Warum es in Dune keine Roboter und Künstlichen Intelligenzen gibt

In diesem Monat wird eine neue Verfilmung des Science-Fiction-Epos Dune in den Kinos starten. Für viele gilt Der Wüstenplanet als eines der größten und wichtigsten Science-Fiction-Werke überhaupt. Dabei fehlt in der Welt der Sandwürmer etwas, das sonst aus der Science Fiction nicht wegzudenken ist. Nämlich Künstliche Intelligenz. Doch das hat seinen Grund.

Von Michael Förtsch

Frank Herbert wusste angeblich schon recht früh, dass er Schriftsteller werden will. Bereits mit acht Jahren soll er seiner Mutter gesagt haben, er wolle eigene Geschichten schreiben. Denn Bücher waren das einzige, dass sich seine Familie leisten konnte. Dennoch dauerte es fast 43 Jahre, bis er seinen ersten Roman veröffentlichte. Allein sechs Jahre hatte er zuvor in Recherchen über Ökologie, Religionen und Adelsstrukturen investiert. Und als er endlich fertig war und verschiedenen Verlagen seine Idee anbot, flatterte Absage über Absage in sein Postfach. Er entschloss sich daher, seine Geschichte 1963 in kleinen Häppchen im Science-Fiction-Magazin Analog zu veröffentlichen. Dort fand sie bereits einiges an Anklang und wurde zum Geheimtipp

Dennoch dauerte es nochmal zwei Jahre, bis sein Roman in Buchform erschien – und das bei Chilton Books, ein Verlag, der sonst Reparaturanleitungen und Kataloge publiziert. Erst mit einiger Verzögerung wurde Frank Herbets Dune: Der Wüstenplanet wirklich wahrgenommen. Aber dann traf er den Zeitgeist und Nerv einer ganzen Generation. Seine Geschichte von einer Zukunft, die von zerstrittenen Adelshäusern, der mysteriösen Spice- oder Gewürzdroge, einem öde scheinenden Wüstenplaneten und geradezu religiösen Erweckungserlebnissen geprägt ist: Vor allem die Gegenkultur konnte sich mit diesen Themen, der ökologischen Aussage und der Heilsbotschaft identifizieren.

Daneben hat Dune alles, was gute Science Fiction ausmachte – und auch bis heute ausmacht. Nicht umsonst gilt der Roman als einer der wichtigsten Genre-Vertreter überhaupt und – zumindest bis 2003 – als der meistverkaufte Science-Fiction-Roman. In Dune gibt es Raumschiffe, Schlachten, Intrigen, futuristische Technologien und sowohl hassens- als auch liebenswerte Charaktere. Aber: Eine Sache fehlt dann doch in Dune– und macht den Roman als Science-Fiction-Werk damit durchaus besonders. Im Kosmos des Wüstenplaneten gibt es scheinbar keine Roboter, keine smarte Technologie und vor allem keine Künstliche Intelligenz. Oder genauer: es gibt sie nicht mehr, wie Frank Herbert sachte andeutete und sein Sohn Brian Herbert dann in den neueren Dune-Werken auflöste.

Die Dekadenzmaschinerie

Während in anderen großen Science-Fiction-Universen wie Star Wars und Star Trek , in denen die Menschen durchs All reisen, andere Planeten erkunden und interstellare Kriege führen, Raumschiffe von Computern gelenkt werden oder nebst den Menschen auch Roboter in die Schlacht ziehen, existiert all das bei Dune tatsächlich nicht. Daher wirkt die Welt von Dune trotz all der riesigen Schiffe und Maschinerien, die bewegt werden, auf sonderbare Weise geradezu archaisch. Komplexe Berechnungen und logische Kalkulationen, die sonst Computer und Künstliche Intelligenzen durchführen, werden von Mentaten geleistet. Das sind Menschen, die mit einer harten Schulung zu gefühllosen Menschen-Computern erzogen werden – und deren kognitive und analytische Fähigkeiten mit Drogen auf das Niveau von Supercomputern gebracht werden.

Die Reise durch den Kosmos hingegen wird erst durch die Raumfahrergilde ermöglicht. Oder genauer: deren Navigatoren, die mit den Highliner-Trägerschiffen ganze Armeen über Abertausende Licht Jahre transportieren. Sie funktionieren im chaotischen Faltraum, in den die Schiffe durch den Holtzman-Effekt hineingebogen werden, als lebender Wegweiser. Die Steuermänner schweben dafür in einem Dampf aus Spice, der ihre mentalen Fähigkeiten erweitert und sie instinktiv durch den Raum und wenige Momente in die Zukunft blicken und dabei einen Kurs ausmachen lässt. Wobei sich die Schiffe sich während des Fluges eigentlich nicht vom Fleck bewegen.

Ohne lebende Denkapparate wie die Mentaten oder die Navigatoren wäre Raumfahrt und Zivilisation im Dune-Universum nicht machbar. Aber das war nicht immer so. Der erste Dune-Roman ist im Jahre 10.191 A.G. – also nach der Gründung der Raumfahrergilde – angesiedelt. Vor dieser Epoche existierte das sogenannte Alte Imperium. Das nutze und entwickelte bereits seit Tausenden von Jahren Computer und Künstliche Intelligenzen – und die hatten erst ermöglicht, dass sich aus der Menschheit ein ganzes Sternenreich entwickeln konnte. Aber die „denkenden Maschinen“ hatten die Menschheit auch dekadent und apathisch gemacht und spirituell verarmen lassen.

Der große Krieg gegen die Maschinen

Rund 1.200 Jahre B.G. – also vor der Gründung der Gilde – sahen einige Denker, dass das Alte Imperium erneuert werden müsste. Allen voran ein Philosoph, der sich den Namen Tlaloc gab und nach und nach Gleichgesinnte um sich scharte. Einer von ihnen, Vilhelm Jayther, der sich jedoch Barbarossa nannte, inszenierte einen Putsch, in dem er die Künstlichen Intelligenzen des Imperiums mit dem Wunsch infizierte , einen Umsturz durchzuführen und Kontrolle über das Reich zu erlangen. Der KI-Aufstand kam 1.287 B.G. und die Gruppe entthronte mit Hilfe der Maschinen den alten Imperator und übernahm die Kontrolle über weite Teile des Imperiums. Nur einige wenige Planeten, regiert von Adelshäusern wie den Atreides und Harkonnen, schafften es, sich gegen die Übernahme zu erwehren und „freie Menschen“ zu bleiben.

Der einstige Anführer Tlaloc starb während des Putsches. Daher wurde das Reich unter den Revolutionsführern aufgeteilt, die jedoch von ihrer plötzlichen Macht korrumpiert wurden und ihre Ideale vergaßen. Die Titanen getaufte Gruppe wollte auf ewig leben. Einige ließen ihre Gehirne daher in Roboterkörper transferieren, den Cymeks, und ergingen sich in Sex- und Gewaltorgien. Die Verwaltungsarbeit und Herrschaft überließen sie zunehmend den Künstliche-Intelligenz-Systemen, in denen sich ein eigenes Bewusstsein materialisierte: Omnius.

Das Bewusstsein bestand eigentlich aus mehreren Künstlichen Intelligenzen, aber verstand sich zunehmend als eine Entität, die zunehmend Kontrolle suchte. Das war es schließlich, worauf sie von den Titanen programmiert worden waren. Wirklich bewusst wurde die Machtergreifung von Omnius erst, als das System 1.182 B.G. bereits über 500 Planeten des Reichs in seiner Gewalt, eigene klinisch-logische Regeln erlassen und die Menschheit versklavt hatte. Dazu hatten die Maschinen begonnen, grausame Experimente an Menschen durchzuführen, um „das Chaos“ der Menschen verstehen zu lernen. Die Titanen wurden von Omnius als seine nun praktisch machtlosen Schöpfer geduldet.

Im Jahr 200 B.G. entbrannte beginnend auf der Erde ein Aufstand gegen den „Gott der Maschinenlogik“ und seine „synchronisierten Welten“ – der Butlerian Jihad oder: die große Revolte. Dieser wurde von der KI mit der Vernichtung der gesamten Erdbevölkerung und dem Einsatz eines tödlichen Virus beantwortet. Doch der Krieg hatte sich schon ausgebreitet und Adelshäuser freier Planeten zogen in den Krieg gegen Omnius. Sie starteten koordinierte Angriffe und Atomschläge gegen die Welten, auf denen die KI regierte. Wobei Millionen von Menschen starben.

Herbert zweifelte schon immer an Künstlicher Intelligenz

Bis 108 B.G. – und damit ein Jahrhundert – dauerte der eigentliche Krieg gegen die denkenden Maschinen an. Milliarden Menschen – fast ein Zehntel der gesamten Spezies – wurden während der Schlachten und Vergeltungsmaßnahmen ausgelöscht. Omnius zog sich zurück und verschanzte sich. Letztlich gelang es den menschlichen Streitkräften unter dem Feldherr Vorian Atreides, die KI auf dem Planten Corrin in eine Sackgasse zu treiben. Bei einem letzten konzentrierten Schlag wurden dann 88 B.G. die – zumindest scheinbar – letzten beiden Instanzen von Omnius geschlagen.

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Die Folge des Butlerian Jihad waren ein neues Imperium und das neue feudale Herrschaftssystem, das auch in Dune noch seinen Bestand hat. Die einschneidendste Veränderung war aber die Zerstörung aller intelligenten und denkenden Technologien, die die Menschheit bislang entwickelt hatte. „Der Mensch soll nicht ersetzt werden“ wurde gemeinsam mit „Du sollst keine Maschine bauen, die die Gestalt des menschlichen Geistes nachbildet“ zum Gesetz. Sämtliche intelligente Technologie ist damit im neuen Imperium illegal, verboten und verbannt. Nicht, weil es sie nicht geben könnte, sondern weil es sie gab – und sie sich für die Menschheit als existenzielle Bedrohung erwiesen hat.

Aber vor allem erlaubte der fiktive Krieg der Menschheit gegen eine macht-trunkene Künstliche Intelligenz dem Autor Frank Herbert eine Science-Fiction-Welt zu schaffen, die eine surreale Melange aus Low-Tech-Maschinen und High-Tech-Anwendungen imaginiert. Eine Welt voller merkwürdiger, aber plausibler Anachronismen, die vollkommen glaubhaft und nachvollziehbar erscheint, weil dieser Status seit 10.000 Jahren so besteht. Weil sich die Menschheit darauf geeinigt hat, dass Computer, Roboter und denkende Maschinen eine schlechte Idee sind.

Wieso sich Frank Herbert ursprünglich entschloss, Künstliche Intelligenz aus Dune zu verbannen, das ist bis heute nicht sicher. Denn er hat es nie erklärt. Allerdings lässt sich nicht nur in Dune erkennen, dass Herbert Künstlicher Intelligenz und Computern eher skeptisch gegenüber stand. In dem gemeinsam mit Bill Ransom geschriebenen Roman Der Lazarus-Effekt entwickelt ein Computer die Überzeugung, er sei Gott. In Ein Cyborg fällt aus entwickelt eine Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein und fällt unmittelbar dem Wahnsinn anheim und tötete ihre Schöpfer. Herbert scheint Künstliche Intelligenz also als eine potentielle Bedrohung gesehen zu haben; als eine Technik, die der Menschheit zum Verhängnis werden könnte, wenn sie ein Bewusstsein entwickelt. Das ist eine Einstellung, die auch nach all den Jahrzehnten noch relevant und aktuell ist – genau wie Dune.

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Hallo Michael,
danke für den tollen Artikel. Ich hatte schon lang das Gefühl, dass in Butlers Djihad die eigentlich spannende Geschichte steckt, sie wird aber in den Dune-Romanen immer nur kurz angedeutet. Wo steckt die Vorgeschichte drin? In den Romanen des Sohns? Bisher habe ich sie nicht gelesen, weil sie mir oberflächlich wie relativ plumpe Action-Romane vorkamen. LG, Stefan

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Hi, ja, das ist richtig in den Dune-Romanen von Herbert wird die Story nur angedeutet. Es gibt kleine Details und Hinweise. Aber ausgeschrieben wurde der Krieg gegen die Maschinen in der „Legenden“-Reihe von seinem Sohn Herbert. Aber auch in den „Frühen Chroniken“ sind einige Side-Storys enthalten, die einen Einblick auf den Konflikt geben.

Die Frühen Chroniken fand ich persönlich tatsächlich nicht gut. Aber die Legenden-Romane sind eigentlich ganz gut, fand ich. Es ist „Action“, das stimmt, aber keine plumpe Action. Es gibt da wahnsinnig viele philosophische und ethische Debatten, die durchaus faszinierend sind.

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@Michael ich werde mir den Artikel auf jeden Fall durchlesen nachdem ich den Film gesehen habe. Aber schon vorab sehr sehr geil von dir das Thema hier einzubringen. :love_you_gesture: Freue mich richtig deinen Text durchzulesen, nachdem ich in den Genuss des Films gekommen bin. :sunglasses: Und dann deep dive into Nerd Talk :joy:

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Apropos., Nörd Talk… :slight_smile:
… Ich verstehe das mit den Antrieben der Schiffe in Dune nicht. Wenn Raumfahrt mehr eine ‚mentale Leistung‘ ist., Durch das voraussehen der Koordinaten und das Wissen über Raumzeit…, die Schiffe sich eh nicht bewegen… würde doch implizieren das die Zeit nicht linear ist.,… sondern aus Potentialen besteht.
Und mit dieser Raumfaltungsmethode würde dann ja eh keine Strecken hinterlegt sondern der Raum selbst manipuliert…
Wenn man sich das Raumfahren daher eher ‚her denkt‘ für was braucht man dann die Gadgeterie der Raumschiffe…? Und die ganzen Hardware…? Das hört sich für mich so nach ‚mental - Astronautik‘ an… Und jaaa., wiedermal ein formidabler Artikel., Michi!

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Wie genau der Antrieb der Schiffe – also zumindest der Heighliner – funktioniert, das wird nie wirklich im Detail erklärt. Nur eben, dass der Raum auf einem Quantenlevel um die Schiffe herum gefaltet wird, während sie eben quasi stillstehen. Ähnlich wie in Star Trek scheint es also nicht um den Raum als „den Weltraum“ zu gehen, sondern einer Art Subraum. Oder anders gesagt: Die Raumfahrergilde faltet sich mit ihren Raumschiffen nicht durch die Bettdecke, sondern eher durch das Spannbettlacken.

Die Raumfahrt selbst ist also keine mentale Leistung, sondern „nur“ die Navigation. Die Navigatoren übernehmen also die Rolle eines Steuercomputers, der den „Kurs“ bestimmt, in dem sie quasi Projektionen der Quanteneffekte und dadurch etwas in die Zukunft voraussehen.

Es gab hier mal eine Aufschlüsselung durch einen Wissenschaftler, der versucht hat, das Konzept auf die Realität zu übersetzen … aber da sind halt auch viele Annahmen drin und Versuche, hinter einigen Sci-Fi-Worten echte physikalische Gegebenheiten zu finden. https://archive.org/details/scienceofduneuna00graz/page/177/mode/2up

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Was tatsächlich z.B. in der Theorie einer Quantengravitation, speziell z.B. der Loop-Quantengravitation (Schleifen-Quantengravitation) so postuliert wird. Eine durchaus ernstzunehmende Theorie, die die Konzepte der Quantentheorie mit der der Allgemeinen Relativitätstheorie zu vereinigen versucht (wie z.B. auch die Stringtheorie).

Schon die Quantentheorie impliziert, dass bei sehr starken Gravitationsfeldern auf sehr kleinen Längenskalen eine Körnung der Raumzeit auftauchen muss. Die Längenskala, wo die Körnung auftritt, ist im Bereich der Planck-Länge, also auf nur 10 hoch -33 cm.

Diesen quantenhaften Charakter der Raumzeit berücksichtigt die (Loop-)Quantengravitation.

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