Steht München Still?

Der BR sagt: München hat es sich bequem gemacht, tut sich schwer mit Veränderung. Egal, ob es um die Sanierung des Kulturzentrums Gasteig geht oder um ein kleines Denkmal für Helmut Dietl. Wer nur von der Substanz lebt, verspielt die Zukunft. Zeit für einen Neustart!

Was denkt ihr? Wo gibt es neue Impulse, Freiraum, wie könnten aufregende Initiativen für München aussehen? Welche Rolle kann / muss die Stadt spielen?

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Natürlich gibt es Facetten an München die verdammt konservativ oder eingefahren sind. Beispielsweise das Festhalten an der Höhengrenze, das aufregende neue Architektur verhindert oder die tatsächlich vergleichsweise raren Freiräume und Zwischennutzungsangebote für Kunst- und Gegenkulturprojekte – das ehemalige Hertie-Haus, das Lovelace, so etwas gibt es in New York, London oder auch Berlin deutlich häufiger. Das stimmt.

Aber dass es keine urbanen Innovationen gibt oder faszinierende Projekte, das ist nun auch wieder Unfug. Man schaue sich nur das Werk1 an, die Bemühungen hin zu einer autofreien Innenstadt, den Kulturstrand und andere Kultur„feste“, die sich zwar nicht architektonisch, aber gesellschaftlich manifestieren.

Die eher zähe Veränderung in München kann man freilich als eine Bräsigkeit deuten. Aber ebenso als Marker dafür, dass vieles einfach sehr gut funktioniert. Manche behaupten ja, Berlin sei so stetig im Wandel. Ich würde eher sagen, dass Berlin einfach nichts fertig kriegt – und das ist in München eben anders.

Dennoch: Ein echtes und modernes Kulturzentrum, das wirklich viele Flächen bietet, nicht von alteingesessenen Verwaltern ge-maneged wird, sondern Kulturbegeisterten und Freigeistern, das würde der Stadt aber wirklich gut tun. Ebenso wie günstige und von der Stadt geförderter Raum für junge Initiativen, Maker Spaces, Kunst- und Kulturstart-ups und Popup-Projekte. Das fehlt tatsächlich!

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Mein Eindruck ist ehrlich gesagt ein ganz anderer als der, den die schon etwas betagten Kronzeugen in dem eher klassisch-ästhetisch, denn jung und wild produziertem Capriccio-Beitrag vermitteln. Habe selbst auch schon in Berlin und New York gelebt und finde, dass München in den letzten paar Jahren deutlich lebendiger geworden ist, dass die Stadt gerade aus ihrem lahmen Dornröschenschlaf erwacht und wirklich wieder aufholt.

Woran ich das festmache? Eine Freundin von mir, die für die New York Times arbeitet und sonst selbst in New York wohnt, war vergangenen Sommer für acht Wochen hier und hat das echt gut in einem Artikel festgehalten. (Fun Fact: Sie war sogar so begeistert, dass sie jetzt für ein halbes Jahr nach München zieht.)

Im Text werden Orte wie die Alte Utting, das Crönlein, der Bahnwärter Thiel usw. vorgestellt, die eine echte Bereicherung sind. Auch die Kunstszene hat spannende Orte bekommen. Das Kunstlabor in der alten Tengelmann-Zentrale war wirklich interessant. Die Lothringer 13 hat immer wieder großartige Ausstellungen junger Künstlerinnen und Künstler, in die man einfach hereinspazieren kann. Das Werksviertel, das @Michael schon erwähnt hat, fühlt sich nach Großstadt an. Und ich finde die Renaturierung der Isar, die so lange ja auch noch nicht her ist, war ein echter Meilenstein, auch wenn der aus Schwabinger Sicht etwas weit weg ist. So großartig das Werk von Helmut Dietl ist. Ich weiß nicht, ob Denkmäler ein Indiz für Aufbruchsstimmung sind.

Klar hat München nicht das raue, harte, irgendwie „echtere“ Gefühl, das Berlin so spannend macht, weil die Menschen in München im Schnitt deutlich betuchter sind. Es ist alles geschliffener, gediegener, funktionierender. Damit muss man sich arrangieren. Aber dennoch tut sich was. Die Stadtverwaltung spielt hier außerdem eine weniger bremsende Rolle als in Berlin, das leider sehr provinziell und oft unprofessionell regiert wird.

Und dann noch was zum Wunsch nach Orten, die soziale Unterschiede ausgleichen. Der Wunsch danach wird im Fernsehbeitrag am Beispiel des Kulturzentrums in Sao Paolo genannt. Ich finde, dass der Biergarten das ziemlich gut schafft. Ich zitiere:

Biergärten erfüllen wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher
beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes,
soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen. Die Geselligkeit und
das Zusammensein im Freien wirken Vereinsamungserscheinungen im Alltag
entgegen.

Stammt aus der Bayerischen Biergartenverordnung.

Darüber hinaus: Klar ist’s manchmal bräsig. Selbst der TV-Beitrag, der das kritisiert, wirkt so. Aber das ist doch im ganzen Land der Fall. Das Land wird älter und dabei konnten große Teile der Bevölkerung ihren Wohlstand erhalten. Kein guter Nährboden für aufregende Veränderungen. Aber auch da kommt wieder Schwung rein derzeit…

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Also ich möchte noch zur Biergartenverordnung aus einem alten Focus-Artikel frei zitieren, eine Mass Bier ist eine Aufgabe! Und damit eine zeitlich längere Auseinandersetzung mit Mittrinkenden und der Umgebung. Dieser Huldigung wegen gibt es hier auch Biergärten und keine Gastgärten - und alles dauert ein wenig länger. Trotzdem gibt es auch in München viele und spezielle Nischen, man denke nur mal an die mobilen Isarraves in lauen Sommernächten. In und um die Kunstakademie oder die Kammerspiele gibt es viele interessante Ausstellungen, temporäre Aktionen und einfach rotzige Parties. Und man kann, wenn man möchte auch bis Mittag durchfeiern. Man muss sie nur suchen diese Dinge, dann gibt es sie auch in München. Das einzige, das mir lästig ist und einen großen Unterschied zum Rest Deutschlands macht, ist das Ladenschlussgesetz und das die Behörden sehr zuverlässig und strikt spontan Enstandenes/Entstehendes auflösen. Ansonsten heißt für viele Münchner auch hier leben, nicht bis zur Stadt-Grenze, sondern bis nach Garmisch und weiter. Das ist doch cool! Und hört bitte auf mit den Berlin-Vergleichen!

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Ich hab mal den Biergarten-Artikel versucht zu finden; leider ohne Erfolg, dafür hab ich ein Fragment einer englischen Übersetzung auf einer meinen alten Back-up Festplatten gefunden. Here you go (falls jemand damit das deutschsprachige Original findet - please lmk. Der Artikel hat mich damals schwer beeindruckt :slight_smile: )

Sitting about untroubled, timeless happiness

For 200 years now Bavarians are hying into their beer gardens,; and that is the place where they find moderate inebriety, friendly fellow drinkeres and peace for the soul.

During the summer Munich is a place far out in the north sea. “Then this is an oil rig”, says Christian Vogler, the innkeeper of Augustiner Keller. It is a back-breaking job for his waiters, who constantly keep working throughout two weeks hardly leaving the grounds. Starting at ten before midday until one in the morning their job remains unchanged: Lifting. Beers.

Beer is the Bavarian man’s oil, the people are thursty, and the beer garden is the place where to get the fuel. These fuel stations might be more or less fancy equipped, but one thing is taken for granted: freshness of the beer.

For example take the Augustiner Keller close to Hauptbahnhof, a giant among Munich’s beer gardens;

5000 to 6000 outdoor seats, and another 1300 indoors. And all are occupied? “When the weather is fine we are full”, says the innkeeper. “Always.”

Everybody’s relaxed – except for the employees. 130 people swat at Vogler’s, and starting in April until October another 30 saisonal workers are added.

They heft the beer to the millionair’s crackerbarrel . They heft the beer to the whoremonger’s crackerbarrel. They heft it to the regular table of the club of alpinists founded in 1896, and to the one belonging to Jakob Gustl, who actually already passed away, but handed down the crackerbarrel to his son. “What you can always find here, that is the love for Augustiner”, says Vogler Christian. What sort of love is that – love for boozing?

It’s more a love for peace of mind. In Munich sun is more intensive than in Cologne, Berlin, or Kiel, even in late summer, the town is 519 meteres above sea level. Everybody’s jonesing for some shadow and refreshment. Hardly can one see the sun, the bear gardens are filling up.

Then roaring fills the air – for outlanders some abstruse swarmlike sound, as if it stems from humming bees.

It arises out of the Parlando and laughter of the felicitous befuddled, the chewing and speaking with half-full mouth, the raising and settling of the ever more emptying jugs, the shuffling of the feet under the tables.

What is it that makes the beer gardens attract people to fall upon these places at ten in the morning in order to settle? And how come this sparkish enthusiasm to halt for 200 years now?

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