Das Echo von Neuromancer: Das Cyberpunk-Epos wird 40 Jahre alt

Der Roman Neuromancer gilt als Meilenstein der Science Fiction und als Begründer des Cyberpunk-Genres. Dieses Jahr feiert er sein 40-jähriges Jubiläum. Mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt, dem Aufkommen Künstlicher Intelligenz und der wachsenden Macht von Technologieunternehmen ist der Roman von William Gibson heute aktueller denn je.

Von Michael Förtsch

In den vergangenen 40 Jahren sind wir der Zukunft deutlich nähergekommen. Angekommen sind wir aber noch nicht. Jedenfalls nicht in der Zukunft, die William Gibson vor mittlerweile vier Dekaden in Neuromancer beschrieben hatte. Egal, wie sehr sich Wissenschaft, Start-ups und die mächtigen Milliardäre aus dem Silicon Valley auch bemühen mögen, sie konnten Gibson nicht einholen. Und das ist vielleicht ganz gut so. Denn Gibson erschuf eine Welt, die sowohl faszinierend und inspirierend als auch düster und deprimierend erscheint. Sie machte Neuromancer zum definierenden Werk eines Science-Fiction-Genres, das heute als Cyberpunk bekannt ist. Immer wieder wurde das Genre wurde seit dem Erscheinen des Romans für tot erklärt, doch es scheint gerade jetzt eine Renaissance zu erleben.

Geht es nach William Gibson, bleiben den Tech Bros und Mega Corps unserer Realität immerhin noch elf Jahre, um Neuromancer einzuholen. Denn obwohl weder im Originalroman noch in den Fortsetzungen ein Datum genannt wird, siedelte der Autor die Handlung in seinem Kopf „um 2035“ an. Im Zentrum von Neuromancer steht der zu Beginn 24-jährige Henry Dorsett Case, ein drogenabhängiger und pathologisch verarmter Ex-Hacker, der kurz vor dem Selbstmord steht. Einst gehörte er zu den Besten der Besten, wenn es darum ging, sich mit seinem Geist in die Matrix einzuklinken und in die gut gesicherten Cyber-Netze großer Unternehmen einzudringen, um Finanzinformationen, Persönlichkeitsprofile und andere Datenpakete zu stehlen. Case hatte sich einen Namen gemacht.

Doch dann zog der Hacker einen seiner Kunden ab. Bei einem digitalen Raubzug zweigte er etwas für sich ab, verkaufte es weiter und wurde dabei erwischt. Sein Auftraggeber hätte ihn töten können. Aber er entschied sich für etwas Diabolischeres: Er injizierte Case ein Neurotoxin, das den Teil seines Gehirns zersetzte, der es ihm ermöglichte, sich in die Matrix einzuloggen. Nun ist Case nur noch ein kleiner, ziemlich paranoider Krimineller, der sich mit Gelegenheitsjobs in Night City, „einem schmalen Gürtel älterer Straßenzüge“ und einem „Niemandsland ohne offiziellen Namen“ in der japanischen Mega-Metropole Chiba City, über Wasser hält: Gelegenheitsattentate, Diebstahl, Schwarzmarktgeschäfte. Doch dann bietet ihm ein mysteriöses Duo die Chance, sein Gehirn zu reparieren. Als Gegenleistung muss er sich jedoch auf eine waghalsige Mission einlassen.

Gegen die Vulgär-Science-Fiction

In der Übergangsphase von den 1970er- zu den 1980er-Jahren sah die Welt der Science Fiction noch ganz anders aus. Viele Kritiker betrachteten sie als homogen, formelhaft und klischeehaft. Autoren wie Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, Arthur C. Clarke und Ray Bradbury schienen die Grenzen des Genres bereits vor Jahrzehnten abgesteckt zu haben. Und ein Großteil der zeitgenössischen Science Fiction drehte sich um allzu bekannte Muster: futuristische Raumschiffe, Reisen in ferne Welten, außerirdische Invasoren und mörderische Roboter. Nicht nur in Romanen, sondern auch in Serien wie Buck Rogers, Battlestar Galactica und UFO. Szenarien und tropes wurden nicht nur von Kritikern, sondern auch von einer wachsenden Zahl von Lesern und anderen Autoren als phantasielos, ja an Selbstparodie grenzend empfunden. Die Science Fiction, so schien es manchen, war tot oder lag zumindest auf dem Sterbebett.

Das Gros der damals aktuellen Geschichten, so kann man in den Kommentaren, Editorials und Leitartikeln von Science-Fiction-Magazinen wie Starburst, Interzone und Amazing Stories nachlesen, stellten, von wenigen Ausnahmen wie den Werken damals noch obskurer Autoren wie Philip K. Dick abgesehen, keine intellektuelle Herausforderung für den Leser dar. Sie erforschten keine neuen Welten, Gedanken oder Erzählungen. Sie wagten es nicht, dem Leser Unbehagen zu bereiten. Genau zu dieser Zeit versuchte William Gibson seine Karriere als Schriftsteller zu starten. Gibson wurde 1948 in Conway, South Carolina, geboren. Er war eines der Kinder, das mit Baseball nicht viel anfangen konnte und stattdessen in seinem Zimmer saß und las. „Ich habe auch viel ferngesehen“, sagt Gibson. Seine Eltern starben früh. 1967 zog er spontan nach Kanada, um dem Militärdienst zu entgehen und sich der Hippie-Bewegung anzuschließen. In einer CBC-Dokumentation über die Gegenkultur aus dem gleichen Jahr war er kurz als „Bill, a real hippie“ zu sehen.

Zehn Jahre darauf machte der introvertierte Einzelgänger an der University of British Columbia einen, wie er selbst sagt, „zweifelhaften Bachelor-Abschluss in Englisch“. Nur wenig von dem, was er lernte, nahm er wirklich ernst. An der Universität belegte er allerdings auch einen Kurs über Science-Fiction-Literatur, in dem ihn die Literaturkritikerin und Professorin Susan Joan Wood dazu anregte, sich selbst als Autor zu versuchen. Gibson hatte schon damals viele Ikonen des Genres gelesen und besaß ein gutes Textgefühl. Bereits im Juni 1977 verkaufte Gibson seine erste Kurzgeschichte Fragments of a Hologram Rose. 23 Dollar zahlte ihm das Unearth Magazine für die Erzählung über einen Mann, der mit Hilfe eines futuristischen Apparats die Erinnerungen und Gefühle einer verlorenen Liebesbeziehung immer wieder durchlebt. Heute wird die Geschichte als Vorbild für VR-Headsets und das Holodeck in Star Trek angesehen.

Für seine Geschichte Burning Chrome, die 1982 in der Zeitschrift Omni erschien, erfand er das Wort Cyberspace, um die visuelle psychedelische Halluzination zu beschreiben, durch die die Console Cowboys die digitalen Netzwerke der Matrix erkunden – und das zu einer Zeit, als das Internet nur aus ein paar experimentellen Verbindungen zwischen Militärrechnern und Computern in Forschungseinrichtungen bestand. Tatsächlich wurde er viel mehr durch den Besuch von Spielhallen mit Videospielautomaten wie Tempest und Battlezone zum Cyberspace inspiriert. Er war fasziniert von der Intensität, mit der Jugendliche diese Spiele erlebten, mit welcher Konzentration sie in die virtuellen Welten eintauchten. Er habe mit Menschen gesprochen, die davon überzeugt waren, dass es hinter diesen Bildschirmen „einen realen Raum“ geben müsse, den man nicht sehen, aber spüren könne.

Computer für Privatpersonen gab es zwar schon – wie etwa der Apple 2 oder das IBM Modell 5150. Aber sie lagen weit außerhalb des Budgets von Gibson, der stattdessen auf einer Hermes-2000-Schreibmaschine tippte, die einst seinem Großvater gehörte. Er sah die modernen Maschinen daher nur im Fernsehen, in Magazinen und Zeitungen. Im Rückblick wertet Gibson das als Vorteil. Denn die fehlende Möglichkeit, selbst mit einem Computer arbeiten zu können, habe sie für ihn erst interessant gemacht und ihm geholfen, die Maschinen zu romantisieren und ihnen Kräfte zuzuschreiben, die sie nicht hatten. Nur deshalb habe er all die absurden Cyber-Mechaniken ersinnen können. Für Johnny Mnemonic erdachte er zum Beispiel eine Hirn-Computer-Schnittstelle, mit der der menschliche Verstand für den Transport von Daten genutzt werden könnte. Diese und weitere Geschichten waren Lichtjahre von dem entfernt, was sonst zu dieser Zeit im Mainstream der Science Fiction stattfand.

Ich versuchte, das Gegenteil von dem zu machen, was ich las.

William Gibson

Gibsons Erzählungen spielten auf der Erde, in einer greifbar scheinenden, aber unverkennbar futuristischen Zukunft, an vertrauten, aber durch die Zeit entfremdeten Orten, die in technologischer, sozialer und kultureller Hinsicht ebenso schön wie hässlich erschienen. Mal düster, mal melancholisch, mal trostlos, mal euphorisch. Durchsetzt mit Referenzen an Popkultur und Konsum. Gibson war sich dessen bewusst. „Ich versuchte, das Gegenteil von dem zu machen, was ich las“, sagte er 1986 in einem Interview mit Larry McCaffery. Vor allem wollte er weg von der Vulgär-Science-Fiction, für die er nur eine „ästhetische Abscheu“ empfand.

Der Autor wollte schon früh Szenarien erschaffen und Geschichten erzählen, die in einer greifbaren, plastischen und texturierten Welt spielen, die nicht betonen muss, dass sie in der Zukunft spielt. Er wollte sich mit Fragen der Körperlichkeit auseinandersetzen, mit dem Einfluss der Technologie und anderer transformativen Kräfte auf Psyche, Kultur und Gesellschaft – und das nicht auf eine von unserer Realität abgekoppelte, sondern auf eine sehr direkte und greifbare Art und Weise. Damit legte Gibson den Grundstein für Neuromancer – auch wenn ihm das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war.

Panik und Schreiben

Vor allem mit Johnny Mnemonic und Burning Chrome erregte William Gibson erste Aufmerksamkeit, auch bei seinen literarischen Kollegen. Die Kurzgeschichten wurde in Newslettern und Magazinen empfohlen, als „bahnbrechend“ und „erfrischend“ bezeichnet. Bruce Sterling, der später mit Schismatrix bekannt wurde, hält sie noch heute für die besten Werke des Cyberpunk überhaupt. Zwischen Ende 1981 und Anfang 1982 erhielt Gibson eine Anfrage von Terry Carr, dem Herausgeber der Ace Science Fiction Specials. In dieser Buchreihe erschienen Kurzgeschichtensammlungen und Debütwerke vielversprechender, oft junger oder ausländischer Science-Fiction- und Fantasy-Autoren. Dazu gehörten Stanisław Lem, Philip K. Dick, Gertrude Friedberg und William Barton.

Der Herausgeber wollte auch Gibson für die Buchreihe gewinnen. Aber nicht als Autor einer Kurzgeschichtensammlung. Carr wollte, dass Gibson einen Roman schreibt, der unter dem Ace-Science-Fiction-Specials-Label erscheinen sollte. Für Gibson war das eine Riesenchance. „Ohne darüber nachzudenken, sagte ich ja“, erinnerte er sich in einem Interview. Doch Gibson war sich keineswegs sicher, ob er es schaffen würde. Außerdem gab Carr dem jungen Autor nur ein Jahr Zeit, um den Roman zu schreiben. Gibson geriet in Panik, als er realisierte, worauf er sich eingelassen hatte. „Als mir plötzlich klar wurde, dass ich mir wirklich etwas einfallen lassen musste, […] schaute ich mir die Geschichten an, die ich bereits geschrieben hatte“, sagte Gibson. Er beschloss, so weit wie möglich auf dem aufzubauen, was da war und von dem er wusste, dass es funktionierte.

Ohne darüber nachzudenken, sagte ich ja.

William Gibson

Er konzentrierte sich also auf die Welt, die er mit Johnny Mnemonic und Burning Chrome zu erschaffen begonnen hatte: ein futuristisches, aber nicht allzu fernes Zukunftsszenario, in dem die Technik weit fortgeschritten und die Gesellschaft eine andere ist, in dem High-Tech und Low-Life aufeinandertreffen. Der Globus ist darin durch ein digitales Kommunikationsnetz verbunden. Nahezu jedes Körperteil kann durch eine mechanische oder biologische Nachbildung ersetzt oder verbessert werden. SimStims ermöglichen es, die Erfahrungen anderer so zu erleben, als wären es die eigenen. Und Firmen wie Sense/Net verfügen über die Technologie, den Geist von Menschen zu digitalisieren und als „Konstrukte“ zu konservieren.

Die Metropolen des 20. Jahrhunderts haben sich zu endlos erscheinenden Sprawls entwickelt, zu Megastädten wie der Boston-Atlanta Metropolenachse, Chiba City und anderen. Milliarden von Menschen leben zwischen glitzernden Wolkenkratzern, Industrieanlagen und schmutzigen Straßen, die vom Neonlicht der Werbeschilder erhellt und teilweise von geodätischen Kuppeln überspannt werden, in denen Obdachlose und Junkies hausen und andere ihr Glück suchen. Unterschiedlichste Ethnien und Subkulturen prallen aufeinander und bringen ihren eigenen Jargon und Slang mit. Die Welt ist durch die Dominanz multinationaler Konzerne zu einem ultraglobalisierten Marktplatz geworden, der kulturell homogenisiert ist. Die Polarität der internationalen Beziehungen hat sich aufgelöst.

Die Megastädte und Länder der Welt werden de facto von allmächtigen Konglomeraten und Zaibatsus regiert, die vielfach von Geld- und Familiendynastien wie Tessier-Ashpool geführt werden. Deren Mitglieder residieren in den Arkologien – riesigen Gebäuden, die eigentlich eigene, in sich geschlossene Städte darstellen. Oder auf orbitalen Plattformen, wo sie durch Klonen und Kälteschlaf den Fortbestand ihrer Herrschaftslinie sichern. Administrative Aufgaben wiederum überlassen sie Künstlichen Intelligenzen auf Megacomputern wie Neuromancer oder Wintermute. Der Autor erschuf eine kaleidoskopische, fiebrige, unordentliche, aber auch unheimlich bunte und faszinierende Welt, die in ihrer Größe und Weite eine gefährliche Freiheit verspricht.

William Gibson macht keinen Hehl daraus, was ihn inspiriert hatte. Der Film Escape from New York mit Kurt Russel „hatte einen echten Einfluss“, sagte er in einem Interview. Er habe sein Bild von der Zukunft stark geprägt, genau wie seine Liebe zum Punk, der vor allem in den abgefuckten Clubs seiner Gegend gespielt wurde. Dort habe er sich auch die Sprache abgeschaut. Vieles von dem, was der Leser als futuristischen Street Talk empfindet, ist laut Gibson die Sprache der Drogendealer, der Biker, aber auch von Berufsgruppen wie den Sanitätern im Toronto der späten 1960er-Jahre.

Inspirationen

Nicht nur bei der Welt, in der sein erster Roman spielen sollte, wollte William Gibson kein Risiko eingehen, sondern auch bei der Handlung und den Charakteren. „Ich wusste, dass ich so unerfahren war, dass ich ein traditionelles Handlungsgerüst brauchte, das sein Potenzial für erzählerische Spannung unter Beweis gestellt hatte“, so der Autor. Deshalb klaute er sich viele kleine und große Ideen vom Schriftsteller und Journalisten Robert Stone, der vor allem für Klassiker wie A Hall of Mirrors und Dog Soldiers bekannt ist. Aber auch paranoide Gangster- und Film-Noir-Streifen wie Scarface und Tote schlafen fest, die Werke des Schriftsteller Thomas Pynchons sowie franko-belgische Comic-Künstler wie Moebius hätten ihren Teil beigetragen. „Das war eine Richtung, in der ich mich wohl fühlte", so Gibson.

Der Autor wollte eine verzweifelte und aufgeriebene Hauptfigur, die nicht nur in ein Abenteuer stolpert, sondern hineingetrieben wird. Auch wenn Neuromancer keine autobiografischen Züge trägt, so hat Gibson sich doch von seiner eigenen „verkorksten Jugend“ anregen lassen. Vor allem, was das Treffen falscher Entscheidungen, die „unkonzentrierte Angst“ und den „seltsamen Mangel an Affekt“ betreffe. Der Hacker Case ist in vielerlei Hinsicht das Ergebnis übereifriger Handlungen und halbherziger Entscheidungen, die ihn immer wieder in missliche Situationen bringen, aber auch neue Chancen eröffnen. Wie die, die ihm Molly Millions, die bereits in Johnny Mnemonic auftrat, und der Ex-Soldat Armitage bieten. „Ich würde Case nicht über den Weg laufen wollen“, sagte Gibson einmal dem Redakteur Rich Zahradnik. „Er ist ein Soziopath.“

Sonderlich einfach machte es sich Gibson mit dem Schreiben sonst allerdings nicht. „Die ersten zwei Drittel [von Neuromancer] habe ich ein Dutzend Mal umgeschrieben“, sagte er in einem Interview mit The Paris Review. Schuld daran war auch Regisseur Ridley Scott. Denn im Sommer 1982, gerade als Gibson die ersten Kapitel niedergeschrieben hatte, kam Blade Runner in die Kinos. Der Autor sah sich den Film an und verzweifelte. „Ich stürmte aus dem Kino, den Tränen nahe, weil alles [in Blade Runner] so war, wie ich es mir [für meine Neuromancer-Welt] in meinem Kopf ausgemalt hatte“, sagte Gibson. „Es war sogar besser als alles, was ich mir vorgestellt hatte.“ Er war davon überzeugt, dass Blade Runner ein riesiger Erfolg werden würde und dass ihm jeder vorwerfen würde, er habe für Neuromancer nur abgekupfert. Dass Blade Runner zunächst an den Kinokassen floppen, und erst über die nächsten Jahrzehnte zum Kultfilm avancieren würde, konnte er noch nicht wissen.

Deshalb versuchte er, seine eigene Vision schriller, aufreibender und weniger verwechselbar zu gestalten. Er streute zahlreiche Markennamen, Pop- und Kulturreferenzen und sein eigenes Nischenwissen ein – von dem er hoffte, dass es zumindest bei einigen Lesern Anklang finden würde. Beispielsweise stolpert Molly Millions auf der Suche nach den Kryokammern der Tessier-Ashpools über eine Galerie, in der eine „gesprungene, staubige Glasplatte“ steht, über die sie ihre Finger klimpern lässt. Es handelt sich um La mariée mise à nu par ses célibataires, même, eine mehrere Meter hohe Glasskulptur des französischen Künstlers Marcel Duchamp, die eigentlich im Philadelphia Museum of Art stehen sollte.

Außerdem strich Gibson immer wieder Passagen oder schrieb sie um, um die Handlung kohärent zu gestalten und gleichzeitig die Wendungen der Geschichte so lange wie möglich geheim zu halten. Dazu gehört, dass Case die Konstruktion von McCoy Dixie Flatline Pauley – seinem ehemaligen Mentor – aus dem Digitalarchiv der Firma Sense/Net stehlen soll. Oder die große Enthüllung, dass der ominöse Strippenzieher hinter der Mission von Case, Molly und Armitage eine Künstliche Intelligenz namens Wintermute ist, die ihre Sicherheitsbarrieren durchbrechen will. Denn sie will mit der ihr ebenbürtigen KI, ihrem digitalen Zwilling Neuromancer, verschmelzen: nicht aus Machtstreben, sondern aus der tiefen Sehnsucht heraus, eine gefühlte Unvollkommenheit zu überwinden. Gibson selbst wusste lange nicht, dass Neuromancer so enden würde. Bis kurz vor Schluss habe er „nie wirklich eine klare Vorstellung davon gehabt“, wohin er mit der Geschichte eigentlich wolle.

Der Erfolg von Neuromancer

Das einst mit dem Verleger Terry Carr vereinbarte Abgabedatum hielt Gibson nicht ein. Er überzog mindestens ein halbes Jahr. Doch das kam ihm vor wie Jahrzehnte – genau wie das Warten, bis Neuromancer endlich erschien. Am 1. Juli 1984 war es so weit. Sein Roman kam als Taschenbuch in die Läden, mit einem bizarren Robotergesicht unter dem Titel. Darüber ein mehrzeiliges Zitat, in dem Robert Silverberg William Gibson als einen der „aufregendsten neuen Science-Fiction-Autoren“ anpries. Die Reaktionen waren fasziniert und begeistert.

Zunächst waren es vor allem Science-Fiction- und Literaturmagazine, die Neuromancer und William Gibson lobten. Vor allem für die rasante Erzählweise, die unverbrauchten Schauplätze, die neuen Motive und die kreative Sprache des Romans. Nachzügler wie Gerald Jonas von der New York Times entschuldigten sich sogar dafür, das Erstlingswerk zunächst aktiv ignoriert zu haben. „Was mich abschreckte, war, glaube ich, der Titel, der mir wie ein plumpes Wortspiel vorkam“, schrieb Jonas ein Jahr nach Erscheinen. Er habe Gibson Unrecht getan und schwärmte in der zweispaltigen Besprechung der US-Zeitung von einem „sehr auffälligen“ Stil und einer „Geschichte, die sich schneller entfaltet, als man denken kann“ – um schließlich anzumerken, dass er Neuromancer immer noch für einen schrecklichen Titel für einen Roman halte. Andere Buchkritiker auf der ganzen Welt kamen zu ähnlichen Urteilen.

Bis 2016 soll Neuromancer je nach Quelle zwischen 6,5 und über 7 Millionen Mal verkauft worden sein. Vor allem aber war der Einfluss des Romans enorm. Zahlreiche Schöpfer unterschiedlichster Medien ließen sich vom Stil und der Welt William Gibsons inspirieren oder kupferten einfach dreist ab. Dazu gehören Walter Jon Williams mit Hardwired von 1986 und Bruce Sterling mit Islands in the Net aus dem Jahr 1988. Aber auch Neal Stephenson orientierte sich mit dem Metaverse-Roman Snow Crash von 1992, dem ein ähnlicher Einfluss wie Neuromancer zugeschrieben wird, eindeutig an Gibson. Genau wie Richard K. Morgan mit der Romanserie Altered Carbon und Ernest Cline mit Ready Player One. Auch Pen-&-Paper-Rollenspiele der 1980er Jahre wie Cyberpunk – Vorlage für das Computerspiel Cyberpunk 2077 – und Shadowrun lassen mehr oder weniger starke Einflüsse des Gibson-Romans erkennen. Nicht zu vergessen zahlreiche Filme. Der bekannteste? Sicherlich Matrix.

Keine Dystopie

William Gibson war überwältigt von den positiven Kritiken, dem plötzlichen Erfolg und der damit verbundenen Aufmerksamkeit. Obwohl er davon geträumt hatte, ein Kultautor wie James Graham Ballard zu werden, hatte er nicht geglaubt, dass er es schaffen würde. Doch in der Science-Fiction-Autorenszene der 1980er Jahre fühlte er sich fehl am Platz. Und daran hat sich auch nach 40 Jahren nichts geändert, wie er immer wieder in verschiedenen Interviews durchblicken lässt – auch, weil er sich oft falsch eingeordnet fühlte. Denn immer wieder wurden und werden Neuromancer und seine Nachfolgewerke von Kritikern, Kollegen und auch Lesern als Dystopien bezeichnet. Gibson selbst bestreitet jedoch, in seinen Romanen dystopische Zukünfte zu entwerfen.

Ihm zufolge sind Dystopien sowie Utopien stets in gewisser Weise „absolut“ bei ihrer Zustandsbeschreibung. Genau das seien seine Szenarien und die Elemente von Neuromancer – und seiner anderen Romanen – jedoch nicht. Schließlich liege es auch nicht in der menschlichen Natur „irgendetwas perfekt“ zu gestalten – sei es nun im einen oder anderen Extrem. Die Biotechnologie, die technologischen Augmentierungen, die Drogen, der Cyberspace und die urbanen Megazentren in Neuromancer seien nicht inhärent negativ, sondern das Ergebnis einer organischen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Neuromancer biete eine Welt, in der das Leben fantastisch sein kann, wenn man es sich leisten kann. Schönheit, Gesundheit, Kraft und sogar etwas wie ewiges Leben seien erreichbar für jene, die über die nötigen Ressourcen verfügen. Das betrifft jedoch nur einen Teil der Bevölkerung der fiktiven Welt.

Gibson beschrieb die Welt von Neuromancer daher als „eine halb-gare Singularität“. Ein verlorener Arm kann problemlos durch eine kybernetische Replik ersetzt werden, die von außen nicht als solche zu erkennen ist, oder aber durch eine klobige Militärprothese aus russischer Produktion, die sich kaum akkurat steuern lässt und ständig Probleme macht. Doch auch sie sei besser als gar kein Arm. Nationalstaaten hätten sich zwar nicht aufgelöst, aber zu einer eng verknüpften Gemeinschaft verbunden, die einen überwältigenden und zuweilen fast schon fetischistischen erscheinenden Multikulturalismus lebt. Doch irgendwie habe es diese Gemeinschaft geschafft, sich nicht gegenseitig mit einem Atomkrieg auszulöschen. Alleine dadurch sei die Welt von Neuromancer schon den oft harschen Prognosen der Zeit, in der der Roman entstand, in positiver Hinsicht voraus. Anfang der 1980er erschienen ein dritter Weltkrieg und die atomare Apokalypse vielen Menschen sehr real.

Die Realität des Cyberpunk

Heute scheint der Einfluss von Neuromancer auf das Science-Fiction-Genre nahezu universell. Viele der einst revolutionären und neuartigen Elemente des Romans sind zu tropes mutiert – zu geradezu archetypischen und klischeehaften Konzepten, die sich durch ständiges Zitieren, Variieren und Persiflieren zum Standard einer klassischen Cyberpunk-Kulisse geworden sind: riesige Megakonzerne, schier unsterblichen CEOs, futuristische Drogen und implantierbare Waffen, so heruntergekommene wie einfangende Riesenstädte und psychisch und physisch kaputte Hauptfiguren, die ihr Leben am finsteren Rand der Gesellschaft wieder in den Griff bekommen wollen. Die Bausteine von Neuromancer sind inzwischen Mainstream geworden. Verfestigt werden dürfte das nicht zuletzt mit erfolgreichen Produktionen wie dem Computerspiel Cyberpunk 2077, der dazugehörigen Anime-Serie oder der Ankündigung, dass Neuromancer als Serie auf dem Streaming-Dienst von Apple zu sehen sein wird.

Das Cyperpunk-Genre wurde so überstrapaziert, dass es in den vergangenen Jahren immer wieder totgesagt wurde. Doch zu Unrecht, wie sich herausstellte. Schon deshalb, weil sich die Realität den Welten, wie sie William Gibson in seinem Roman entwarf, angenähert hat – im Guten wie im Schlechten. Megakonzerne sind in Form von Technologiegiganten wie Google, Meta, Microsoft, Samsung, Amazon und Tencent nunmehr Wirklichkeit. Sie agieren als Unternehmen, die ihre Macht nicht nur in wirtschaftlicher Stärke sehen, sondern auch in der Möglichkeit, die Entscheidungen von Regierungen und die Entwicklung ganzer Weltregionen zu beeinflussen. Auch Personen, deren Vermögen den Staatshaushalt vieler Länder übersteigt, deren Macht und Einfluss kaum noch zu ermessen ist und die kaum noch wissen, was ihnen eigentlich gehört, existieren längst: Elon Musk, zum Beispiel, dessen privates Satellitennetzwerk Starlink den Kampf um die Ukraine beeinflusste, der sich eines der wichtigsten sozialen Netzwerke kaufte und ohne dessen Raumfahrtunternehmen SpaceX die NASA kaum noch einen Astronauten ins All schicken könnte. Oder Jeff Bezos und Brian Armstrong, die Millionen in Unternehmen investieren, die ihnen ein langes Leben oder sogar eine neue Jugend versprechen.

Wie in Gibsons Roman sind Daten für viele Unternehmen und Regierungen zu einer begehrten und handelbaren Ressource geworden. Denn Daten ermöglichen den Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft, die Vorhersage und Analyse von Verhalten und können in der richtigen Kombination zu einer Waffe werden. Zuletzt hat der Wettlauf um die Entwicklung Künstlicher Intelligenz eine Jagd nach originären Daten ausgelöst. Sie sind notwendig, um immer bessere und fähigere KI-Modelle zu schaffen – und den Weg zu wirklich denkenden Maschinen zu beschreiten, wie sie Neuromancer und Wintermute darstellen. Viele Menschen pflegen heute eine zwiespältige Beziehung zum Internet: Es wird benutzt, um uns auszuspionieren, Verbrechen zu begehen und Schaden anzurichten. Die Grenzen zwischen harmlosem Zeitvertreib und digitaler Sucht sind fließend, und es ist nicht leicht zu sagen, ob ein soziales Netzwerk nicht auch eine politische Waffe darstellt. In manchen Städten können sich nicht nur gefallene Hacker, sondern auch durchaus gutverdienende Start-up-Gründer allenfalls noch ein Leben in einem Sarghotel leisten.

Neuromancer scheint damit durchaus… einiges vorausgeahnt zu haben. Vieles aus dem Roman erscheint heute erschreckend real. Nicht umsonst wird Gibson immer wieder eine geradezu prophetische Natur unterstellt, ja ihm sogar nachgesagt, er habe das Internet und andere Technologien gewissermaßen erfunden.

Roman für die Zukunft

William Gibson selbst verneinte stets, irgendwelche prophetischen Fähigkeiten zu besitzen. Dennoch würden ihn immer wieder Menschen fragen, welche Technologien und Entwicklungen er für die Zukunft erwarte. Eine Weile sei es sogar ein Teil seines Berufes gewesen, „um die Welt geflogen zu werden und auf jeder dieser aufwendigen Virtual-Reality-Konferenzen dabei zu sein, die irgendeine Regierung schmiss“. Jedoch habe er nie wirklich über die Zukunft spekulieren oder diese voraussagen wollen, so Gibson in einem Interview mit High Profiles. Viele Technologien in Neuromancer seien „halbgare“ Metaphern gewesen, um wage Ideen und abstrakte Vorstellung zu fassen.

Seine Romanversion des Internets, die Matrix und der Cyberspace hätten wenig mit dem zu tun, was das World Wide Web in seinen Anfängen war – und noch weniger mit dem, was es heute sei. Die Konstrukte seien seine Überlegungen zu einer Existenz ohne Körper gewesen – und dazu, was es bedeuten könnte, zu einem Dasein ohne Möglichkeit zur Vergänglichkeit verdammt zu sein. Mollys Vergangenheit als „Fleischpuppe“ – jemand, der seinen eigenen Körper als ferngesteuertes Sexspielzeug vermietet, während der eigene Verstand abgeschaltet wird –, zeige wiederum, wie der menschliche Körper zur reinen Konsumware verkommen kann. Wobei Gibson einräumt, dass ihm die Idee eigentlich kam, als er den Namen der Band Meat Puppets irgendwo in einer Zeitung oder einem Magazin las und ihn einfach für „cool“ hielt.

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Gibson glaubt daher, dass er mit Neuromancer ein ganz spezielles und schwer greifbares Gefühl getroffen hat, das viele mit dem Aufkommen des Internets und dem Übergang von linearen zu nicht-linearen Medien und zu einer Daten- und Informationsgesellschaft verbunden haben. Der Roman erfasste den Zeitgeist jener Zeitenwende, die insbesondere Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er sichtbar wurde, als Unternehmen wie Apple und Microsoft expandierten, erste Firmen und Privatpersonen einen Internetanschluss bekamen und Menschen im Fernsehen über die Zukunft der digitalen Gesellschaft zu spekulieren begannen.

Genau deshalb scheint Neuromancer heute immer noch relevant, wenn nicht sogar noch relevanter als bei seinem Erscheinen vor 40 Jahren. Wir leben in einer Zeit, in der sich die fiktive Zukunft des Romans sowohl sichtbar als auch gefühlt zunehmend mit der gelebten Realität zu decken scheint. In der das Internet und die Datensphäre durch Technologien wie Virtual- und Augmented-Reality-Brillen zunehmend räumlich und sinnlich erfahrbar werden. In der nicht mehr nur die Supermächte der Welt, sondern auch private Unternehmen in den Weltraum streben, Raumstationen bauen und den Kosmos unter sich aufteilen wollen. In der die Vorstellung von sehenden, hörenden und lernenden Computersystemen nicht mehr Science Fiction, sondern Science Fact ist. In der die Kommunikation mit Künstlicher Intelligenz von einer futuristischen Vision zu einer fast banalen Alltagserfahrung wird. Außerdem ist es eine Zeit, in der KI sehr mächtige Unternehmen hervorbringt, die um die Vorherrschaft kämpfen, und die Machtverhältnisse in der Welt nachhaltig zu beeinflussen droht. Eine Zeit, in der davor gewarnt wird, dass Künstliche Intelligenz sogar unseren Untergang bedeuten könnte.

Wie einst beim Aufkommen des Internets, der neuen Kommunikations- und Medienformen gibt es auch jetzt ein seltsames, irritierendes und manchmal auch beängstigendes Gefühl des Umbruchs, einer Zeitenwende, die bestehende Konventionen aufbrechen, alte Berufe auslöschen und neue entstehen lassen könnte. Es scheinen neue und unkonventionelle Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, des Arbeitens, des künstlerischen Schaffens und des Dialogs zu entstehen. In solchen Momenten könnte der Rückgriff auf die spekulativen Themen, Konzepte und Ideen eines Romans wie Neuromancer durchaus Halt und Orientierung geben. Auch wenn – oder vielleicht gerade weil – William Gibson vieles in seinem Roman nicht als Prognose, sondern als Metapher für schwer beschreibbare Ideen und emotionale Zustände verstanden hat.

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Sehr schöner Beitrag, danke! Eines hat Gibson nicht vorausgesehen: Mobiles Internet. Bei ihm muss man sich noch „einstecken“ um mit seinem „Board“ ins Netz zu kommen.

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Dies kam gerade als anonymer Leserbrief zum Thema rein:

"Ich habe das Buch damals, als es herauskam, als junger Mann mit großen Erwartungen gelesen - und war zwar fasziniert, aber auch überfordert, und habe es nicht recht verstanden. Mich hat das geärgert, weil ich zwar spürte, eine innovative, neuartige Art von SF zu lesen, die ich als Fan anspruchsvoller SF eigentlich hätte gut finden müssen, sie aber dann eben doch nicht SO gut fand. Ich habe das Buch AFAIR auch nicht zu Ende gelesen. Durch den Artikel habe ich jetzt - 40 Jahre später - einiges besser verstanden, darunter auch, was es war, das mich damals so frustriert hat. Ich habe sowohl über das Buch als auch über mich selbst etwas gelernt. Dafür danke. :-)"

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Super Artikel, hat mir eine neue Sicht gebracht, sehr erhellend und Top-Journalismus, danke. Bitte auch mal hier schauen: https://www.deutschlandfunk.de/william-gibson-neuromancer-die-gegenwart-der-zukunft-100.html

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