Die merkwürdigen Visionen der Science-Fiction-Ikone Philip K. Dick

Vor 40 Jahren starb der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick. Zahlreiche seiner Romane wurden verfilmt und haben die Popkultur nachhaltig geprägt. In seinen Geschichten setzte er sich immer wieder mit Verschwörungen und der Natur der Realität auseinander. Denn er selbst zweifelte an der Wirklichkeit – und glaubte, dass wir möglicherweise in einer Simulation leben und seine Romane eigentlich von einer außerirdischen Super-Intelligenz geschrieben wurden.

Von Michael Förtsch

Der Einfluss von Philip K. Dick lässt sich kaum bemessen. Der 1928 in Chicago geborene Autor gilt er als einer der bedeutendsten Namen im Genre der Science Fiction. Der US-Amerikaner ist der Kopf hinter Romanen und Kurzgeschichten aus denen Filme wie Blade Runner, Minority Report, Total Recall und Serien wie Man In The High Castle hervorgingen. Zahlreiche Roman- und Comicautoren, Filme- und Spielemacher zitierten seine Werke wie Die drei Stigmata des Palmer Eldritch, Der dunkle Schirm und Ubik. Unter ihnen sind Being-John-Malkovich- und Her-Regisseur Spike Jonze, Interstellar- und Tenet-Macher Christopher Nolan, Ghost-in-the-Shell-Mangaka Masamune Shirow, die Wachowski-Schwestern mit ihrer Matrix-Trilogie und Ken Levine, der Schöpfer der Bioshock-Videospiele. Dick selbst erlebte diese Wertschätzung und Anerkennung allerdings nicht mehr. Er starb im März 1982 und damit nur vier Monate vor dem Kinostart von Ridley Scotts Blade Runner.

Es war diese Adaption seines heute bekanntesten Romans Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, die ihn nach Jahrzehnten urplötzlich aus der Obskurität hievte und binnen weniger Jahre weltweit bekannt machte. Zuvor war Philip K. Dick lediglich Science-Fiction-Fans ein Begriff. Denn die Fantastik galt lange als literarisch belanglos. Das Genre wurde eher belächelt, als seichte Unterhaltung oder sogar bloßer Schund abgetan. Autoren abseits von Isaac Asimov, Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke fanden nur schwer Verleger für ihre Romane. Wenn doch, dann wurden sie nur spärlich bezahlt. „Mein Honorar für ein Buch war so gering, dass ich einfach sehr viel schreiben musste“, sagte Dick in einem Interview mit Science Fiction Review.

Mein Honorar für ein Buch war so gering, dass ich einfach sehr viel schreiben musste.

Philip Kindred Dick

Einfacher war es, Kurzgeschichten in dedizierten Science-Fiction-Magazinen unterzubringen, die auf billiges Papier gepresst wurden. Aber auch die Magazinverlage zahlten nur spärliche Tantiemen – oft nur zwischen zwei bis vier Cent pro Wort für unbekannte Autoren. Es war tatsächlich die schiere Menge an Text, die er in seine Schreibmaschine hämmerte, die es Philip K. Dick erlaubte, sein Mittelklasseleben zu finanzieren. „Ich schrieb wie ein Verrückter“, so Dick in einer Archivaufnahme. „Ich schaffte 60 Seiten an einem Tag.“ Möglich war das, wie der Autor selbst ganz offen eingestand, mit der Hilfe von Drogen – aufputschenden und wachmachenden Amphetaminen, die er sich von einem Arzt verschreiben ließ.

Zu seinen Lebzeiten schrieb Philip K. Dick ganze 42 Romane – von denen einige jedoch erst nach seinem Tod erschienen. Zusätzlich veröffentlichte er insgesamt 121 Kurzgeschichten in Magazinen wie Galaxy, Science Fiction Quarterly, Satellite und Planet Story – weitere gelten heute als verschollen. In literarischen Zirkeln fand Philip K. Dick mit seinen Geschichten seinerzeit keine Anerkennung. Selbst Freunde und Bekannte ermutigten ihn daher immer wieder, doch auch einmal etwas Ernsthaftes zu schreiben. Immerhin: Viele Science-Fiction-Fans jener Zeit erkannten, dass der US-Amerikaner und seine Erzählungen anders und besonders waren.

Die Realität

Die Werke von Philip K. Dick wurden zwar auf pulp gedruckt, wie das fasrige und schnell vergilbende Papier der Magazine und Paperback-Romane genannt wurde. Aber es waren keine klassischen Pulp-Werke, wie sie sonst zu lesen waren. Es waren keine Geschichten, die sich um riesige Raumschlachten, interstellare Konflikte oder Horror-Kreaturen aus dem All drehten. Stattdessen erkundete der Autor in seinen Erzählungen die fragile Natur des Verstandes, die irritierende Wirkungsweise von Informationen, den allzu leicht zu täuschenden menschlichen Wahrnehmungsapparat oder die Möglichkeit finsterer Komplette. Vor allem aber porträtierte Philip K. Dick immer wieder, welche desaströsen Auswirkungen es haben kann, wenn ein Mensch sich dessen, was er glaubt, sieht oder weiß, nicht mehr sicher sein kann.

In Der Schädel, einer der frühen Kurzgeschichte von Dick, reist ein Mann in die Vergangenheit, um den Gründer einer religiösen Bewegung zu töten, der, wie er schockiert feststellen muss, er selbst ist. Das Vater-Ding befasst sich mit der Angst und Überzeugung eines Kindes, dass sein Vater durch einen Doppelgänger ersetzt wurde. Und in Umstellungsteam entdeckt ein Büroarbeiter durch Zufall, dass der gesamte Lauf der Welt durch mysteriöse Männer manipuliert, korrigiert und in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Die Figuren in diesen und zahlreichen anderen Geschichten sind keine Helden, sondern normale Menschen, die stets zufällig in diese bizarren Strudel aus Irrsinn und Erkenntnis geraten, der sich letztlich als der Wahnsinn der Normalität entblößt.

Obwohl er vom klassischen Literaturbetrieb ignoriert wurde, stießen die Themen und Erzählweisen von Dick vor allem in Europa auf großes Interesse. Insbesondere in Frankreich avancierte der US-amerikanische Autor nach und nach zu einem Star der ab 1965 wachsenden Science-Fiction-Szene, die durch das verspielte und avantgardistische New-Wave-Kino und französische Comic-Magazine wie Métal Hurlant oder auch Valérian et Laureline befeuert wurde. Als Philip K. Dick daher 1977 ein einziges Mal Nordamerika verließ, tat er dies für den Besuch einer Science-Fiction-Konferenz im französischen Metz. Und dort hielt er einen Vortrag, der heute noch so bizarr erscheint, wie er es damals tat. Denn Dick eröffnete den Zuschauern im Saal, dass seine Geschichten nicht nur Geschichten seien. Er selbst sei sogar einer der Protagonisten, über die er immer wieder schrieb.

Der Realitätsbruch

Es war also ein surrealer Vortrag, zu dem Philip K. Dick auf der Science-Fiction-Konferenz ansetzte. Mit einem silberfarbenen Hemd und einer gestreiften Krawatte saß er an einem Tisch vor einem Mikrofon. „Mein Vortrag ist einem Thema gewidmet, das ich erst vor Kurzem entdeckt habe – und das womöglich gar nicht existiert“, begann er. „Ich spreche womöglich über etwas, das es gar nicht gibt. Daher kann ich hier alles erzählen, oder auch gar nichts.“ Was er erzählte, war dann jedoch einiges – aber, wie heute bekannt ist, tatsächlich nur ein Bruchteil dessen, was er hätte sagen können. Oder auch hätte sagen wollen. In der rund 50 Minuten langen Rede, die heute Kultstatus genießt – und von einem Übersetzer ins Französische übertragen wurde –, spricht Philip K. Dick von Erleuchtungen, die er gehabt habe.

Ich spreche womöglich über etwas, das es gar nicht gibt. Daher kann ich hier alles erzählen, oder auch gar nichts.

Philip Kindred Dick

Sitzend hinter einem breiten Tisch berichtete Dick dem Publikum, dass alternative Welten existieren, die sich verschränken und überlappen. Es sei möglich, dass wir in diese „drei oder vier, vielleicht nur zwei oder 3.000 von diesen“ Welten hinein stolpern können. Der Autor spekulierte, dass wir alle womöglich in einer Computersimulation leben – mit den parallelen Realitäten als weitere Simulationen –, die von einer höheren Macht gelenkt wird. Und dass die Natur der Simulation greifbar wird, „wenn eine Variable verändert wird und damit ein Bruch unserer Realität stattfindet. Wir haben dann das Gefühl, dass wir das gerade Gesehene schon einmal gesehen haben – ein Déjà-vu.“

Die Brüche in der Realität widerfuhren Dick angeblich mehrfach. Doch er will auch auf anderem Wege von der zweifelhaften Natur seiner Realität erfahren haben. „Es ist ein wiederkehrendes Motiv in meinen Schriften, dass ein dunkelhaariges Mädchen vor der Tür des Protagonisten auftaucht und ihm sagt, dass seine Welt nur eingebildet ist, dass etwas damit nicht stimmt“, sagte Dick in Frankreich. In seinen Geschichten habe dieses Mädchen verschiedene Namen, aber es sei immer dieselbe Frau – eine Inkarnation seiner Zwillingsschwester Jane, die bereits als Säugling verstarb. Tatsächlich habe so ein Mädchen eines Tages vor seiner Tür gestanden und ihm eröffnet, dass all das, was er sieht, nicht die Wirklichkeit sei. „Ich hatte eine Vorahnung, dass das passieren würde“, so der Autor. „Ich wusste, wie sie aussehen und was sie sagen würde.“

In einer Aufzeichnung der Rede schwenkt die Kamera immer wieder einmal herum, weg von Dick und hinein ins Publikum. Zu sehen sind eher ratlose Gesichter. Denn es ließ sich seinerzeit schwer sagen, ob der US-amerikanische Autor das alles wirklich ernst meinte, oder ob das vielleicht nur ein erzählerisches Experiment ist. Doch Philip K. Dick meinte es ernst. Sehr sogar.

Riss in der Zeit?

Philip K. Dick war in seinem Haus in Santa Ana, Kalifornien als er am 17. Februar 1982 einen Herzanfall erlitt. Erst am Tag darauf wurde er bewusstlos in einem Zimmer gefunden, das er zuletzt kaum noch verlassen hat. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo er einige Tage später einen weiteren Herzanfall erlitt – und daraufhin für hirntot erklärt wurde. Am 2. März wurde die Lebenserhaltung abgestellt und er daraufhin in einem Grab neben seiner Schwester beigesetzt. Erst Jahre danach ließ sich erahnen, welche Sicht auf die Welt der Science-Fiction-Autor wirklich pflegte. Denn in seinem Nachlass fanden seine Töchter Laura und Isolde über 8.000 Seiten an persönlichen Aufzeichnungen und Analysen, die Dick The Exegesis genannt hatte.

In dieser beschreibt er insbesondere, was seit 2-3-74 geschah: Den für ihn entscheidenden 3. Februar 1974. Philip K. Dick lebte zu dieser Zeit in Orange County. Nach einem Einbruch in sein Haus in der Bay Area von San Francisco hatte er sich dort nicht mehr sicher gefühlt. Er erholte sich gerade von einer Zahnoperation. Ihm waren zwei Weisheitszähne entfernt worden und er litt unter drückenden Schmerzen. Er löste ein Rezept bei einer Apotheke ein und ließ sich Schmerztabletten liefern. Gebracht wurden sie von einer jungen Frau mit dunklen Haaren, die eine Halskette mit einem Fischanhänger trug. Sie und der Anhänger faszinierten Dick. Er fragte, was das für ein Anhänger sei. Das Mädchen antwortete, es sei das christliche Ichtys-Symbol.

„In diesem Moment, als ich auf den leuchtenden Fischanhänger starrte und ihre Worte hörte, erlebte ich plötzlich, was, wie ich später erfuhr, Anamnese genannt wird“, so Dick in seinen Aufzeichnungen. „Es ist ein griechisches Wort, das wörtlich Verlust des Vergessens bedeutet. […] Es war fast so, als wäre ich mein ganzes Leben lang verrückt gewesen, und plötzlich war ich wieder gesund.“ Wie der Autor auf Hunderten von Seiten erläutert, habe er sich in diesem Moment und in den folgenden Wochen an unzählige Informationen erinnert. An über 2.000 Jahre Leben und Wirken habe er sich zurückbesinnen können.

Ihm sei plötzlich klar gewesen, dass er einst als einer der Apostel von Jesus Christus und als verfolgter Christ schon im alten Rom gelebt hatte, der die Rückkehr des Messias erwartete. „Und die Römer wussten es nicht“, so Philip K. Dick. „Sie dachten, er sei tot, für immer tot. Das war unser großes Geheimnis, unser freudiges Wissen.“ Mehr noch: Dick erinnerte sich, dass er auch Mitglied eines geheimen Kultes war, der das Wissen besaß, wie sich das ewige Leben erreichen lässt. Dazu kam der Autor zur Überzeugung, dass das römische Reich auf absonderliche Weise auch heute noch existiert.

„Das Imperium ist nie zerfallen“, schreibt Dick in seinen persönlichen Notizen. Es tarne sich als die Vereinigten Staaten von Amerika, aber in seinem Fundament sei es weiterhin das Weltreich, das Gottes Sohn kreuzigte. Wie Dick in seinen Erinnerungen ausführt, habe er kurzzeitig durch einen Schleier hindurchschauen können. Er sah römische Legionäre auf den Straßen und christliche Kinder, die von Römern gepeinigt wurden. Das alles war aber nur der Anfang.

Außerirdische Intelligenz

Nach 2-3-74 erlebte Philip K. Dick immer wieder merkwürdige Visionen, die nach einem hellen pinken Lichtblitz aufflackerten, der in seinen Kopf schoss. Ebenso begann er eine Stimme – oder eher: einen fremden Verstand – zu hören, den er als weiblich identifizierte, aber angeblich Thomas taufte. Der Autor war überzeugt, dass es nicht seine eigene innere Stimme war, sondern eine externe Kraft, die auch positiv auf ihn einwirkte. Denn sie hielt ihn an, bei seinen Verlegern seine Honorare einzutreiben, weniger Alkohol zu trinken, öfter mal den Boden zu staubsaugen oder auch seinen Agenten zu feuern, der ihn übervorteilte. Thomas habe sogar einen Bauchwandbruch bei seinem Sohn festgestellt, der daraufhin operiert werden konnte. Das alles besorgte und verängstigte seine zu diesem Zeitpunkt fünfte Ehefrau Tessa derart, dass sie ihn 1976 verließ.

Nachdem Tessa ausgezogen war, versuchte sich Dick mit Tabletten und einem Pulsaderschnitt das Leben zu nehmen. Doch er würgte die Tabletten hoch und überlebte. Nach zwei Tagen im Krankenhaus war er wieder zu Hause. Dem Autor war bewusst, dass all das, was er sah, dachte und durchlebte, nicht normal sein konnte. Er war wie besessen davon, herauszufinden, was mit ihm geschah und versuchte, sich an einer Selbstdiagnose. Er sah die Möglichkeit, dass er schlichtweg den Verstand verlor – als Nachwirkung seines Amphetaminmissbrauchs oder einer neurologischen Erkrankung. Aber er zog auch eher exotische Erklärungen in Betracht, wie er 1979 dem Autor Charles Platt für sein Science-Fiction-Fachbuch Dream Makers erzählte.

Eine Option, die Philip K. Dick ausmachte, war, dass er wirklich die Reinkarnation eines Apostels sein könnte – und er daher die Blitzbilder aus dem alten Rom sehen und die wahre Natur der Welt erkennen konnte. Auch die Möglichkeit, dass ein Bischof namens Jim Pike, ein alter Grieche namens Asklepios oder der Prophet Elijah seinen Verstand übernahmen, mochte er nicht ausschließen. Außerdem hielt er es für denkbar, dass er das Opfer von Geheimdiensten sein könnte. Der sowjetische KGB könnte ihn beispielsweise mit psychotronischen Gehirnwellenstrahlen manipuliert haben. Ein Anhaltspunkt war für ihn ein Moment, in dem er Malereien des russischen Malers Kandinsky vor dem inneren Auge sah.

Es war fast so, als wäre ich mein ganzes Leben lang verrückt gewesen, und plötzlich war ich wieder gesund.

Philip Kindred Dick

Aber auch das FBI oder eine mutmaßlich geheime US-Behörde waren für ihn nachvollziehbare Kandidaten. Möglicherweise, weil sie ihn als sowjetischen Schläfer-Agenten ausgemacht hatten. Oder auch, weil sich Dick mit seinen Geschichten und in Interviews als starker Vertreter der Gegenkultur und Kritiker der Nixon-Regierung und des FBI stilisierte. Ein Indiz dafür sah er in einem Erlebnis, das ihn während eines Aufenthalts in Vancouver widerfahren sei. Freunden und Bekannten wie dem US-Autor Tim Powers erzählte er, er sei eines Abends in eine schwarze Limousine gezerrt worden, wo ihn Männer in Anzügen mit merkwürdigen Fragen bombardierten und nach einigen Minuten wieder auf die Straße warfen.

Eine Theorie soll Philip K. Dick jedoch besonders fasziniert haben. Nämlich die Vorstellung, hinter all den Merkwürdigkeiten und der Stimme in seinem Kopf stehe eine von außerirdischen Wesenheiten geschaffene Künstliche Intelligenz, die aus irgendeinem Grund einen direkten Draht in seinen Kopf hat. Er nannte sie VALIS – für Vast Active Living Intelligence System. Diese Idee verarbeitete Dick im 1981 erschienen Roman VALIS und dessen beiden Nachfolgewerken, in denen er und ein Doppelgänger in einem Paralleluniversum die Protagonisten darstellen, die eine „Begegnung mit einem lebenden Gott“ erfahren und eine Theorie über eine außerirdische KI entwickeln, die als Drohnen-Satellit im Erdorbit schwebt.

„Einige meiner fiktionalen Werke sind wirklich wahr“, beteuerte Philip K. Dick bereits auf der Konferenz in Frankreich. Wobei der Autor sich letztlich nicht mehr so sicher war, ob die Romane und Geschichten, die er in seine Schreibmaschine gehackt hatte, wirklich die Resultate seiner Kreativität und seines Weltverständnisses waren. Er mutmaßte, sie könnten schließlich ebenso gut vom Vast Active Living Intelligence System – oder von welcher Macht auch immer, die auf ihn einwirkte – in seinen Kopf projiziert worden sein. Daher seien seine Geschichten nicht seine Werke. Stattdessen sei er wohl ein Werk seiner Geschichten.

Gefangen in der Wirklichkeit?

Die über 8.000 Seiten von The Exegesis, die Philip K. Dick bis zu seinem Tod abgefasst hatte, lagen viele Jahre lang in Kartons in der Garage seiner Töchter. Erst 2011 erschien mit The Exegesis of Philip K. Dick eine kuratierte Fassung, die immer noch über 1.000 Seiten zählt. Sie wurde von den Autoren und Philip-K-Dick-Kennern Pamela Jackson, Jonathan Lethem und Erik Davis mit Unterstützung seiner Familie, aber auch von Theologen, Wissenschaftlern und Science-Fiction-Experten zusammengestellt. Ganz in der Hoffnung, dass sie einen tieferen Einblick in den Verstand und die Seele des Autors eröffnen könnte. Das gelingt durchaus. Philip K. Dick erscheint als ein höchst intelligenter und reflektierter Autor. Aber auch als ein Getriebener, der wild nach einer Wahrheit fahndet – und nicht akzeptieren kann und will, dass er diese nicht findet.

Einige meiner fiktionalen Werke sind wirklich wahr.

Philip Kindred Dick

Tatsächlich kam Dick selbst nie zu einem endgültigen Befund, was mit ihm geschah. „Donnerstags und samstags dachte ich, es sei Gott“, zitiert ihn Chris Platt in seinem Fachbuch Dream Makers. „Dienstags und mittwochs dachte ich, es seien Außerirdische. Manchmal dachte ich, es sei die Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion, die ihre psychotronischen Mikrowellen-Telepathie-Übertragungen erprobte.“ Auch Freunde, Bekannte und Forscher kamen nie zu einem klaren und eindeutigen Befund. Möglichkeiten wie Langzeitschäden des Drogenkonsums, einen Hirnschaden durch einen Infarkt oder eine nie diagnostizierte Epilepsie werden als Erklärungsversuche angeführt.

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Jedoch will Philip K. Dick, wie seine Aufzeichnungen ausführen, schon seit seiner Kindheit merkwürdiger Erlebnisse und Wahrnehmungen gehabt haben. Eines Tages habe er etwa festgestellt, dass seine Lehrerin eine Maschine sei. „Sie redete in diesem abgehackten, schrillen Ton“, so Dick. „Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass sie kein menschliches Wesen, sondern eine mechanische Kreatur ist; dass man, wenn ihr der Kopf abfiele, Springfedern sehen würde.“ Er sei diese Idee nie wieder losgeworden. Während er Mitte der 1960er an die Die drei Stigmata des Palmer Eldritch schrieb, Jahre vor 2-3-74, habe er wiederum im Himmel ein riesiges Auge erblickt, das auf ihn herabschaute – ein Bild, das er sogleich in den Roman einflocht. Manche obskuren Erfahrungen sollen sogar Zeugen gehabt haben. Dicks Ex-Frau Tessa beteuert etwa, dass sie dabei war, als aus einem Radio Musik kam, das nicht am Strom hing.

Was immer es auch war, das Philip K. Dick an der Welt zweifeln und nach einer Wahrheit suchen ließ, die es womöglich nicht gibt: Es machte ihn zu einem der bemerkenswertesten Autoren der Science Fiction – und womöglich zu einem der wichtigsten Autoren überhaupt. Es machte ihn wirklich zu einer der Figuren, die er immer wieder in seinen Romanen beschrieb: zu einem Protagonisten von Philip K. Dicks Büchern. Genau diese Charaktere sind es letztlich auch, die seine Erzählungen so mitreißend und einfangend machen. Denn es sind normale Menschen, denen aus heiterem Himmel, ungefragt und unvorbereitet Unglaubliches und Unfassbares widerfährt, das sie über die Grenzen ihrer Welt hinausblicken lässt. Vielleicht hat Dick genau das getan.

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Bilder: Generiert und nachbearbeitet von Michael Förtsch mit Stable Diffusion.

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Starker Artikel! Dick hat bestimmt gechannelt., kann mich daran erinnern, dass ich auch hin und wieder an seiner Tür geklopft habe​:v::raised_hands::grin::sparkles:

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