Dune: Der größte Science-Fiction-Film, den es nie gab?

Vor fast einem halben Jahrhundert wollte ein exzentrischer Filmemacher einen der größten Science-Fiction-Romane verfilmen: Frank Herberts Dune: Der Wüstenplanet. Dafür versammelte der Regisseur eine besondere Gruppe von Künstlern und Schauspielern, die ein gigantomanisches Projekt planten. Doch der Film scheiterte glorios – und wird von vielen als der beste nie gedrehte Film überhaupt bezeichnet.

Von Michael Förtsch

Es ist eine Szene, die selbst nach über 60 Jahren noch meisterhaft wirkt. Für den Anfang seines Noir-Krimis Im Zeichen des Bösen inszenierte der Citizen-Kane-Regisseur Orson Welles eine dreiminütige Kamerafahrt. Sie zeigt eine Gasse, einen Mann mit einer Bombe, die er in einem sportlichen Cabrio deponiert, und dann ein Pärchen, das mit eben jenem Wagen durch die amerikanisch-mexikanische Grenzstadt Los Robles fährt. Es gibt keinen Schnitt, keine Unterbrechung. Die Kamera schwebt wie schwerelos vor und hinter dem Wagen her, hebt und senkt sich, verliert dann scheinbar das Interesse, um stattdessen einem flanierenden Pärchen zu folgen. Der Wagen bleibt dennoch im Blick. Bis er plötzlich explodiert.

Diese Plansequenz beeindruckte den chilenischen Filmemacher Alejandro Jodorowsky, als er sie einst in einem Kino sah, nachhaltig. Für ihn ist es eine der besten Stücke an Filmkunst, die je gedreht wurden. „Es ist pure Schönheit, ein Fluss der Bewegungen“, sagte Jodorowsky einst. Genau daher wollte er diese Szene nachempfinden. Genau wie Orson Welles wollte er die Zuschauer mit einer schwebenden Reise in eine fiktive Welt mitnehmen. Jedoch sollte die Kamera dabei nicht durch eine Grenzstadt segeln, sondern durch das gesamte Universum. Sie sollte über mehrere Minuten an Galaxien, Sonnensystemen, Kometen und Asteroiden vorbeiziehen. Dann an Raumschlachten, Frachtschiffen, die von Raumpiraten geentert werden, und an Astronauten, die schwerelos durch das All driften.

Enden sollte die komplett ohne Schnitte komponierte Szene mit dem Anflug auf einen künstlichen Planeten mit einem riesenhaften Palast, der vollends aus Gold geschmiedet ist. Der Film, den er so eröffnen wollte, hätte einer der aufwendigsten Filme seiner Zeit werden sollen. Und nach Meinung von Filmexperten und Fans hätte er entweder der größte, beste oder aber der irrste Science-Fiction-Film aller Zeiten werden können. Oder sogar der größte, beste oder irrste Film überhaupt. Die Rede ist von: Dune . Oder zumindest Alejandro Jodorowskys Interpretation des Science-Fiction-Epos von Frank Herbert.

Was ist Dune?

Frank Herbert gilt als eine der Ikonen des Science-Fiction-Genres. Er verfasste über 30 Romane und mehr als 50 Kurzgeschichten. In Werken wie Die weiße Pest befasste er sich schon vor über 35 Jahren mit Bio-Hacking und Genwaffen. In High-Opp erforschte er in einer dystopischen Zukunft moderne Kasten- und Ausbeutungssysteme sowie Abstiegsängste. Und in Mann zweier Welten durchdachte er, was wäre, wenn die Erde der Vorstellungskraft einer mächtigen Rasse entstammt, die nun ihre eigene Schöpfung fürchten muss. Doch das Werk, mit dem der 1985 verstorbene Herbert quasi unsterblich wurde, war sein Roman Dune – oder auch: Der Wüstenplanet –, der sich weltweit rund 20 Millionen Mal verkaufte – und mit weniger erfolgreichen Romanen zu einem gigantischen Zyklus ausgebaut wurde.

In Der Wüstenplanet erzählt Herbert von einer Zukunft, in der gleich dem feudalen Europa mächtige Adelshäuser, Gilden und Orden herrschen. Die werden nur von einem nahezu allmächtigen und ebenso gnadenlosen Imperator davon abgehalten, übereinander herzufallen. Dem edlen Haus der Atreides wird vom Imperator zu Beginn der Handlung die Lehnsherrschaft über den Wüstenplaneten Arrakis – oder auch Dune – übertragen. Das Haus ist damit für die Ernte und Lieferung des Gewürzes – oder auch Spice und Melange – zuständig, einer natürlich auftretenden Droge, die den Geist erweitert und es den Navigatoren der Raumfahrergilde ermöglicht, durch das All zu springen. Einst wurde das mit Künstlichen Intelligenzen getan, die sich jedoch gegen die Menschen auflehnten und in einem brutalen Krieg, zurückgeschlagen werden mussten. Seitdem sind Roboter und andere Denkmaschinen tabu.

Auf dem Planeten angekommen droht den Atreides bereits ein Überfall vom Haus Harkonnen, das unter seinem drakonischen Herrscher Wladimir Harkonnen zuvor das Gewürz von Arrakis aberntete. Herzog Leto Atreides wird gefangen genommen, und nimmt sich das Leben. Der Machtwechsel auf Arrakis war nur ein Hinterhalt. Aber seine Frau Jessica und sein Sohn Paul können in die Wüste fliehen, wo sie von den einheimischen Menschen, den Fremen, aufgegriffen werden. Über drei Jahre verstecken sich die Adligen in den Höhlendörfern. Dabei lernt Paul, dass sich hinter Arrakis’ dröger Wüstenlandschaft ein komplexes Ökosystem verbirgt. Außerdem entdeckt er bei sich hellsichtige Fähigkeiten, die durch das Spice verstärkt werden. Er wird unter dem Namen Muad’Dib zu einem Heilsbringer der Fremen, der den Planeten von der Fremdherrschaft befreien soll.

Der Wüstenplanet ist eine vielschichtige Erzählung, in der Herbert seine Faszination für Ökologie, die arabische Welt, religiöse und hierarchische Systeme und die Verzahnung von Fortschritt und Konservatismus verarbeitet. Insbesondere greift er viele Konzepte, Ideen und auch Begriffe aus dem Islam auf – sowohl kritisch als auch anerkennend. Aus heutiger Perspektive wirkt Der Wüstenplanet damit progressiv, mutig und kulturell offen. Aber im Detail auch anachronistisch, da es einen edlen, gebildeten und westlich kultivierten Helden zum Befreier einer muslimischen Stammeskultur macht – fast wie bei Lawrence von Arabien . Heute ist das ein oft reproduziertes und abgegriffenes Klischee. Doch das tut der grundlegenden Faszination des Dune-Universums und seiner Geschichte keinen Abbruch. Sowohl von der Handlung, ihren Einfluss und auch allem sonst wusste Alejandro Jodorowsky nichts, als er sich entschloss, Dune zu verfilmen.

Wer ist Jodorowsky?

Selbst heute arbeitet der mittlerweile 91 Jahre alte Alejandro Jodorowsky noch als Filmemacher – und genießt Kultstatus. Doch er gilt nicht nur als avantgardistischer, sondern auch als egozentrischer und befremdlicher, weil eigensinniger Künstler, der sich gerne auch mal selbst skandalisiert. Ursprünglich verdingte sich der gebürtige Chilene im gleichen Beruf wie seine Eltern, von denen er sich schon früh entfremdet hat. Er trat als Clown in einem Zirkus und im Theater auf. Außerdem schrieb er Gedichte und bald auch Theaterstücke, die er Ende der 1940er mit dem von ihm gegründeten Ensemble Teatro Mimico aufführte. Es waren sowohl eigene Ideen als auch sonderbare Interpretationen von Shakespeare und Strindberg, die er mit Zirkuselementen und mystischer Symbolik auflud. Denn Jodorowsky vertiefte sich in spiritistische Lehren, lernte das Legen von Tarotkarten und bezeichnet sich selbst als Psychomagier. Und er experimentierte gerne mit bewusstseinserweiternden Drogen.

In den 1950ern verschlug es Jodorowsky nach Paris und daraufhin nach Mexiko Stadt, wo er zum Mitbegründer des Panic Movement wurde, einem Kollektiv, das mit Aktionskunst schocken, verblüffen und irritieren wollte. Jodorowsky selbst schlachtete für eine Aufführung öffentlich Gänse und ließ sich nackt auspeitschen. Während dieser Zeit kam er in Berührung mit Filmemachern und drehte 1967 mit Fando y Lis seinen ersten Spielfilm. Der Film sorgte mit seinen wunderlichen Figuren, blutigen, sexualisierten und verstörenden Szenen für einen Skandal in Mexiko. Sogar Todesdrohungen bekam der Regisseur. „Die Leute wollten mich wirklich und wahrhaftig umbringen“, sagte Jodorowsky in der Dokumentation La constellation Jodorowsky . Von der Uraufführung am Acapulco Film Festival musste er daher im Fußraum eines Autos flüchten.

Aber gerade das bestärkte Jodorowsky. 1970 brachte er El Topo in die Kinos, einen surrealen Western, in dem er selbst und sein siebenjähriger Sohn die Hauptrollen übernahmen. Er gilt als einer der ersten Midnight Movies und wurde vom Filmkritiker Roger Ebert als „unvergessliche Erfahrung“ gewürdigt. Doch er sorgte mit einer Vergewaltigungsszene auch für Empörung, deren Aufarbeitung vom Filmemacher selbst und von Kritikern erst nach Jahrzehnten versucht wurde. Der Erfolg von El Topo ermöglichte Jodorowsky seinen dritten Film Montana Sacra: Der heilige Berg, der von ihm angeblich nach einer Woche ohne Schlaf gedreht und vom El-Topo-Fan John Lennon mitfinanziert wurde. Es ist eine mit religiösen Symbolen, metaphysischen Konzepten und psychedelischen Bildern vollgepackte Odyssee eines Diebes, der zum Schüler eines mächtigen Alchemisten wird. Er soll nach einer geistigen Reinigung mit anderen Schülern einen heiligen Berg und damit Erleuchtung finden.

Wie El Topo wurde Der heilige Berg zum Kultstreifen, und in Europa zum unerwarteten Kassenschlager. Der französische Produzent Michel Seydoux, der Der Heilige Berg mit seiner Firma Camera One in Frankreich vertrieb, bot Jodorowsky daher an, seinen nächsten Film zu produzieren – und bei der Finanzierung zu helfen. Egal, was es sein sollte. Alejandro Jodorowsky überlegte nicht lange. „Ich sagte: Ich mache Dune “, erzählte er 2013 auf dem Münchner Film Festival, wo ihm eine umfassende Retrospektive gewidmet wurde. „Ich hatte Dune bis dahin nicht gelesen. Aber ich wusste, dass es ein fantastisches Buch sein soll, das den Geist und die Perspektive verändern kann.“ Michel Seydoux war von der Wahl überrascht, gab dem exzentrischen Chilenen aber gerne nach und konnte Ende 1974 tatsächlich die Filmrechte zu Dune lizenzieren.

Die Geschichte

Erst als er das Okay von Michel Seydoux erhalten hatte, las Alejandro Jodorowsky den Frank-Herbert-Roman. Dafür ging er 1975 nach Frankreich, wo Seydoux für ihn ein Chateau angemietet hatte. Der chilenische Regisseur lobte den Science-Fiction-Wälzer als „spirituell“ und „große Literatur“. Dennoch hat die Geschichte, die er auf Film bannen wollte, abgesehen von der groben Rahmenhandlung, den zentralen Figuren, der Handlungsorte und einiger religiöser Referenzen nicht allzu viel mit Der Wüstenplanet gemein. „Ein Buch ist eine Welt. Der Film ist eine andere“, so Jodorowsky. „Du musst Bilder und Töne für das finden, was auf den Seiten nur Buchstaben sind. Das ist schwierig. Du muss herausdestillieren, was die spirituelle Bedeutung der vielen Seiten von Papier ist und wie du das visualisieren könntest.“

Jodorowsky’s Dune sollte damit keine bloße Verfilmung werden, sondern eine ganz und gar persönliche Interpretation des Buches – und dessen, was es angeblich aussagte und von dem Jodorowsky glaubte, dass es zwischen den Zeilen verborgen liegen könnte. Oder zumindest liegen sollte. „Es wäre mein Dune gewesen, mein Blick auf diese Welt, angefüllt mit einen Ideen“, sagte Jodorowsky 2013. „Wenn du ein Theaterstück oder einen Roman verfilmst, dann darfst du keine Angst und keinen Respekt davor haben; du musst es nehmen und zu deinem Werk machen.“

Das Dune , das Jodorowsky im Geiste skizzierte, sollte eine ausgefallene, überladene und von LSD-Trip-gleichen Etappen durchzogene Leidens- und Erweckungsgeschichte sein. Es sollten brutale Folter, aber auch surrealistische Trance- und Erkenntnisszenen vorkommen. Leto Atreides sollte sich nicht selbst töten, sondern von den Harkonnen mit einer glühenden Scherenzwange verstümmelt werden. Ebenso sollte Paul Atreides im Laufe der Geschichte sterben, um dann wieder aufzuerstehen – im Geiste und Verstand jedes Menschen, der auf Arrakis lebt. „Jeder wird am Schluss zu Paul“, so Jodorowsky. Gleichzeitig sollte sich der Wüstenplanet in der finalen Szene durch das Opfer und die Macht von Paul in einen blühenden Garten verwandeln, der anschließend aus seiner Bahn tritt, um durch das Universum zu reisen und positive Schwingungen zu verbreiten. Ein Abschluss der Geschichte, der so ziemlich das Gegenteil dessen ist, was Frank Herbert schrieb. Aber Jodorowsky war sich sicher in dem, was er tat.

Die Künstler

Die Filmvision von Jodorowsky war nicht nur exzentrisch, sondern auch kompromisslos gigantisch. Es war ein „künstlerischer und spiritueller Kraftakt“, den er versuchen wollte. Und dafür wollte er ein All Star Team zusammenstellen, eine Gruppe von „spirituellen Kriegern“, wie er sie nannte. Mit der Suche nach ihnen begann er direkt, nachdem er die erste Fassung des Drehbuches geschrieben hatte. Als er eine Ausgabe des Western-Comic Blueberry in die Hände bekam, war er überzeugt, dass dessen französische Zeichner, ein gewisser Jean Giraud, derjenige sei, der mit ihm das Storyboard ausarbeiten müsste. Tatsächlich traf er ihn rein zufällig, als er seinen Agenten in Paris besuchte.

„Da stand er“, sagte er in der Dokumentation Jodorowsky’s Dune . Jodorowsky wusste es nicht, aber Jean Giraud war zu dieser Zeit ein Aufsteiger in der frankobelgischen Comic-Szene. Er war nicht nur als Jean Giraud, sondern auch als Mœbius bekannt. Unter diesem Namen hatte er Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten veröffentlicht und das Comic-Magazin Métal hurlant mitgegründet, das später als Heavy Metal weltbekannt wurde. Er liebte Science Fiction. Daher ging der Franzose auf das Angebot von Jodorowsky ein. In den folgenden Wochen zeichnete er Szene für Szene basierend auf den Beschreibungen von Jodorowsky. „Es war der Beginn einer langen Freundschaft“, erinnerte sich der 2012 verstorbene Jean Giraud in der BBC-Dokumentation In Search of Moebius .

Es waren 3.000 Bilder, die eine Handlung niederlegten, die einen Film von mindestens zwölf bis 20 Stunden ergeben hätten. Darunter die epochale Kamerafahrt zu Beginn des Films – die jedoch in einer frühen Fassung nicht auf den Palast des Imperators, sondern auf einen Planeten mit Hunde-Aliens und einem Museum der Menschheit zufliegt –, Fremen, die auf den Sandwürmern reiten, Soldaten, die Schleimkreaturen töten, die Zeugung von Paul durch einen Blutstropfen, die Folter von Leto, Schlachten im Sand und die spirituelle Wiedergeburt von Paul – und alles dazwischen. Teils waren es nur grobe Bleistiftzeichnungen, teils eingefärbte und ziemlich präzise Bilder. Auch Konzeptzeichnungen für Kostüme und Fahrzeuge fertige Giraud an. Doch die Arbeit des Franzosen war Alejandro Jodorowsky nicht genug. Um ein vielfältiges und atmendes Universum mit unterschiedlichen Kulturen sichtbar zu machen, wollte er mehrere Künstler mit jeweils ganz eigenen Stilen und Fachgebieten.

In einem Buchladen studierte Alejandro Jodorowsky die Einbände von Science-Fiction-Romanen – und auf vielen prangten die Malereien des Briten Chris Foss: Sie zeigten farbenfrohe und fantasievolle Raumschiffe, außerordentliche Maschinen und andere futuristische Vehikel. „Es waren Fahrzeuge mit einer Seele“, so Jodorowsky. Daher lud er Chris Foss ein, nach Paris zu kommen. Foss empfand Jodorowsky als „einen total merkwürdigen Typen“. Aber er war vom kreativen Umfeld und der Idee des Dune-Films sehr angetan – und sagte daher nach einigem Überlegen zu. Rückblickend, meinte Foss in Jodorowsky’s Dune, sei es eine gute Entscheidung gewesen. Denn: „Es war eine Zeit, in der ich einige meiner ungewöhnlichsten Zeichnungen anfertigte.“ Gemeint sind damit heute legendäre Bilder wie ein zerstörtes Piratenraumschiff, der Tempel des Imperators oder das gigantische Heighliner-Transportschiff der Raumfahrergilde, das das Cover der Dokumentation Jodorowsky’s Dune ziert.


Vor zwei Jahren entschloss sich das französische 3D-Studioe Monochrome Paris Szenen aus dem gescheiterten Dune-Film als Virtual-Reality-Erfahrung erlebbar zu machen. Leider scheiterte das Projekt an fehlenden Rechten und Lizenzen.

Während der Zeit in Paris wurde Jodorowsky noch auf den 2014 verstorbenen Schweizer Künstler Hans Rudolf Giger aufmerksam, der dort mit einer Zeichnung in einer Ausstellung über den Teufel vertreten war: Als Jodorowsky die Airbrush- und Tusche-Werke des Schweizers sah, war er überwältigt. Die düsteren, biomechanischen und sexuell aufgeladenen Kreaturen und Architekturen, für die Giger später weltweit bekannt wurde, waren genau das, was er sich für das Haus der Harkonnen vorstellte. Jodorowsky überredete Giger, der zunächst unsicher war, ob er an einem Film mitarbeiten wollte. Wenig später schuf er dann so widernatürliche wie einzigartige Illustrationen zum rollenden Palast des Baron Harkonnen.

Die Effekte

Aber wer könnte all diese Fülle an Irrealität und kosmischen Szenen umsetzen? Dafür fasste Jodorowsky jemanden ins Auge, der schon einmal Unmögliches möglich gemacht hatte. Zusammen mit Mœbius reiste er nach Los Angeles, um Douglas Trumbull zu treffen. Er war der Mann hinter den Effekten von Andromeda , Silent Running und Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum , der 1969 die Kinobesucher verblüffte. Trumbull zeigte sich sehr interessiert, an Dune zu mitzuwirken. Er war überzeugt, dass es mit den Szenen, die Jodorowsky und Mœbius ausgearbeitet hatten, „der wohl magischste aller Filme“ werden würde, wie er 2014 in einer Frage-Antwort-Runde in einem Kino ausführte.

Über Jodorowsky sagte Trumbull aber, er habe ihn als „ziemlich schräg“ empfunden. Bei einer Unterredung habe Jodorowsky versucht, ihn zu hypnotisieren. „Er sagte: Du musst das hier machen“, erinnerte sich Trumbull. Er hielt den chilenischen Filmemacher trotzdem für „außerordentlich“. Dennoch trennten sich ihre Wege. Denn Trumbull glaubte nicht, dass Jodorowsky sein Megawerk finanzieren könnte. Und Jodorowsky sah in Trumbull im Umkehrschluss einen Geschäftsmann, der nicht den spirituellen Willen mitbrachte, um mit ihm arbeiten zu können. Er hätte aus seinem exzentrischen Werk „einen technischen Film“ gemacht, wie der Regisseur sagte. Aber wer außer Trumbull hätte die Welt von Dune zu einem Spektakel machen können?

Rein zufällig stießen Jodorowsky und Mœbius auf die Vorstellung eines kleinen Science-Fiction-Films namens Dark Star, dem ersten Langfilm von John Carpenter. Der präsentierte für das Mini-Bugdet von gerade einmal 60.000 US-Dollar einige heute lächerlich erscheinende, aber seinerzeit durchaus beachtliche Spezialeffekte. Verantwortlich für die war Dan O’Bannon, der gemeinsam mit Carpenter an der School of Cinema-Television an der University of Southern California studiert und auch das Drehbuch zu Dark Star mitgeschrieben hatte. „Dieser Kerl ist es“, sagte Jodorowsky und machte ihn ausfindig.

Beide sollen sich auf Anhieb verstanden haben, wie sich der 2009 verstorbene O’Bannon in einer Dokumentation über Jean Giraud erinnerte. Hilfreich beim Kennenlernen soll aber auch „spezielles Marihuana“ gewesen sein, das Jodorowsky bei ihrem ersten Zusammentreffen aus der Tasche zog und O’Bannon unter die Nase hielt. Anschließend „schleppte er mich nach Paris, Frankreich“, so O’Bannon. „Und dann packte er mich zu anderen in ein riesiges Büro, wo wir arbeiteten.“ Und das taten sie, angefeuert von täglichen Reden von Jodorowsky, der sich als Schamane eines Kults inszeniert habe. Schon bald soll das Büro von extravaganten Malereien, kreativen Skizzen und fantastischen Entwürfen übergequollen sein.

Der Cast

Für sein Filmprojekt wollte Jodorowsky aber nicht nur eine extravagante Gestaltung. Er wünschte sich auch eine extravagante Besetzung der Rollen. Angefangen damit, dass Jodorowsky als Hauptdarsteller seinen zu dieser Zeit zwölfjährigen Sohn Brontis auserkoren hat, der 2018 als der Alchemist Nicolas Flamel in Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen zu sehen war. Er sollte Paul verkörpern – und das, davon war Jodorowsky überzeugt, sowohl mit Körper und Geist. Er sollte „ein Krieger“ werden. Also verordnete er seinem Sohn ein hartes Kampfsport- und Meditationstraining beim französischen Stuntman Jean-Pierre Vignau. Dieses Training soll laut Brontis Jodorowsky „gnadenlos“ gewesen sein, habe sich aber in seinem „späteren Leben als Schauspieler als sehr wertvoll“ erwiesen.

Als Vater von Paul, Duke Leto, castete Jodorowsky den 2009 verstorbenen David Carradine, den Hauptdarsteller der US-Serie Kung Fu . In eben dieser Serie hatte Jodorowsky ihn gesehen und war sofort von „seiner Kriegerpersönlichkeit wie gefesselt“. Als barbarischer und übergewichtiger Baron Harkonnen, der sich nur mit Antigravitationsimplantaten fortbewegen kann, kam für Jodorowsky nur Orson Welles in Frage, der Regisseur von Citizen Kane , Im Zeichen des Bösen und Darsteller von Harry Lime in Der Dritte Mann. Der arbeitete zu dieser Zeit an The Other Side of the Wind und nahm nur widerwillig Schauspielaufträge an. Laut Jodorowsky’s Dune lauerte Alejandro Jodorowsky ihm jedoch in seinem Lieblingsrestaurant in Paris auf und versprach ihm, den Chefkoch des Restaurants für die Verpflegung am Set anzustellen. „Dann sagte er: Ich mach es!“, so Jodorowsky.

Auch sonst versuchte Jodorowsky, Persönlichkeiten für Rollen anzuheuern, die heute Kultstatus besitzen und Legenden sind. Als den übersinnlich begabten Ratgeber der Harkonnen Piter DeVries sollte Udo Kier vorsprechen. Den sadistischen Feyd-Rautha, den Neffen und Erben von Baron Harkonnen, sollte der Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger mimen. Er sagte dem Filmemacher direkt auf einer Party zu, auf die beide eingeladen waren. Doch die eigensinnigste und beeindruckendste Casting-Entscheidung war wohl Salvador Dalí. Jodorowsky wollte den so bekannten wie exzentrischen Surrealisten unbedingt als den irren und pompös auftretenden Imperator des Universums im Film haben. Denn nur er habe den natürlichen Gestus und Habitus, diese besondere Art zu sprechen und zu gestikulieren, die es dafür brauche.

Tatsächlich ließ sich Salvador Dalí nach mehreren Treffen mit dem Regisseur, der ihn von der Einzigartigkeit des Projektes zu überzeugen versuchte, auf seinen Vorschlag ein. Aber nicht ohne etliche Forderungen zu stellen. Unter anderem sollte seine Muse Amanda Lear die Rolle der Prinzessin Irulan übernehmen. Als Hommage an sich selbst forderte Dalí, dass im Thronsaal des Imperators eine brennende Giraffe stehen müsste. Um bequem zum Set zu kommen, wollte er einen Hubschrauber in Bereitschaft haben. Aber vor allem: „Er sagte, er wollte der bestbezahlte Schauspieler in ganz Hollywood sein“, erinnert sich Jodorowsky. Dalí forderte als Gage daher 100.000 US-Dollar die Stunde.

Eine Summe, die selbst Jodorowsky absurd erschien. Dennoch beharrte er weiterhin darauf, dass Dalí für ihn die einzige Wahl sei. Daher wollten Jodorowsky und der französische Produzent Michel Seydoux tricksen. Sie boten dem Surrealisten an, 100.000 US-Dollar pro Film-Minute zu zahlen. Dafür würde er aber auch nur drei Minuten im Film auftreten. Den Rest der Szenen sollte eine hyper-realistische Roboterfigur übernehmen, ein Avatar, den der Imperator fernsteuert, da er stets befürchtet, jemand könnte ihn umbringen. Nachdem Jodorowsky einwilligte, die Requisite nach Drehschluss dem Dalí Museum zu stiften, sagte der Künstler zu: „Er war dabei!“ Um die Zusage zu unterstreichen kopierte Jodorowsky die Hand von Dalí, wie auch allen anderen, die an Dune mitwirken, auf einem Fotokopierer und band sie in einen Ordner.

Das Aus

Nach rund zweieinhalb Jahren der Vorarbeit, die bereits zwei Millionen US-Dollar gekostet hatte, und der Zusage der wichtigsten Darsteller hätte die Produktion beginnen können. Laut Jodorowsky, Foss, Giger und anderen, die beteiligt waren, sei alles fertig gewesen – zumindest auf dem Papier. Jedes Kostüm, jedes Fahrzeug, jedes Set war gestaltet. Jede Kameraeinstellung und jede Dialogzeile sei geplant gewesen. „Es war ein echter Film“, beteuerte O’Bannon. Das einzige, was noch zu tun gewesen wäre, sei all das vom Papier in die Realität umzusetzen, die Sets zu bauen, die Schauspieler in die Kostüme zu stecken und die Kamera aufzustellen. „Ein kleines Detail“, wie Jodorowsky fand.

Doch dann war 1976 Schluss mit Dune . Denn letztlich war keines der großen Studios bereit, das Mammutwerk zu finanzieren. 15 Millionen US-Dollar, so schätzte Seydoux damals, würde der Film kosten – heute wären das zwischen 70 bis 78 Millionen US-Dollar. Die Produktion von Krieg der Sterne kostete 1977 rund 11 Millionen US-Dollar und 2001: Odyssee im Weltraum neun Jahre zuvor zwischen 10 und 12 Millionen US-Dollar. Die realen Kosten von Dune hätten aus Sicht von Filmexperten wohl alleine schon durch den Umfang letztlich deutlich höher gelegen als geschätzt: 20 oder sogar 25 Millionen US-Dollar.

Um die Studios zu überzeugen, hatte der französische Produzent alle Storyboards und zahlreiche Fotos der Kunstwerke in ein mehrere Kilogramm schweres Buch gebunden. „Metro-Goldwyn-Mayer, Universal, jedes Studio hat so ein Buch“, erinnert sich Jodorowsky in Jodorowsky’s Dune . Beeindruckt gewesen seien alle der Filmmanager – aber finanzieren wollte den Film keiner. Zu groß, zu schräg, zu abstrakt, zu anders und damit zu riskant sei das Werk gewesen.

Aber es war wohl auch Jodorowsky selbst, der Dune im Weg stand. Er beharrte darauf, keinen Eineinhalb- oder Zweistundenfilm zu produzieren, sondern einen Film, der so lang wird, wie er eben werden würde. Laut dem Dokumentarfilmer Frank Pavich war Jodorowsky damit seiner Zeit schlichtweg voraus. „Die Leute rollen ihre Augen“, so Pavich. „Wer will sich so etwas anschauen?“ Im Endeffekt wäre Dune aus seiner Sicht aber wohl wenig anders gewesen als heute eine mehrteilige Hochglanz-Serie. Und es gäbe genug Leute, die eine Serie an einem Wochenende durchschauen.

Jodorowsky stand kompromisslos zu seiner Vision. Er wollte keine Vorgaben und keine Einschränkungen hinnehmen. „Er war der Herrscher über seinen Film“, erinnerte sich O’Bannon in einem Interview. Ganz so wie er bei El Topo und Der Heilige Berg gearbeitet hatte. Er wollte nicht einfach einen Science-Fiction-Film drehen, der sich an den Kinokassen verkauft, der sich einfach vermarkten lässt und als gut verdaulicher Sommer-Blockbuster funktioniert. „Ich wollte einen Propheten für die Kinoleinwand erschaffen“, sagte er. „Ich wollte den Geist der Zuschauer öffnen.“

Zumindest auf dem Papier hatte er etwas erschaffen, das so noch nie dagewesen war – und wohl in dieser Dimension auch nie da sein wird. Und vielleicht ist das auch ganz gut. Denn ob seine Vision tatsächlich auf Zelluloid hätte gebannt werden können, ist genauso fraglich wie, ob sie wirklich eine cineastische Erleuchtung dargestellt hätte. Oder vielleicht doch nur eine megalomanische und phantasmagorische Kinogroteske, die unschaubar wäre und das Buch, auf dem sie basiert, verzerrt und verrät, wie einige Dune-Fans glauben. Möglicherweise hätte sie aber auch das Science-Fiction-Kino prägen und für immer verändern können. Was davon nun zutrifft? Das kann keiner mit Sicherheit sagen. Damit ist und bleibt dieses Dune eine irrwitzige, unvergleichliche und faszinierende Science-Fiction-Vision.

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Danke für diesen Einblick! Wirklich faszinierend, wie diese Phantasmen in anderen Visionen weiterleben und dabei, wenn auch anders, doch real werden.

Ich möchte noch ein anderes Weiterleben beschreiben, das H.R.Giger sicherte. Er arbeitete nach Abbruch des Films an den sogenannten Harkonnen-Möbeln für das Dune-Projekt von Dino De Laurentiis und behielt das Copyright. Er entwickelte die Möbel mit dem Zürcher Bildhauer und Szenografen Cornelius de Fries weiter. Es sind technisch hochanspruchsvolle Skulpturen aus Polyester. Diese Entwürfe haben etwas unglaublich Faszinierendes. De Fries modellierte auch später H.R.Gigers Alien in Hollywood. Giger stieg aus De Laurentiis Film vorzeitig aus. Die Harkonnen-Möbel wurden aber realisiert.
Debbie Harry posierte gerne in diesen Werken.

Cornelius de Fries beschreibt in „Entrée des Artists“ in H.R.Giger: Kunst.Design.Film wie nicht nur Visionen, sondern auch Gigers konkrete Entwürfe und de Fries’ handfest modellierte Skulpturen in den Filmstudios von L.A. in anderen Setdesigns „weiterlebten“.

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Ja, wäre eine Information gewesen, die ich noch gerne in eine BU gebracht hätte. Aber dafür war der Beitrag etwas zu eng ; ) Vielleicht rücke ich mal noch ein bisschen um. Zu sehen sind die Stühle und auch ein verkleinerter Entwurf der Harkonnen-Tische ebenso wie einige Fresken für die Wände ja in real life in den Giger Bars in Chur und Gruyères in der Schweiz.

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Ja genau und man kann ja bald wieder hinreisen von DE aus. :blush:

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Super interessanter Artikel!

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