Atlantropa: Als ein Münchner Architekt das Mittelmeer trocken legen wollte

Vor Jahrzehnten arbeitete ein deutscher Architekt an einem unvorstellbaren Megaprojekt. Er erdachte einen Plan, um Europa und Afrika zu vereinen. Und das nicht nur im politischen, sondern auch im geographischen Sinne. Mit riesigen Staudämmen wollte er das Mittelmeer absenken, Energie im Überfluss erzeugen und futuristische Zukunftsstädte errichten.

Von Michael Förtsch

Die 1920er-Jahre waren für viele Menschen in Europa eine surreale Zeit. Der Erste Weltkrieg lag nur wenige Jahre zurück. Immer noch waren Nationen dabei, sich von den Schlachten, der Zerstörung der Städte und dem Verlust von Familienmitgliedern zu erholen. Die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich und Ungarn erlebten eine Hyperinflation, Armut und Hunger. Viele hatten Geldscheine unter der Matratze, die mit absurden Summen wie 50 Milliarden Mark bedruckt waren, aber nicht einmal mehr taugten, um davon ein Brot zu kaufen. Doch schon wenig später begannen die Goldenen Zwanziger. Kunst, Kultur, Wissenschaft und Industrie erlebten einen ungeahnten Aufschwung. Zu dieser Zeit war die bayerische Hauptstadt München ein Tummelplatz für Denker, Künstler und Visionäre. Oder zumindest jede Menge Menschen, die sich dafür hielten.

Einer, der zu diesem Zirkel zählte, war der 1885 geborene Herman Sörgel, der auf den Bildern, die von ihm erhalten sind, zumeist mit einem Monokel im Auge zu sehen ist. Er war ein gut situierter Architekt aus dem Münchner Stadtteil Schwabing. Sein Vater Hans Ritter war mit dem Bau von Wasserkraftwerken zu einiger Bekanntheit und Geld gekommen. Herman selbst war jedoch eher ein Theoretiker, der als Redakteur für das Magazin Baukunst schrieb, in dem er gerne architektonische Verfehlungen anprangerte, über die Architektur von New York City schwärmte und über den Stil für das perfekte Wochenendhäuschen philosophierte. Gebaut hatte er anders als sein Vater nichts, was von Belang gewesen wäre.

Dennoch sah sich Sörgel als ein Weltarchitekt, der unbedingt gehört werden sollte. Er glaubte nämlich, dass er die Schmerzen, die zum ersten Weltkrieg geführt hatten, und die Wunden, die er riss, für immer beseitigen könnte. Dafür müsse lediglich die Erde umgebaut werden, dachte er sich, um zwei Kontinente im monumentalsten Bauprojekt aller Zeiten zu vereinen –nach einem von ihm konzipierten Megaplan.

Die Geschichte zurückdrehen

Herman Sörgel legte höchsten Wert auf Bildung. Er las daher viel. Unter anderem bekam er 1926 das Buch Outline of History von Herbert George Wells in die Hände. Der Autor von Krieg der Welten und Die Zeitmaschine beschreibt darin die Historie der Welt – beginnend mit der Entstehung der Erde bis hin zu seinen Spekulationen über die Zukunft. Unter anderem führte Wells in seinem Sachwerk aus, dass das Mittelmeer wohl erst vor 50.000 Jahren entstand. Davor wäre es demnach eine Ansammlung von Tälern gewesen, die durch ein Felsgebirge bei Gibraltar vom Atlantik getrennt waren. Diese Schranke sei nach der Eiszeit durch den Druck des Schmelzwassers gebrochen. Der Atlantik wäre über ein kaum merkliches Gefälle in die Täler hineingeströmt. Das Mittelmeer sei also fast wie eine Pfütze, die austrocknen würde, wenn nicht ständig Wasser aus dem Ozean nachfließt.

Die reale Geschichte des Mittelmeeres ist deutlich komplexer. Das ist heute bekannt. Dass das Mittelmeer zeitweise eine trockene Tiefebene war, ist aber durchaus korrekt. Ebenso wie die Theorie, dass es einer Senke gleicht. Sörgel war von dieser Vorstellung fasziniert – und glaubte, dass dieses natürliche Phänomen ausgenutzt werden sollte. Er entwickelte über die kommenden Jahre ein Konzept, das er zunächst „das Pantropa-Projekt“ nannte und von dem er ab 1928 jedem erzählte – egal ob er nun davon hören wollte oder nicht. Ein Jahr später veröffentlichte er dann Broschüren und ein Buch, drei Jahre darauf einen großen Plan, den er mit Modellen und Zeichnungen auf der Berliner Bauausstellung ausbreitete.

Die Grundidee? Er wollte die Entstehung des Mittelmeeres rückgängig machen – zumindest in Teilen. Dafür wollte er die Straße von Gibraltar verschließen. Und zwar mit einem gigantischen Staudamm. Der würde den unkontrollierten Zufluss von Atlantikwasser stoppen und dafür sorgen, dass das Mittelmeer allein schon durch die Verdunstung auszutrocknen beginnt. Dadurch würde laut Sörgels Plan zwischen Europa und Afrika eine breite Landbrüchen entstehen – und damit ein neuer Super-Kontinent. Oder wie er schrieb: „Europa und Afrika werden mit ihren Landgebieten zusammenwachsen.“

Arbeit für Jahrzehnte

Das Vorhaben von Herman Sörgel war gigantisch – aber auch durchdacht. Der Architekt entwarf einen Gesamtplan inklusive eines Zeitablaufs für das ab 1932 „Atlantropa“ getaufte Unternehmen – von dem er überzeugt war, dass es sich umsetzen ließe. Sein Gibraltar-Damm sollte nahe an der mit 14 Kilometern Breite schmalsten Stelle der Meeresenge entstehen. Die Staumauer hätte ganze zweieinhalb Kilometer breit, bis zu 350 Meter hoch und durch ihre Biegung rund 35 Kilometer lang sein sollen, um dem Druck des Atlantiks stand zu halten. Jedoch sollte der Damm nicht nur als Wall, sondern auch als Wasserkraftwerk dienen. Riesige Turbinen sollten bis zu 50.000 Megawatt Strom liefern – die 35-fache Leistung des Atomkraftwerks Emsland. Damit sollten auf einen Schlag sämtliche Energieprobleme der europäischen und afrikanischen Staaten gelöst sein.

Dazu sollten über den Damm eine Schnellstraße und eine Bahntrasse verlaufen, die Europa und Afrika näher zusammenbringen sollten. Schiffe sollten mit riesigen Schleusen in das geschrumpfte Mittelmeer hinunter und hoch in den Atlantik gehoben werden. Das Hauptportal des Damms sollte von einem gigantischen Turm aus Stahl und Glas geschmückt sein, den der Architekt Peter Behrens erdacht hatte. Von hier aus wäre das Megabauwerk und der darüber und dadurch verlaufende Verkehr verwaltet worden. Außerdem sollte der Turm als Symbol für die hochgesteckten Ziele von Atlantropa stehen.

Nach den Schätzungen von Sörgel hätte der Damm binnen zehn Jahren errichtet werden und unzählige Menschen in Lohn und Brot bringen können. Denn auf der Baustelle sollten zwischen 200.000 und 800.000 Arbeiter in einem Vier-Schicht-System schuften und Beton- und Schüttmaterial verbauen, das gereicht hätte um „3.525 Cheopspyramiden“ zu erbauen. Wo all diese Menschen wohnen und wie sie auf die Baustelle hätten transportiert werden können? Darüber machte sich Sörgel erstmal keine Gedanken.

Für Sörgel zählte die große Vision. Und selbst der gigantische Damm war nur ein kleiner Teil davon. Noch vor dessen Fertigstellung sollten nämlich weitere kleinere Dämme angegangen werden. Die Meeresenge an den Dardanellen sollte blockiert und die Zuflüsse durch den Nil und die Rhône mit Wasserkraftwerken begrenzt und ausgenutzt werden. Herman Sörgel hoffte, dass sich die Länder Europas und Afrikas für sein Projekt begeistern und zusammen tun würden, um die gigantische Kraftanstrengung zu unternehmen, die es für Atlantropa brauchte.

Neues Land

Sörgels Berechnungen zufolge hätten die Dämme und die natürliche Verdunstung das Mittelmeer pro Jahr um 1,65 Meter abgesenkt. Aber das war ihm zu langsam. Viel zu langsam. Daher wollte er weitere Wassermassen umleiten und nutzbar machen. Mit gigantischen Pumpanlagen und Pipelines sollte Mittelwasser in die Sahara geschleust werden. In einer seiner Projektabfassungen schrieb Sörgel sogar ausdrücklich, „dass das Mittelmeerprojekt mit der Saharabewässerung identisch ist“. Er glaubte, „der heiße Wüstenboden würde jedenfalls das Meerwasser gierig aufsaugen“ und die Sahara binnen einiger Jahre in ein fruchtbares und grünes Paradies verwandeln.

Binnen 100 Jahren sollte das westliche Mittelmeer so um 100 Meter, das östliche um sogar 200 Meter abgesenkt werden. Beide Teile sollten dann durch einen dritten Damm zwischen Sizilien und Tunis geteilt werden, der aber erst nach der gelungenen Teilabsenkung aufgebaut werden sollte. Der sollte zusammen mit den weiteren Dämmen sogar 110.000 Megawatt Strom liefern. Sörgel überschlug, dass im ehemaligen Mittelmeer letztlich zwischen 500.000 und 600.000 Quadratkilometer an neuem Festland frei werden würden. Eine Fläche größer als ganz Spanien – die von Europa und Afrika gemeinsam genutzt werden sollte.

Das Vorhaben von Herman Sörgel fand seinerzeit viel Beifall. Zeitungen wie der Der gerade Weg schrieben von „einem kühnen Plan“. Und Sörgel stellten sich bald Unterstützer und Mitstreiter zur Seite. Darunter Ingenieure wie Bruno Siegwart, Politiker wie Adam Stegerwald, aber vor allem andere Architekten wie Erich Mendelsohn, Peter Behrens, Hans Pielzig, Fritz Höger, Hans Dollgäst und Emil Fahrenkamp – sowie der Bund Deutscher Architekten. Nicht ohne Grund. Denn sollte Atlantropa Wirklichkeit werden, würden plötzlich unzählige neue Städte, Straßen und Häfen gebraucht, die wiederum natürlich nach Architekten verlangten.

Eine neue Megamacht

Das Megaprojekt Atlantropa sollte eine Utopie darstellen. Und um die zu ermöglichen war Herman Sörgel bereit, vieles zu opfern – vor allem viele Städte. Wenn das Mittelmeer erst zusammengeschrumpft wäre, würden zahlreiche Schifffahrtsmetropolen irgendwann im Inland liegen. Die sollten durch neue und modernere Städte mit großen Hafenanlagen ersetzt werden. Darunter sollte an der neuen französischen Küste die Planstadt Port du Rhône sein, die von Lois Welzenbacher entworfen wurde. Ebenso plante Sörgel einen Auf- und Ausbau und eine Teilverlegung des marokkanischen Tanger. Es sollte in eine kreisrunde Millionenstadt verwandelt werden, deren Hafen der erste hinter der Gibraltar-Sperre sein sollte.

Manche Städte sollten aber auch komplett aufgegeben und die Bevölkerung umgesiedelt werden. Die Architekten Willibald Ferber und Georg Appel schlugen etwa vor, Genua in eine moderne Museumsstadt umzuwandeln und einige Kilometer weiter ein Neu-Genua zu bauen – als eine Stadt in der Form eines riesenhaften Fächers. Vergleichbare Ideen gab es für Chania, Málaga und Ragusa. Für Venedig hatte Sörgel hingegen eine besondere Idee. Er wollte die Wasserstadt mit mehreren Quadratkilometern ihrer Lagune mit einem Damm umschließen und zu einem Stausee umfunktionieren. Der sollte gerade so groß sein, dass nicht zu erkennen wäre, dass Venedig nicht mehr am Meer liegt.

Atlantropa als neuer Kontinent sollte zudem eine eigene Verwaltungs- und Hauptstadt bekommen. Dafür wollte Sörgel das mythische Karthago in Tunesien als Megametropole und neuen Verkehrsknoten auferstehen lassen. Dort sollten nahezu alle neuen Autobahnen und Eisenbahnlinien zwischen Europa und Afrika zusammenlaufen und sich weiter verzweigen. Weitere verkehrstechnische Großprojekte sollten später folgen, etwa eine Eisenbahnverbindung von Berlin nach Sizilien, die sich über eine riesige Brücke auf den afrikanische Kontinent strecken und bis hinab ins südafrikanische Kapstadt führen sollte. Ebenso sollten Marokko und Spanien nicht nur durch den Gibraltar-Damm, sondern zusätzlich durch einen Tunnel verbunden werden.

Ein Kolonialprojekt?

Mit all diesen Visionen und dem ganzen Neuland sowie den landwirtschaftlichen Möglichkeiten glaubte Sörgel, Millionen Menschen sowohl Arbeit als auch Hoffnung zu geben. Nicht nur für Jahre, sondern für viele Jahrzehnte. Denn während das Mittelmeer absinkt, müssten all die Häfen natürlich vorerst weiterhin funktionieren. Alle paar Jahre müssten sie mitsamt Lager- und Krananlagen verschoben werden. Und auch die Verwaltung von Atlantropa bräuchte Leute. In Genf wollte Sörgel die vorübergehende Atlantropa-Zentrale errichten – in direkter Nachbarschaft des Völkerbundes.

Der von Fritz Höger erdachte Hochhausbau sollte noch vor dem Gibralatar-Damm entstehen, Unterstützern und Planern ein zu Hause geben und Sörgels Ideen an die Menschen bringen. In einem Kuppelbau sollte dafür eine Dauerausstellung stattfinden, die Modelle, Zeichnungen und einen stets aktuellen Stand des Projektes zeigen sollte. Drumherum sollten sich drei große Hochhäuser gruppieren, die mit verglasten Ringen verbunden gewesen wären. Dazu: ein riesiger Sendemast, um das zukünftige Atlantropa mit Radiobotschaften zu beschallen.

Gerade zu Beginn der 1930er-Jahre stieß die Vision von Sörgel auf Widerhall. Denn da schlitterten die Weimarer Republik und andere europäische Staaten in eine Krise. Eine solche Vision tat also gut. Im Jahre 1933 erweitere Sörgel seinen Plan daher sogar noch. Er schlug vor, das Kongobecken im Herzen Afrikas und den Tschadsee zu künstlichen Meeren aufzustauen und eine Art „zweiten Nil“ anzulegen, um heiße Wüstenregionen wie die Sahelzone zu begrünen und zu kühlen – und zwar auf für weiße Europäer angenehme Temperaturen. Dass weite Teile des heutigen Kongo, Zaire, Sambia, Simbabwe und Tschad dann unter Wasser gestanden hätten, ordnete er dem höheren Gut seiner Vision unter.

Tatsächlich war Sörgel im Geiste ein Kolonialist. Weite Teile des afrikanischen Kontinents waren während der Planung von Atlantropa unter Kolonialherrschaft. Er plante daher nicht für die afrikanische Bevölkerung, sondern ausschließlich für die europäischen Besatzer, die sich, wie er schrieb, dort niederließen und „noble Aufbauarbeit leisteten“. Für ihn bestand Afrika aus großen, nur spärlich besiedelten „Ländereien und riesigen Rohstofflagern, Nahrungs- und Bodenschätzen“. „Das alles will entwickelt sein“, forderte er in einer Broschüre und warnte, dass „wenn die Weißen auf die Dauer Afrika beherrschen wollen, so die Überzahl der Schwarzen ihnen gegenüber nicht zu groß sein“ darf.

Dem kolonial-rassistischen Denken zum Trotz waren Sörgels Atlantropa-Pläne aber auch ein Projekt des friedlichen Internationalismus. „Das letzte politische Ziel des Projektes ist die Vereinigung von Europa mit Afrika zu einem mächtigen Weltteil zwischen Pan-Amerika und Asien“, schrieb Sörgel in einer Abhandlung. Er wollte, dass sich die europäischen und afrikanischen Länder auf ähnliche Weise verbinden wie es bei den USA in Nordamerika und auf dem ganzen amerikanische Kontinent mit der Panamericana zu sehen gewesen war. Doch genau das sollte dem Projekt zum Verhängnis werden.

Zu friedlich für die Nazis

Herman Sörgel war seit der Enthüllung seines Projektes voller Passion und immer bemüht, weitere Unterstützer zu sammeln und die Begeisterung für Atlantropa aufrecht zu halten. Doch dann kamen ein Mann und eine Bewegung an die Macht, die seine Vision beinahe beerdigten: Adolf Hitler und die NSDAP. Atlantropa als multinationales Projekt, das Völker und Staaten einen sollte, passte so gar nicht zur Ideologie des „Dritten Reichs“. Dabei warb Sörgel durchaus bei der Nazi-Führung für das Projekt - er pries es als logische Erweiterung der Achse Berlin-Rom zu einer Achse Berlin-Rom-Kapstadt an und als beste Option zur Schaffen von Lebensraum für die selbsternannte Herrenrasse.

Seinem Atlantropa-Buch Die Drei Großen A – gemeint waren Amerika, Atlantropa, Asien – stellte Sörgel sogar ein Zitat aus Mein Kampf voran und bezeichnete Großdeutschland und Italien als „die Pfeiler Atlantropas“. Aber vergebens. Denn letztlich bewarb er Atlantropa in seinem Buch als beste Möglichkeit zur „Vermeidung des Totalen Krieges“ und verglich das Nazi-Regime ziemlich unverblümt mit einem Jungen im Kindergarten, der die Mädchen an den Haaren zieht, weil er nichts zu tun hat, das ihn fordert. Atlantropa könne jedoch „auf Jahrhunderte eine wohltuend ablenkende Beschäftigung“ sein, warb Sörgel.

Als der Münchner Architekt eine Präsentation auf der Weltausstellung 1937 in Paris abhalten wollte, wurde ihm wohl aufgrund dieser Worte von den reichsdeutschen Behörden ein Platz im deutsche Pavillon versagt. Die Begründung: Atlantropa sei „als eine Angelegenheit internationaler Friedensfreunde“ politisch zu einseitig. Sämtliches Anbiedern an das faschistische Regime half nichts – denn den Gedanken eines pan-europäischen Pazifismus wollte er nicht fallen lassen.

Es wurde mit Ein Meer versinkt sogar ein Film produziert, der das Atlantropa-Projekt als unvermeidbare Katastrophe diffamierte. In ihm bricht der Damm bei Gibraltar, so dass Wassermassen ganze Städte niederwalzen. Unter dem Hakenkreuz hatte Atlantropa also keine Zukunft. Zu Beginn der 1940er-Jahre wurde Sörgel sogar von der Geheimen Staatspolizei vorgeladen und wenig später mit einem Publikationsverbot belegt.

Herman Sörgel zog sich ab Ende der 30er-Jahre ins Allgäuer Land zurück und lebte von Ersparnissen. Während dieser Zeit plante er jedoch weiter und unternahm nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich einen weiteren Anlauf. Er veröffentlichte gleich mehrere Bücher zu seinem Mittelmeer-Projekt und gründete zudem das Atlantropa-Institut. Und er schaffte es sogar, im Jahr 1950 einen Atlantropa-Dokumentarfilm zu produzieren, der Ende November im Lichtspielhaus am Sendlinger Tor in München seine Premiere feierte. Damit hoffte er, seinem Projekt, das zwischenzeitlich weitestgehend vergessen war, neue Aufmerksamkeit zu bringen.

Tatsächlich gewann Sörgel wieder Unterstützer. Sogar einige Politiker der Alliierten wurden aufmerksam. Denn der Münchner Architekt offerierte Atlantropa als mögliches Friedensprojekt für die Vereinten Nationen. Er wollte Afrika nicht länger als europäische Kolonialmacht ausbeuten, sondern mit den afrikanischen Staaten „als selbständige Teilhaber einer großen Gemeinschaft“ zusammenarbeiten. Wie einst nach dem Ersten Weltkrieg, glaubte Sörgel, könne die Welt nun eine solche Vision gut gebrauchen; eine, die Nationen nach dem Leid, der Zerstörung und dem Verlust durch den erneuten Krieg zusammenschweißt.

Aber es blieb beim sachten Interesse und neugierigen Blicken. Und wenig später kam jegliche Anstrengung um Atlantropa abrupt zum Stillstand – als Herman Sörgel am 25. Dezember 1952 auf der Prinzregentenstraße in München mit seinem Fahrrad von einem Auto erfasst wurde. Er konnte noch in ein Krankenhaus gebracht werden, erlag jedoch drei Wochen darauf seinen schweren Verletzungen. Wer ihn angefahren hat, ist bis heute ein Rätsel. Sechs Jahre später wurde das Atlantropa Institut von den letzten Mitgliedern aufgelöst. Angesichts realer paneuropäischer Projekte wie der Europäischen Atomgemeinschaft wirkte Atlantrope nun rückständig und überholt. Die Hinterlassenschaften von Sörgel, die Pläne und Dokumente zu Atlantropa, liegen heute im Deutschen Museum in München.

Nicht unrealistisch, aber naiv?

Bis heute ist strittig, wie realistisch die Pläne Sörgels waren. Die Technologie zum Bau des Mega-Damms bei Gibraltar hätte es gegeben. Auch wäre der Damm statisch und architektonisch zwar eine Herausforderung gewesen, aber umsetzbar – wenn Sörgel und seine Mitstreiter tatsächlich Eventualitäten wie Unterschwemmungen, Seebeben und andere Gefahren bedacht hätten. Das haben kleinere, aber dennoch gigantische Projekte wie der Drei-Schluchten-Damm in China inzwischen bewiesen. Dass jedoch die Logistik rund um die von Sörgel als nötig berechneten Arbeitermassen zu bewerkstelligen gewesen wäre, ist zweifelhaft – und damit die von ihm veranschlagte Bauzeit von nur zehn Jahren. Und ob überhaupt genug Beton und Stahl zu bekommen gewesen wäre, ist rückblickend eine weitere offene Frage.

Als sicher darf gelten, dass Sörgel bei der Gewinnung der neuen Landmassen allzu optimistisch war und ökologische Folgen ausblendete. Die freigelegten Landmassen wären nach dem Verdunsten des Wassers brache Salzwüsten gewesen, die über Jahrzehnte aufwendig und kostenintensiv kultiviert und aufbereitet hätten werden müssen. Zudem hätte sich im verkleinerten Mittelmeer die Salzkonzentration im Restwasser dramatisch erhöht. Nur wenige Fischarten und andere Meereslebewesen hätten das überstanden. Auch dass das bepumpen der Sahara mit Meerwasser die positiven Effekte gehabt hätte, auf die er hoffte, ist heute eher umstritten.

Vollkommen unvorhersehbar wäre der Einfluss des schrumpfenden Mittelmeeres sowie der von Sörgel geplanten Mini-Meere auf dem afrikanischen Kontinent für das Weltklima gewesen. Einige Meteorologen schätzen heute, dass das Projekt möglicherweise den Golfstrom beeinflusst und von seiner jetzigen Bahn abgelenkt hätte. Damit hätte Sörgel unbeabsichtigt das Wetter zahlreicher Künstenmetropolen geändert.

Atlantropa war damit wie sein Schöpfer auch ein Phänomen seiner Zeit. Es war von geopolitischem Denken, Technikgläubigkeit und auch einer gewissen Ruchlosigkeit und von Gigantismus geprägt. Jedoch war es in seiner Zeit auch ein Projekt des Idealismus – und gezeichnet vom Traum, Grenzen zu verwischen und Völker hinter einem gemeinsamen Ziel zu vereinen – zumindest weiße, europäische Völker. Wohl auch daher lebte Atlantropa vor allem in der Science Fiction fort. Sowohl in Arthur C. Clarkes Rama-Zyklus als auch in Star Trek: Der Film ist es durchaus Wirklichkeit – und eine funktionierende Utopie.

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…über die dunklen Seiten solcher Utopien denkt man gerade auch beim Spiegel nach:

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Hab ich auch schon gesehen - und ist ein Thema, das ich auch mal beackern wollte. Leider hab ich kein Spiegel+.

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Ich auch nicht :smile: Ja, das Thema ist super. Mir ist früher nie aufgefallen, wie politisch viele Science Fiction-Geschichten wirklich sind (bin kein Experte), gerade auch mit Blick auf den sehr ambivalenten Begriff der „Utopie“ (und der (Un-)Möglichkeit ihrer Umsetzung) Der Begriff scheint mir im ersten Moment auch wesentlichen schwieriger als der Begriff der „Dystopie“. Kaputthauen geht ja schnell und mit einer Dystopie hat man am Ende wohl leider auch eher öfter recht. So nach dem Motto: die Welt ist schlecht und wird es immer bleiben. Sehr spannendes Thema jedenfalls, würde mich über einen Text freuen.

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