Die Zukunft ist ein Baum

“Making Sense of Future Studies”, Zukunftsforschung verstehen - unter diesem nicht gerade bescheidenen Titel hatte Norman Henchey 1978 ein Paper über Zukunftsforschung veröffentlicht, das bis heute zu den Standards der Futuristen-Branche zählt. Kaum ein spekulativer Designer, kaum eine Strategie-Expertin, die nicht auf sein PPPP-Modell zurückgreift. In diesem simplen Weltbild besteht die Zukunft aus vier ineinander geschachtelten Dreiecken, die alle erdenklichen Wege begrenzen, die unsere Welt auf ihrem Weg in die Zukunft nehmen könnte. Ausgehend vom Jetzt gibt es Ereignisse in der Zukunft, mit denen wir fest rechnen - Probable Futures, dann solche die immer noch mit einiger Wahrscheinlichkeit eintreten werden - Plausible Futures, und zum Schluss gibt es Dinge, die wir für eher unwahrscheinlich erachten, die aber dennoch, zumindest theoretisch eintreten könnten - Possible Futures. Irgendwo zwischen dem Wahrscheinlichen und dem Möglichen gibt es Pfade in die Zukunft, die wir für erstrebenswert halten, Preferable Futures: Probable, Plausible, Possible, Preferable - die vier Ps der Zukunft.

Irgend jemand malte sich dann diese hübschen Illustration der vier Ps:

Auf den ersten Blick überzeugt das Bild. Wir sollten umso mehr Freiheitsgrade erwarten, je weiter in die Zukunft wir den Blick richten. Am Anfang sollten alle möglichen Entwicklungen nahe beisammen liegen und mit der Zeit auseinander laufen. Doch selbst, wenn wir die “Dreiecksform” fürs Erste akzeptieren - weshalb sollten wir so einfach hoffen können, dass der Keil der bevorzugten Zukunft wirklich im wahrscheinlichen Szenario liegt? Warum sollte die Preferable Future überhaupt im Bereich des Möglichen liegen?

Eine erstrebenswerte Zukunft außerhalb der Möglichkeiten hat sogar einen Namen: Utopie. Utopische Visionen inspirieren Menschen im Guten wie im Schlechten. Im PPPP-Modell ist für Utopien kein Platz.

Im Englischen hat sich der Begriff Futurismus für Zukunftsforschung eingebürgert. In Kontinentaleuropa verbindet man mit Futurismus in der Regel etwas anderes: Futurismus umschreibt radikal technooptimistische Ideologien, ausgehend von den italienischen Futuristi vor dem ersten Weltkrieg.

Wissenschaftliche Zukunftsforschung hat in der Regel nicht viel gemein mit dem revolutionären Futurismus der Jahrhundertwende. Ansätze wie das PPPP-Modell machen das deutlich: Wie langweilig sind Zukunftszenarien, die zahm ihrer stetigen Bahn folgen und stets brav innerhalb der Kegel-Grenzen bleiben!


Es sind nebenbei bemerkt Kegel und nicht Dreiecke.

Dass die Zukunft sich ordentlich abspult, schön linear und stetig, ist eine der wesentlichen Schwächen des PPPP-Modells. Für eine lineare, stetigen Welt brauche ich keine Szenarioplanung - hier kann man nämlich immer einfach weitermachen wie bisher. Wozu also der Aufwand? Es gibt keine Überraschungen, keine Weggabelungen, keine Katastrophen - keinen “Schwarzen Schwan”. Das Vertrauen auf eine stetige Entwicklung von der Vergangenheit in die Zukunft ist für mich die Hauptschwäche dieses Ansatzes.


Die schauerlichen Kegel in Henchleys PPPP stammen ursprünglich aus der speziellen Relativitätstheorie. In der Darstellung von Hermann Minkowski werden die drei Dimensionen des Raumes auf die X-Achse zusammengepresst, während die Zeit entlang der y-Achse von unten nach oben läuft. Die Orte, an denen sich Objekte in Zukunft befinden können, liegen alle innerhalb eines Kegels mit 45° Winkeln in der Spitze, sogenannte Lichtkegel - Dinge, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, können tatsächlich bis zur Wand des Kegels gelangen. Die Lichtkegel markieren die unüberwindbare Grenze jenseits derer keine Information ausgetauscht werden kann. Im Sinne der Minkowski-Darstellung laufen damit in der Tat alle möglichen Pfade in die Zukunft innerhalb eines Kegels. Allerdings sind die Keile des PPPP-Modells keineswegs durch die Flugbahnen von Photonen motiviert. Die Begründung für die Kegelform stammt hier aus einem anderen Feld der Physik, der Entropie. Die Zunahme der Entropie, die wachsende Unordnung, aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, ist aber, wie Boltzmann und Gibbs erstmalig verstanden hatten, rein stochastisch und überhaupt nicht kausal. (Die Abbildung stammt aus dem ursprünglichen Paper von Minkowski von 1908).

Warum sollten die Trajektorien, die Pfade in die Zukunft eigentlich überhaupt auseinander laufen? Vielleicht wie in der Thermodynamik? Da die Entropie statistisch zunimmt, könnte man glauben, dass es immer mehr mögliche Pfade gibt, je länger man in die Zukunft plant. Der zweite Hauptsatz der Wärmelehre liefert allerdings keineswegs einen zwingenden Grund dafür, der die möglichen Welten auseinander treibt. Für viele Szenarien liegen die Pfade in der Zukunft innerhalb eines engen Korridors. Stellen wir uns das Leben eines Menschen vor, dann führen alle Szenarien auf einen Endpunkt zu: den Tod. Und selbst wenn wir zunächst im Leben glauben, dass uns viele und immer mehr Möglichkeiten offen stehen, während wir aus der Kindheit und Jugend schließlich erwachsen werden, dreht sich dieser Prozess wieder genau ins Spiegelbild um, sobald wir “die silbernen Jahre” des Greisenalters erreichen.


Selbstverständlich ist diese Art von endgültigem Ereignis nicht auf Menschenleben beschränkt - nicht hat ewigen Bestand, und nicht wenige Entscheidungen führen uns zu einem unausweichlichen und eindeutigen Ergebnis - in der Logik spricht man von Notwendigkeit.

Bild
Der Baum der ewigen Inflation (Eternal Inflation). Das Bild stammt aus Leonard Susskinds Paper “Fractal Flows and Time’s Arrow”; keine einfache Lektüre, aber gut geeignet, einen demütig zu machen, in der Erkenntnis, was Zukunft wirklich ist.

Wie dem auch sei - die Zukunft entwickelt sich aus jedem Augenblick der Gegenwart. Es sind unsere Handlungen, Entscheidungen und zufällige Ereignisse, die den Lauf der Geschichte den einen oder anderen Weg beschreiten lassen. Daher scheint eine baumartige Struktur sehr viel besser geeignet, darüber nachzudenken, was uns erwarten könnte. Bäume sind fraktal. Zweige, die wir für unwahrscheinlich halten, können beschnitten werden. Aber natürlich ist der Baum der Zukunft nicht so brav, wie das Diagramm oben. Im Baum der Zukunft verzeigen sich die Pfade nicht nur, sondern können sich kreuzen, wild von links nach rechts reichen oder in Schleifen zu sich selbst zurückführen. Das Schöne an der Vorstellung einer Zukunft als Baum ist, dass wir uns einen Punkt in der Zukunft als Ziel wählen können, um sich einen Weg dorthin durch alle Gabelungen und Verzweigungen zu wählen, der uns zu unserem Ziel führt.

5 Like

Wow, ziemlich geil geschrieben - will mehr :):kissing_smiling_eyes:

Die Kegel als “Schalen” oder “Grenzen” zu denken ist beschränkt, genau. Der Entropie-Kontext, bzw. Realisationen eines stochastischen Prozesses kam dann sofort und der rettet dann die Utopie in den Beriech des Möglichen - puh!

Die Kegel sind dann nur die “Standardabweichungen” als lame Statistiken, wobei die individuellen Pfade, also konkreten random walks “of life” davon ausbrechen können!

Viel unsichtbarer tauchen dann aber die walls of geometry auf. Minkowski führt direkt in die spektakuläre hyperbolische Geometrie wo sich auch deine fraktalen Bäume wiederfinden oder Korallen im Meer:

Hier ist einfach alles nun (fast) dasselbe oder lebt zumindest in derselben krummen Welt. Ist nah und fern gleichermaßen, sodass selbst Engel und Teufel, sich hier die Hand geben:

1 Like

The actual und the possible folgt natürlich einer diskreten Raumstruktur. Interessanter Artikel wie „genau“ Innovation passiert und diffundiert: Mathematical Model Reveals the Patterns of How Innovations Arise - MIT Technology Review

1 Like