sie die besseren Städte?


Der Platz wird rar, die Weltbevölkerung wächst. Doch ewig können unsere Städte nicht in die Breite wuchern. Eine Lösung sollen Arkologien darstellen – riesige Gebäude, die Tausende oder gar Millionen Menschen fassen und sich vollständig selbstversorgen. Doch wo kommt diese Idee her und wie realistisch ist sie?

von Michael Förtsch

Städte sind surreale Gebilde. Sie beginnen als wenige Gebäude und Straßen und wachsen dann zu Tintenfleck-artigen Gebieten auf der Landkarte, die sich langsam aber sich immer mehr der umgebenden Landschaft einverleiben. Aus ihnen entsteht ein wilder Mix aus Menschen, Architekturen, Kulturen und Gesellschaften. Eben das macht sie so faszinierend, pulsierend und anziehend – weswegen immer mehr Menschen zuziehen.

Gleichzeitig sind moderne Städte aber auch hochgradig ineffektiv und in ihrem Wachstum schwer zu bändigen. Sie zerstören die Umweltund können kaum den Ansprüchen aller Bewohner gerecht werden. Zwar bedecken Großstädte nur ein Prozent der Erdoberfläche, doch sie verschlingen 75 Prozent der Energie und sorgen for 80 Prozent der CO2-Emmissionen. Das schreibt das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie. Schon jetzt lebt die Hälfte der Menschheit in Städten – Tendenz steigend –, was die Versiegelung des Bodens vorantreibt. So kann das nicht weitergehen.

In den vergangenen Jahrzehnten urteilten Aktivisten und Planer daher immer wieder, dass die Städte wie Krebs seien, der die Erde und ihre Bewohner langsam zerfrisst. Aber was wäre eine bessere Lösung, um Hundetausende oder gar Millionen Menschen unterzubringen und ihnen ein zu Hause zu geben? Verschiedenste Futuristen, Science-Fiction-Autoren aber auch Architekten sehen die Antwort in Arkologien. So nennt man Gebäudekomplexe von geradezu irrwitzigen Dimensionen, deren Machbarkeit sowohl Architektur als auch Ingenieurswesen an die Grenze treiben würde.

Weg machen, neu machen

Zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts war es zeitweise ziemlich en vogue auf die Stadt zu schimpfen. Der gefeierte Stararchitekt Frank Lloyd Wright hatte das fast zu einer Kunstform erhoben: Er empfand Städte als hässlich, unordentlich, überfrachtet. Kurz gesagt: als totale Zumutung, die das ästhetische Empfinden und den Habitus des Menschen vergiftet – er war einer derjenigen, die den Krebsvergleich aufbrachten. Im Radio und in Zeitungsinterviews ließ er seinem Hass auf die Großstädte freien Lauf und schlug sogar vor, Metropolen wie New York City einfach zu sprengen, um nochmal von vorne anzufangen – diesmal aber mit breiten Grundstücken und kleinen Häusern. Weit weniger lautstark, aber umso tiefgründiger argumentierte seinerzeit auch der im italienischen Turin geborene Architekt Paolo Soleri gegen die urbanen Gebilde an.

Er sah die Städte als Organismen an, die mit zunehmender Größe und stetig mehr Bewohnern auf einen unausweichlichen Infarkt hinsteuern. Vor allem die Autos und Straßen hat er als allzu fragile Strukturen ausgemacht. „Wenn wir bei der Auto-basierten Logistik bleiben, wird die urbane Mobilität paralysiert – und das unter hohen ökonomischen und menschlichen Kosten“, so Paolo Soleri 1969, wie sich in Conversations with Paolo Soleri nachlesen lässt. „Das suburbane Logistiknetzwerk ist sklerotisch und, noch schlimmer, verdammt.“ Wenn der Verkehr nämlich erst ins Stocken und schließlich zum Stillstand käme, glaubte er, dann würden die Städte letztlich in sich zusammenbrechen. Er sah damit das vorher, was sich in Mega-Metropolen wie Los Angeles inzwischen vollzieht. Dort stecken Autofahrer jeden Tag für durchschnittlich 44 Minuten auf verstopften Straßen fest.

Aber Soleri redete nicht nur gegen die Städte an. Er präsentierte auch auch eine radikale Alternative. Damit wären wir bei der Arkologie, einer Fusion von Architektur und Ökologie, die er in seiner Abhandlung Arcology: The City In The Image Of Man beschrieb. Er sah darin nicht weniger als ein völlig neues Konzept der Stadt, das ein gutes und mobiles Leben ohne Auto und Wachstum erlaubt und dadurch den schädlichen Einfluss auf die Umwelt auf ein Minimum reduziert. Das sollte erreicht werden, indem Wohnen, Arbeiten, Leben und Argar-, Industrieproduktion in einer kompakten und fest definierten Struktur mit klaren Grenzen verortet werden; in einer Struktur, die ein ausgewogenes Gleichgewicht forciert. Dadurch sollte eine harmonische und autarke Gemeinschaft entstehen, die sich selbst versorgen kann.

Meine Lösung ist eine urbane Implosion statt einer Explosion.

Paolo Soleri

Schwimmstädte und Experimentalgemeinden

Die Vorstellungen von Soleri, wie so eine Arkologie aussehen könnte, waren vielfältig – und für unterschiedlichste Einwohnerzahlen ausgelegt. Mit den Novanoah-Projekten erdachte er aus Kreis- und Blütenstrukturen bestehende Städte für Küsten und das offene Meer, bei denen die gedachten Blattabschnitte jeweils Wohn- und Arbeitsbereiche, Gewächshäuser und Gewerbezeilen definieren sollten. Geometrisch angeordnete Schneisen sollten Promenaden und Erholungszentren darstellen. In der Mitte sollte ein tiefer Schacht für die verarbeitende Industrie existieren, die etwa Algen oder Rohstoffe aus dem Meer fördert. 400.000 bis über 2,5 Millionen Menschen sollten in diesen Städten leben können, die mit einer scharfen Grenze abgeschlossen sein sollten.

Das Projekt Stonebow sollte hingegen als eine Spangenstruktur angelegt sein, die sich wie ein Betonriegel über eine Schlucht hinwegzieht. In ihrem Zentrum sollte sich ein riesiges Touristenparadies befinden und rundherum Dutzende Etagen mit Arbeits- und Wohnbereichen für 200.000 Menschen, die eng an eng liegen sollten. Mit dem Arcube wiederum wollte er einen riesigen Hohlwürfel auf Beine stellen, der Lebens- und Arbeitsraum für 400.000 Menschen schaffen sollte.

Das Arcoindian-I-Projekt sah hingegen Türme in natürlichen und künstlichen Höhlen für 10.000 bis 20.000 Leute vor. Und mit der Lean Linear City erdachte Soleri für das sich dem Westen damals bereits öffnende China eine Stadt, die wie eine Schlucht geformt wäre. Die eine Seite sollte dem Wohnen dienen, die andere der Zucht von Pflanzen und der Produktion von Nahrungsmitteln. Für Energie sollten Solar- und Windkraftanlagen auf den Dächern sorgen. Parks und ein künstlicher Fluss sollten sich quer durch das Zentrum ziehen. Für die lange Strecke vom Anfang zum Ende wäre eine Schnellbahn direkt in die Struktur eingezogen worden.

Die Entwürfe des 2013 verstorbenen Soleri sind bis heute visionär und seine Zeichnungen der utopischen Städte beeindruckende Kunstwerke. Aber gebaut wurde keine davon. Denn Soleri konnte weder Politiker noch potenzielle Geldgeber überzeugen – auch weil seinerzeit an der technischen Umsetzbarkeit der Megaprojekte gezweifelt wurde.

Daher startete Soleri selbst die Experimentalstadt Arcosanti. Die ist quasi eine Miniversion seiner Vision, die er zunächst für 1.500 und später 5.000 Bewohner plante. Sie wird seit 1970 von je 50 bis 150 Anhängern des Architekten in Yavapai County, Arizona, langsam verwirklicht. Häuser, Plätze, Arbeitsstätten und Felder werden nach und nach aufgebaut. Bis heute sind allerdings wenig mehr als fünf Prozent des Plans verwirklicht, der vorsieht, das alle Gebäude irgendwann von einer riesigen halbovalen Struktur eingefasst werden. Deren Bau alleine würde aber schweres Gerät und mutmaßlich Jahrzehnte brauchen.

Arcosanti ist also noch weit von der Arkologie-Vision von Soleri entfernt. Stattdessen stellt es heute primär einen Pilgerort für Architekten, Künstler und Lebenskünstler dar – und einen Hort an abstrakten, esoterischen und philosophischen Ideen, denen Soleri in seinen späteren Lebensjahren zunehmend nachhing. Doch ohnehin hat sich die Vorstellung dessen, was eine Arkologie sein sollte, über die vergangenen Jahrzehnte gewandelt und zugespitzt – auch dank der Popkultur und Science Fiction.

Die ganze Stadt in einem Haus

Einige von Paolo Soleris Entwürfen für neue Städte erstreckten sich weit in die Fläche, kaum in die Höhe. Sie würden heute wohl nicht mehr als Arkologie durchgehen. Denn auch wenn für den Begriff Arkologie keine eindeutige Definition existiert, werden darunter in der Moderne primär Bau- und Gesellschaftsprojekte subsumiert, die riesenhafte und sich selbstversorgende Gebäude zum Ziel haben, die eine ganze Stadtbevölkerung aufnehmen. Alles wird in dem Gebäude produziert, aufbereitet und entsorgt – Strom, Nahrungsmittel, Wasser, Müll. Die Bewohner müssen die Arkologie theoretisch nie verlassen, um ihrem Leben nachzugehen.

Anstrengungen, eine solche moderne Arkologie zu errichten, gab es seit den 1980er- und 1990er-Jahren immer wieder. Einerseits, um die Machbarkeit auszutesten. Aber noch viel mehr, um dem Platzhunger der Städter und den schwindenden Grundstücken in und um die großen Metropolen Herr zu werden. Daher war es vor allem die schmale Inselnation Japan, in der die Idee breiten Anklang fand und zeitweilig sogar durch eine Forschungsgruppe, die Hyper Building Study Group, befeuert wurde.

Schon 1980 entwickelte das durch den Wirtschaftsboom befeuerte Bau- und Ingenieursunternehmen Taisei Corporation die Pläne für den X-Seed 4000. Es sollte ein 4.000 Meter hoher und am Boden fast 6.000 Meter durchmessender Turm in der Bucht von Tokio werden, der der Form des Berg Fuji folgt. Insgesamt eine Million Menschen wollte das Bauunternehmen darin unterbringen. Diese sollten auf 800 Stockwerken vor allem in den Außenwänden der Konstruktion leben. Das Innere des Turms sollte mehrheitlich hohl sein, um in riesenhaften Atrien Parks, Plätze, Felder und kleine Wälder einzufassen. Doch auch hier waren es statische Unmöglichkeiten ebenso wie die später schwankende Wirtschaft, die dem Traum einen Strich durch die Rechnung machte.

Der X-Seed 4000 wäre eine ingenieurtechnische Ausnahmeleistung. Alleine die Herausforderung sicherzustellen, dass das Gebäude unter seiner eigenen Masse nicht erdrückt wird, wäre riesig. Taisei Corporation

Mitte der 1990er bildete sich dann ein Konsortium aus 75 Unternehmen, das zielsicher den damals schon 77 Jahre alten Paolo Soleri anheuerte, um ein Arkologiegebäude zu erdenken. Soleri entwarf daraufhin das sogenannte Hyperbuilding, einen Ein-Kilometer-Wolkenkratzer, der rund 100.000 Menschen fassen sollte. Im Einklang mit seinen Designprinzipien sollte der aus einem Zentralturm, zahlreichen Streben und einem riesigen Portal bestehende Koloss jegliches Abwasser und allen Müll in unterirdischen Analgen recyclen. Seine Bewohner hätten in Gewächshäusern in einem gläsernen Zentrum selbst Obst und Gemüse anbauen können. Der Strom- und Wärmebedarf sollte durch Solarzellen und Windturbinen gedeckt werden.

Bei guter Wartung, so sagte Soleri voraus, könne das Hyperbuilding mindestens 1.000 Jahre lang überdauern und genutzt werden. Die Japaner waren drauf und dran, das Projekt voranzutreiben, doch dann schlitterte Japan in eine Rezession.

Nach den wirtschaftlichen Tumulten enthüllte dann die Shimizu Corporation Anfang in den 2000er-Jahren ihren Entwurf für die Shimizu TRY 2004 Mega-City Pyramid, die nahe Tokio errichtet werden sollte. Dahinter stand der Plan eines gigantomanischen Pyramiden-Fachwerks aus verzahnten Rohren, das innerhalb der Hauptkonstruktion 204 kleinere Pyramiden bilden würde. Auf insgesamt acht Etagen von je 250 Metern Höhe könnten Wohnpyramiden und Bürotürme, Erholungs- und Industrieareale untergebracht werden. Mit einer Höhe von 2.004 Metern und einer Grundfläche von acht Quadratkilometern, das berechneten die Macher, wäre Platz für 750.000 Menschen.

Einst spekulierte die Baufirma Shimizu, dass seine Shimizu TRY 2004 Mega-City Pyramid im Jahre 2030 machbar sein könnte. Mittlerweile gehen die Planer hingegen vom Jahr 2110 aus – denn zur Realisierung wären Materialien nötig, die heute noch weitestgehend Theorie sind. Shimizu Corporation

Für den Transport innerhalb der Pyramidenkonstruktion wären Laufbänder, Rolltreppen und Aufzüge gedacht, die in den Rohren fahren würden. Strom soll aus gigantischen Solarfenstern, Unterwasserturbinen und Gezeitenkraftwerken gezogen werden. Shimizu hatte bei der Vorstellung der Pläne allerdings gleich dazugesagt, dass der Bau mit jetzigen Materialien noch nicht möglich sei. Es brauche dafür Kohlenstoffnanoröhren und ähnlich fortschrittliche Werkstoffe. Daher wurde der Baubeginn schon seinerzeit mit frühstens 2030 kalkuliert und zwischenzeitlich in das nächste Jahrhundert verlegt.

Riesig wäre noch untertrieben. Die aus riesigen Rohren bestehende Pyramide sollte in ihrer Struktur ganze Hochhäuser und kleinere Pyramiden einfallen, die zu Wohn- und Arbeitsplätzen werden sollten. Auch Parks, Felder und Weideplächen sollte es geben. Shimizu Corporation

Außerhalb von Japan war die Zahl der Arkologie-Projekte nicht ganz so hoch, aber nicht weniger wagemutig oder ambitioniert. Der amerikanische Architekt Eugene Tssui etwa, der organische Bauten wie die The Watsu School in Harbin Hot Springs entworfen hatte, warb 1991 für den Ultima Tower, den er in San Francisco errichten lassen wollte. Der Trichter-Turm sollte ganze 3.218 Meter hoch und an seiner Basis halb so breit werden. Die Bewohnerzahl? Eine Million Menschen. In diesem Bau wollte Tssui aber nicht einfach Wohnungen, Büros und Geschäfte unterbringen, sondern ganze Landschaften mit Flüssen und Hügeln, auf die entsprechende Gebäude gebaut werden könnten.

Eugene Tssui war seit jeher für seine unkonventionellen Entwürfe bekannt. Mit dem Ultima Tower hat er eines der größten hypothetischen Gebäude überhaupt entworfen, das in sich ganze Landschaften aufnehmen sollte. 2014 erschien mit TELOS: The Fantastic World of Eugene Tssui eine sehenswerte Dokumentation über den eigensinnigen Architekten. Eugene Tssui

Energie sollte sowohl durch den wechselnden atmosphärischen Druck von der Spitze zur Basis als auch durch riesige Photovoltaikanlagen generiert werden, die sich über den Turm ziehen sollten. Für Mobilität würden Aufzugsysteme und kleine elektrische Fahrzeuge sorgen. Langfristig, das war die Hoffnung, könne der Ultima Tower zahlreiche kleine Ökosysteme und Minigesellschaften beherbergen, die allesamt vollkommen autark existieren könnten. Der Plan erregte seinerzeit einiges Aufsehen ob seiner utopischen Natur. Doch es wurde heftig bestritten, dass die Pläne auch nur im Ansatz umsetzbar wären.

Fast schon bescheiden wirken da die Dimensionen der Entwürfe von E. Kevin Schopfer für New Orleans und Boston. In New Orleans wollte der Architekt auf einer Schwimmplattform eine 366 Meter hohe Triangel-Konstruktion aus Stahl und Glas aufstellen, die 40.000 Menschen fassen sollte. Mit der Boston Arcology wiederum wollte er einen Glasquader konstruieren, der 15.000 Menschen aufnimmt. Für eine annähernde Selbstversorgung sollten Windturbinen, Sonnenenergie und Aufbereitungsanlagen sorgen. Denn diese Arkologien sollten keine gänzlich hermetischen Stadtsysteme sein, sondern eher separate Stadtteile sowie Touristen- und Besuchermagneten mit Hotels und Casinos, die auch im Falle einer Katastrophe oder des steigenden Meeresspiegelns weiterhin existieren könnten.

An der Küste von Boston würde die Boston Arcology auf einer Schwimmkonstruktion stehen. Sie soll nicht als eigenständige Stadt aber durchaus als Stadtteil funktionieren, der Leben, Arbeiten unter einem Dach ermöglicht. Auch Kasinos, Hotels und Kinos würden darunter untergebracht sein. E. Kevin Schopfer, Tangram 3D

Ist das Konzept der Arkologie gescheitert?

Wie einst die Ur-Arkologien von Paolo Soleri so wurde also auch aus den obigen Plänen nichts – abgesehen von beeindruckenden Bildern und großen Zahlen. Denn: Sie wären zu groß, zu teuer oder architektonisch und statisch (noch) nicht umsetzbar. Das gleiche gilt für zahlreiche weitere Bauprojekte, die dem Arkologie-Gedanken nicht gänzlich aber einigermaßen nahe kommen sollten.

Das von Norman Foster konzipierte Crystal Island wäre, wenn es gebaut wird, keine echte Arkologie aber doch nahe dran. Denn unter der Zeltstruktur würden zahlreiche Menschen leben, arbeiten und sich vergnügen können. Zumindest zum Teil würde das Gebäude auch die nötige Energie erzeugen. Derzeit liegt der Plan jedoch auf Eis. Norman Foster

Darunter beispielsweise der 450-Meter-Glaspalast Crystal Island in Russland, der Schulen, Hotels, Appartements und mehr unter einem riesigen Dach vereinen soll – aber seit der Finanzkrise auf Eis liegt. Oder auch Masdar City, eine utopische Ökostadt in den Vereinigten Arabische Emiraten. Deren Bau wurde begonnen, es leben und arbeiten auch Menschen dort, Studenten besuchen eine Universität. Aber es ist fraglich, ob die Stadt über die wenigen Gebäude hinaus kommen wird, die derzeit existieren. Ein ähnliches Schicksal ereilte auch das vergleichbare Ökostadt-Projekt Dongtan, das zur Expo 2010 in China eröffnet werden sollte – aber nun von den Bauherren totgeschwiegen wird.

Sowieso sind so einige Architekten überzeugt, das alleine schon rechnerisch die meisten der Arkologien langfristig und auf sich gestellt, nicht überlebensfähig wären. Dafür wären sie für die angestrebten Bewohnerzahlen noch viel zu klein und energetisch zu instabil. Zuwenig Flächen wäre für die Erzeugung von Nahrungsmitteln und Energie abgestellt. Um einen Menschen zu versorgen bräuchte es selbst bei der Anwendung moderner Hydroponik und Bioreaktoren durchgängig zwischen 200 und 300 Quadratmetern. Um diese zu betreiben, bräuchte es wiederum mehr als regenerative Energien, sondern Kernreaktoren, die rund um die Uhr den nötigen Strom liefern. So, wie sie jetzt konzipiert sind, wären sie keine Gebäude der Zukunft – sondern eher vorprogrammierte Fehlschläge.

Ausnahmen gibt es natürlich. Die hinter der riesigen Pyramide stehende Shimizu Corporation hatte vor einigen Jahren ebenso Green Float entworfen, 10.000- bis 50.000-Einwohnerstädte auf dem Meer, die in Form riesiger Türme umhertreiben und sich ebenfalls vollkommen selbstständig versorgen sollen. Die 1.000 Meter hohen Türme bestünden fast zur Gänze aus Garten-, Wiesen- und Waldzonen. Nur der obere Teil ist für die Bewohner als Lebensort vorgesehen. Doch auch dieser Entwurf wird wohl nie Wirklichkeit werden – selbst, wenn er in der Realität funktionieren könnte.

2010 hatten die Shimizu Corporation Green Float vorgestellt, ein Projekt für eigenständige Kunstinseln auf denen Tausende leben und arbeiten könnten. Ein Gros der Turmbauten wäre für die Erzeugung von Nahrung gedacht. Ebenso sollen sich verschiedenste Inseln auch ad hoc zusammenfinden können, um als schwimmende Gemeinden zu funktionieren.

Science-Fiction-Visionen und Warnungen

Das, was einer Arkologie heute am nächsten kommt, ist ironischerweise ein wenig glamouröser oder gar utopischer Wohnblock in Whittier, Alaska. Denn das Begich Towers Condominium beherbergt nahezu die gesamte 208-Personen-Bevölkerung der abgelegenen Hafen- und Umschlagstadt. Dadurch finden auch mehr oder minder alle Dienstleistungen und Versorgungen unter dem Dach der Towers ihren Platz. Darunter zwei Ladengeschäfte, eine Kirche, ein Krankenhaus, eine Polizeistation, ein Hotel, ein Spielplatz, ein Garten und ein kleines Schwimmbad. Die Schule grenzt direkt an die Begich Towers und ist nur über einen Untergrundtunnel zu erreichen – denn im Winter fallen dort bis zu sechs Meter an Schnee.

Letztlich existieren Arkologien also bisher nur als Konzepte sowie in der Popkultur und der Science Fiction, wo sie oft nicht nur Handlungsort, sondern auch Gedankenspiel sind. In Larry Nivens Roman Todos Santos verkauft die Stadt Los Angeles eine nach einem Aufstand brachliegende Katastrophenfläche an einen Baukonzern, der dort eine riesige Arkologie errichtet. Die Menschen, die dort einziehen, leben gut und günstig – und entwickeln eine gänzlich eigene Kultur, die nur noch wenig mit der jenseits der Mauern zu schaffen hat. Es bildet sich eine semi-feudale Beziehung zwischen den Verwaltern und Einwohnern, die von gegenseitiger Fürsorge aber auch allgegenwärtiger Überwachung gezeichnet ist.

In William Gibson Neuromancer -Trilogie sind Arkologien weniger ökologische Lebensräume oder Orte für neue Gesellschaftsmodelle, sondern Herrschaftsinstrumente der mächtigen Megaunternehmen. Sie wurden gebaut, um Regierungen und ihrer Exekutive zu entgehen. Denn in den Arkologien gelten keine Gesetze, sondern Unternehmensrichtlinien, die von Privatpolizeien und Privatarmeen durchgesetzt werden. Mitarbeiter können überwacht, festgehalten und gerichtet, unethische Forschungsexperimente durchgeführt und Verbrechen ungesehen vertuscht werden. Es sind Staaten innerhalb von Staaten.

Darüber hinaus gehören Arkologien auch im Science-Fiction-Kultklassiker Blade Runner , dem Pen&Paper-Rollenspiel Shadow Run und dem Ego-Shooter-Rollenspiel Deus Ex zu den Kulissen. Die größte Bekanntheit brachte dem Konzept aber wohl das bereits 1993 erschiene Computerspiel Sim City 2000. Dort lassen sich Arkologien bauen, wenn die Stadt mit ihrer Bewohnerzahl eine kritische Grenze überschreitet. Zur Auswahl gibt es dann nicht nur eine Art von Arkologie, sondern verschiedene Ausprägungen. Sie können sowohl eine grüne Utopie als auch eine seelenlose Wohnmaschine oder ein biomechanischer Dystopiebau sein, in dessen Luftschächten eine gefährliche Kreatur herumkriecht.

Das ist vielleicht etwas überspitzt. Trotzdem dürfte die Darstellung in Sim City 2000 der denkbaren Realität recht nahekommen. Denn selbst wenn architektonische, finanzielle und technische Hürden überwunden würden, wäre es letztlich ein ziemliches Glücksspiel, herauszufinden, ob eine Arkologie funktioniert und welchen Einfluss sie auf ihre Bewohner hat. Die Wette, die die Baumeister eingehen, ist, dass sich innerhalb des Wohnkolosses ein Gleichgewicht ergibt – und das nicht nur zwischen den Bedürfnissen der Bewohner und dem, was die Arkologie an Versorgung, Nahrung, Wohnbereich und Katharsis bereitstellen kann. Sie würden auch auf ein friedliches Gleichgewicht unter den Bewohnern selbst setzen, die in einer Menge auf konzentriertem Raum zusammenwohnen würden, wie es vorher nicht möglich war.

Tatsächlich könnten sich harmonische Zustände, eine neue Art des Miteinanders und der Intimität ergeben. Aber ebenso ist denkbar, dass die Arkologien in Chaos und Unruhe versinken. Ähnlich wie in High-Rise , einem Roman von James Graham Ballard, in dem die Bewohner eines High-Tech-Wolkenkratzers nach sich häufenden Stromausfällen und Verpflegungsengpässen allmählich in Wahnsinn und Anarchie verfallen. Die dritte Option wäre eher langweilig: Arkologien könnten, falls und wenn sie irgendwann Wirklichkeit werden, einfach nur ziemlich große Wohnhäuser werden, in denen das Leben so weiter läuft wie bisher.

Teaserbild: Cosanti Foundation

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Mega spannender Artikel! Danke!
Würdest du eigentlich eine Dyson-Sphäre auch zu einer Arkologie zählen, oder is das nochmal ne Nummer bigger…?

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Danke, danke : )

Und schöne Frage, um die ich anfänglich etwas herumtänzeln muss. Eine der Kernideen von Soleri war ja, dass Arkologien gebraucht und gebaut werden, um den Impact der Menschen auf die Umwelt zu minimieren und sich in die sie umgebende Landschaft einzupassen. Dieser Gedanke ist bei den „modernen“ Arkologien etwas in den Hintergrund gerückt und der self-sufficient mega building daraus geworden; dennoch geht es immer noch mehr und mindern darum, dass Arkologien das Problem lösen sollen, möglichst viele Menschen auf einem möglichst komprimierten Raum unterzubringen, der auf der Erde und vor allem auf einem engen Gebiet nicht unbegrenzt vorhanden ist.

Im All wäre das so eine Sache. Da gibt es sehr pragmatisch gesehen keine sonderlich sensible Umwelt mit der eine Arkologie in großer Harmonie existieren müsste. Und auch Platz gibt es mehr als genug.

Dennoch wären Strukturen wie O’Neill-Zylinder, Stanford-Tori oder Bernal-Sphären (oder was auch immer) im Ideal auch self-sufficient mega structures, die sich zumindest zum Teil ähnlicher Prinzipien bedienen. Zumindest eben was die Autarkie, Selbstversorgung und die Begrenzung des Habitats angeht. Was hingegen die Kompaktheit und Konzentration der Bevölkerung angeht, da schwebte den Denkern hier vor, eine vergleichsweise lockere Masse anzusiedeln. In einer mehr als 1,5 Kilometer langen Bernal-Sphäre sollten beispielsweise nur 20.000 bis 30.000 Menschen in Kleinstadtkaliber leben.

Ich glaube daher, streng genommen, sollte man derartige Strukturen nicht unbedingt unter dem Arkologie-Label subsumieren. Sie entspringen nicht den gleichen Nöten und Zwängen – und außerdem haben Arkologien doch etwas umwelt- und erdverbundenes.

Jetzt zur Dyson-Sphäre. Eine Dyson-Sphäre ist ja erst einmal nur ein Gerät, das, rumgewickelt um einen Stern (sei es als Kugelhülle, Plattenschwarm oder Rinstruktur), da ist, um dessen Energie möglichst effizient und umfassend nutzbar zu machen. Oder beim Konzept der Bubbleworld einen Gasplaneten, dessen Wärmeenergie angezapft wird.

Gehen wir davon aus, dass die Innenseite/Außenseite der Struktur so angelegt ist, dass sie bewohnt werden kann (Hallo, Halo und Larry Niven), dann wäre es wohl auch so, dass, wenn eine Umwelt und Natur dort vorherrscht, diese eh künstlicher Art ist; damit würde sich ebenso die Notwendig, in ökologischer Harmonie mit dieser zu existieren, erledigen; denn eine Spezies, die so etwas kreieren kann, wird wohl auch die Natur frei kontrollieren können.

Dennoch kann es natürlich sein, dass eine Spezies (warum auch immer) auf dieser Struktur konzentriert leben muss. Dann könnte es so sein, dass die Oberfläche der Struktur in der künstlichen Natur mit zahlreichen Arkologien gepflastert wird. Dann wären die Arkologien die Arkologien und die Struktur nur die Welt.

Wenn die gesamte Struktur zum self-sufficient mega structures wird (quasi zum gigantischen Gebäude), das rein der Bewohnbarkeit dient, wäre das kniffliger. In letzterem Fall wäre aber wohl dennoch eine Argumentation wie oben möglich. Wobei ich denke, dass derartiges dann eher als eine artifizielles Habitat oder sogar einfach als künstliche Welt eingeordnet werden sollte.

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Coolioo!! danke für deine Antwort…dann freu ich mich auch schon über einen Artikel zu Ringworld, Dysons Sphären und anderen Mega Structures im All! :-*

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Der wird auf jeden kommen ; )

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Danke für den Artikel, ich habe mehrfach Arcosanti besucht, und ich finde es ist ein spannendes Thema. Leider ist es für die meisten Menschen zu utopisch, wie so vieles.
Ich würde es schon begrüßen wenn in deutschen Städten die Dächer mit Photovoltaik belegt werden würden und Haus/Quartierspeicher zum Speichern von Energie eingesetzt werden.
Trotz deutlichem Kostenvorteil wird es aber nicht gemacht. Die Beharrungswiderstände schon bei so “kleinen” und “realistischen” Themen sind in der Gesellschaft leider enorm.

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Vielen Dank : ) Ich wollte Arcosanti schon mehrfach besuchen. Doch einmal die die große Überschwemmung dazwischen, wegen der der Zugang gesperrt war und ein anderes Motorschaden an einem Mietwagen.

Ein schönes Ökodorf-Projekt findet sich übrigens in den Niederlanden: Nennt sich Aardehuizen und hat zumindest einen ähnlichen “Spirit” wie Arcosanti.

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Toller Artikel. Meine erste Assoziation war tatsächlich auch SimCity 2000. :smile:
Mir war gar nicht bewusst, wie viele Konzepte es zu dem Thema eigentlich schon gibt - aber die scheinen ja alle an der Realität (Statik, Materialien, Zweifel an der Autarkie, Kosten etc.) zu zerschellen.

Hier stellt sich, wie bei vielen Dingen, wieder die Frage: Bestehendes inkrementell verbessern (wie bspw. die von @BladeRunner bereits angemerkte Nutzung von Photovoltaik in Städten, die notwendige Umbesinnung im Bereich Mobilität) oder mit Arkologien komplett Neues schaffen (was dann wieder von vielen anderen Faktoren abhängig ist und das Neue unnötig verkompliziert und verzögert)? Ersteres wäre wohl zumindest einfacher anzugehen.

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Vielen Dank! Ja, und Sim City 2000 hat das Wort Arkologie wahrscheinlich wirklich erst in viele Köpfe gebracht. Es ist auch nicht mehr das einzige Städtebauspiel, in dem sie vorkommen. Auch in Citystate gibt es sie beispielsweise.

Und die erwähnten Arkologie-Beispiele sind nur einige – es gibt noch zahlreiche mehr.

Meine persönliche Meinung ist, dass wir in Zukunft zumindest Ansätze von Arkologien sehen werden. Die Boston Arcology ist als Gebäude etwa realistisch und umsetzbar – aber ist eben keine Arkologie im Sinne Soleris. Sie ist nicht wirklich selbstversorgend, sondern auf externe Nahrungsmittellieferungen etc. pp. angewiesen. Dennoch kompaktisiert sie städtische Strukturen auf eine interessante und vlt. sogar fortschrittliche Weise. Und auch Öko-Städte wie Masdar City, die wiederum auf eine in teilen autarke Versorgung mit Strom, Wasser und eine nahezu allein interne Müllverwertung hinarbeiten, werden wir noch sehen – und zwar als in Teilen erfolgreiche Modelle.

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Das ist eigentlich ein schöner Gedanke. Ich frag mich aber, was eher der Grund ist eine Arkologie zu bauen, den Impact der Menschen auf die Natur zu minimieren oder andersherum? Wenn ich schaue, welche megastructures mir spontan noch einfallen, dann wäre da vielleicht, real, die Undergroundcity in Montreal oder, fiction, Zion aus Matrix. Beides hat aber ganz klar abwehrendes Verhalten. Und da kommen wir in der mitteleuropäischen Geschichte ja her, wenn man an Burg- und Wehranlagen denkt. Nur leider waren die nicht für die ganze community, sondern für einen exklusiven Teil. Vielleicht ist eine aktuelle Analogie dazu jegliche gated community, mit internem Golfplatz und Luxuseinkaufszentrum (z.B. Alphaville, Brasilien). Ich glaube für eine Arkologie muss erst noch eine Gemeinschaftsform gefunden werden. Dann fangen wir doch lieber klein an und verdichten mit genossenschaftlichen Mehrgenerationenhäusern im Passivhausstil. :wink:

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Hier noch ein Link zu wunderschönen megastructure Utopien

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Oh, ja, Superstudio. Wobei das keine “ernsthaften” Entwürfe waren, sondern Design-Experimente und kritische Persiflagen der damaligen Trends: Zoning, Uniformität, Glas- und Stahlbau, Minimierung der Umgebung etc.

Bei den Twelve Ideal Cities kamen die Entwürfe daher auch noch mit Szenarien einher, die deren Bau “bedingen” würden. Darunter etwa Seuchen oder die Zerstörung von New York City.