Dieser Comic erklärt Künstliche Intelligenz so, dass jeder sie versteht

KI
Kultur
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Alle reden von Künstlicher Intelligenz. Aber was ist damit eigentlich gemeint? Wenn du dir diese Frage auch stellst, hilft dir der neue Comic: We Need To Talk, AI. Mit intelligenten Erklärungen, liebevollen Illustrationen und Katzen erklären eine Datenexpertin und eine Künstlerin damit KI.

Von Wolfgang Kerler

Der Comic beginnt mit der Horrorvorstellung von Künstlicher Intelligenz: dem Terminator und seinen Vorgängern. Schon der Golem aus der jüdischen Mythologie oder Frankensteins Monster wandten sich gegen ihre menschlichen Schöpfer. Auch der legendäre Astrophysiker Stephen Hawking rechnete nicht mit einem Happy End. „Erfolg bei der Erschaffung einer Künstlichen Intelligenz könnte das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit werden“, prophezeite er 2011. „Dummerweise könnte es auch das letzte sein.“

Woher kommt diese Angst? Die Berliner Datenexpertin Julia Schneider, eine der beiden Autorinnen des Comics, kann sich vorstellen, dass sie auf einer urmenschlichen Erfahrung beruht: der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. „Erst sind sie klein und du kannst sie kontrollieren“, sagt Julia im Gespräch mit 1E9. „Aber dann dreht es sich um. Sie werden stärker und irgendwann der Chef. Wenn es gut läuft, pflegen sie dich, wenn du alt bist.“

KI, wir müssen reden!

Doch Julia und ihre Co-Autorin, die Illustratorin Lena Kadriye Ziyal, wollen nicht, dass die KI irgendwann zu unserem Chef wird. Deswegen auch der Titel ihres Comics: We Need To Talk, AI. „Der ist nicht paternalistisch gemeint“, sagt Julia. „Wir sagen nicht den anderen Menschen: Jetzt müssen wir aber endlich mal über KI reden! Wir sagen das zur Technologie.“ Damit meint sie nicht, dass KI eine eigene Identität hat, sondern dass sie nicht einfach unkontrolliert weiterentwickelt werden soll. „Die Menschen müssen ein Mitspracherecht darüber haben, welche Zukunft sie eigentlich wollen.“

Der Aufbau des Comics ist sehr einsteigerfreundlich. Nach dem Terminator-Intro und einer kurzen Vorstellung der beiden Autorinnen erklären sie, was der Begriff Künstliche Intelligenz heute bedeutet – und warum er durchaus problematisch ist. Denn mit dem, was wir eigentlich unter Intelligenz verstehen, haben heutige Programme wenig zu tun. Sie können vor allem Muster erkennen und übernehmen zwar komplizierte, aber meistens repetitive Aufgaben.

„Wenn man sich noch nicht tief mit dem Thema beschäftigt hat, kann der Begriff Künstliche Intelligenz Angst machen“, sagt Julia. „Als ob da eine Intelligenz entstehen würde, die ein Ich-Bewusstsein und einen freien Willen hat. Aber da sind wir noch lange nicht. Viele bezweifeln mit Fug und Recht, dass wir da überhaupt hinkommen.“ Beim Comic gehe es deshalb auch darum, KI zu entmystifizieren.

Das gelingt den Autorinnen auch wirklich gut. Sie dröseln unterhaltsam und in kleinen Häppchen auf, was der Anstieg der Rechenpower von Computern, Big Data und Algorithmen mit dem KI-Boom zu tun haben, wie maschinelles Lernen funktioniert und was Deep Learning bedeutet. Dann zeigen sie, wo wir heute schon mit KI zu tun haben – von Navigations-Apps über Soziale Netzwerke und Onlineshops bis hin zu selbstfahrenden Autos, Exoskeletten und Bilderkennung – um dann in die Diskussion einzusteigen: Welche Chancen hat KI – und welche Risiken?

Mehr Datenverarbeitung, mehr Effizienz, mehr Kreativität

Der Charme des Comic-Essays liegt auch darin, dass er so erfrischend angstfrei an sein Thema herangeht. Anders als in vielen feuilletonistischen Abhandlungen, die man gerade im deutschen Sprachraum liest, arbeiten die beiden Autorinnen die Chancen von KI heraus: die Verarbeitung von gigantischen Datenmengen, mehr Effizienz und damit Zeit fürs wesentliche, zum Beispiel in der medizinischen Versorgung, mehr Kreativität, bessere Inklusion von Menschen mit Einschränkungen und sogar weniger Vorurteile, wenn KI richtig eingesetzt und trainiert wird.

Das bedeutet nicht, dass die Risiken ausgeblendet werden. Ganz und gar nicht. Mit besonders starken Illustrationen werden die Gefahren automatisierter Überwachung, Fake News, drohender Arbeitsplatzverlust oder der Energieverbrauch von Computern thematisiert.

Der Comic endet mit einem Ausblick, der einige Denkanstöße enthält, vor allem darüber, was wünschenswert wäre. Wo bleiben Systeme, die nicht nur ein kommerzielles Ziel verfolgen, sondern uns wirklich dabei helfen wollen, ein besseres Leben zu führen? Warum wird KI bisher vor allem von Männern entwickelt – und was könnte das zur Folge haben? Wie bekommen wir klare Verantwortlichkeiten, mehr Verantwortung und mehr Transparenz ins KI-Geschäft?

Patentrezepte dafür liefern die Autorinnen noch nicht. „Ich würde eine Synergie anstreben“, sagt Julia. „Menschen sollen das machen, was Menschen gut können, und Computer sollen das tun, was die Computer gut können.“ Wie genau das aussehen könnte und wie wir dahin kommen, darüber sollten aus ihrer Sicht nicht nur Technikerinnen oder Manager diskutieren. „Wir brauchen neue Sichtweisen und neue Perspektiven in der Debatte“, wünscht sich die Datenexpertin.

Jeder kann mitreden!

Der 56-seitige Comic ist auf jeden Fall ein guter Beitrag, um mehr Menschen einen Einblick in die Welt der KI zu ermöglichen. Auf der Projektseite kann ihn jeder kostenfrei herunterladen oder sich für 11,99 Euro die gedruckte Ausgabe bestellen. Derzeit ist der Comic außerdem auf der re;publica in Berlin zu sehen.

Die Macherinnen des Comics freuen sich über euren Input! Hat euch der Essay dabei geholfen, KI besser zu verstehen? Wie sollten wir mit der Technologie umgehen? Habt ihr vielleicht sogar Ideen für weitere Projekte oder Kooperationen?

Alle Illustrationen und Auszüge: Julia Schneider und Lena Kadriye Ziyal von www.weneedtotalkai.ai

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#2

Ein Comic könnte sich auch hervorragend eignen um über das Thema digitale Identität aufzuklären. Ähnlich wie AI ist digital Identität ein gesellschaftlich kritisches Thema für das es aktuelle sowohl dystopische als auch utopische Zukunftsperspektiven gibt.

In einem ähnlichen Aufbau könnte man zunächst die “Terminator-Perspektive” darstellen. Eine globaler (Umbrella Corporation like) ID-Provider diktiert, was man mit seiner Identität machen darf und evtl. ob man überhaupt eine Identität hat. Von dort aus könnte man Lösungsansätze wie z.B. Self-Sovereign-Identity und Verifiable-Claims erklären.

@Wolfgang sind Julia Schneider und Lena Kadriye Ziyal schon in der 1E9-Community? Sammelst du Feedback oder soll ich mich mal direkt bei den beiden melden?

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#3

@johnnyb Die Idee finde ich super! Noch sind Julia und Lena nicht hier, aber ich gebe das Feedback weiter… und dann sind sie hoffentlich bald hier :slight_smile:

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#4

Hervorragend. So sehen sie gleich, dass es sich lohnt hier dabei zu sein :slight_smile:

@Wolfgang Vielleicht kannst du Lena Kadriye Ziyal ja für eine Comic-Kolumne im Magazin begeistern. Das wäre mega coll.

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