27. Juli 2026
Kann Geld mehr sein als ein Zahlungsmittel und die Welt verbessern?

Kann Geld mehr sein als ein Zahlungsmittel – und sogar helfen, die Welt zu verbessern? Der Konzeptkünstler und Philosoph Jonathon Keats hat dafür zwei alternative Währungen entwickelt, die soziale Bedürfnisse und ökologische Folgen sichtbar machen sollen. Auf dem Festival der Zukunft wurden Emo und Eco getauscht, ausgegeben und gegeneinander bewertet. Das Experiment zeigt, wie Geld unser Verhalten prägt – und ob sich seine Macht auch anders nutzen lässt.
Von Michael Förtsch
Für den amerikanischen Konzeptkünstler Jonathon Keats ist Geld sowohl mit Faszination als auch mit Frust und sogar Abscheu verbunden. Währungen wie den US-Dollar, den Euro oder das britische Pfund betrachtet er als logische Folge der jahrtausendealten Tauschwirtschaft. Doch Geld sei kein neutrales Werkzeug. Keats sieht darin auch eine Kraft, die soziale Ungleichheit verschärft und einige der größten Krisen und Katastrophen der Gegenwart mit hervorbringt. „Mir scheint, als würde Geld unsere Zivilisation immer näher an den Rand eines Abgrunds treiben“, sagt er zu 1E9.
Besonders deutlich werde dies an der zunehmend ungleichen Verteilung von Wohlstand und an der „wachsenden ökologischen Verwüstung“ unserer Welt. Natürlich sei Geld nicht unmittelbar für diese Entwicklungen verantwortlich. Schließlich seien es noch immer Menschen und deren Motive, die sie verursachen. Für Keats ist Geld dennoch „ein Täter oder zumindest ein Komplize“. Denn „Geld ist, was Geld tut“, zitiert Keats den Wirtschaftswissenschaftler John Hicks.
Der Konzeptkünstler, Philosoph und Forscher fragt daher, ob sich die Funktionsweise von Geld verändern oder anpassen ließe. Es soll nicht nur als Zahlungsmittel und Machtinstrument funktionieren, sondern sozialen und ökologischen Problemen entgegenwirken. Keats glaubt, es müsse möglich sein, neue Währungen zu gestalten, die „nicht nur verhindern, dass die historisch durch Geld entstandenen Probleme fortbestehen, sondern ihnen tatsächlich entgegenwirken“. Geld also, das sozial förderliches Verhalten stärkt, ökologische Schäden berücksichtigt und die bislang ausgeblendeten Folgen wirtschaftlicher Entscheidungen in jede Transaktion einbezieht. Jonathon Keats will dies mit seinem Kunstprojekt Legerdemain for the Invisible Hand während des Festivals der Zukunft in München experimentell erproben.
Dafür gestaltete er einen isolierten Experimentaldevisenmarkt. An dessen zentralem Kiosk konnten beim Festival Euro gegen zwei alternative Währungen getauscht werden: den Emo, der menschliche Bedürfnisse, aber auch Gier und psychischen Stress thematisiert, und den Eco, der sich mit Konsumismus und ökologischer Zerstörung auseinandersetzt. Das zeigt sich in dem Experiment nicht nur in der theoretischen Funktion der beiden Geldscheine, sondern auch in ihrer Gestaltung.
In den Emo ist eine kleine Spiegelfläche eingelassen, die den Nutzer auf sich selbst zurückblicken lässt. Denn der Tauschkurs, so wird es auf dem Schein erklärt, soll auch davon abhängen, wie gestresst oder entspannt der Geldgeber ist. Der Eco besitzt an derselben Stelle ein Guckloch umgeben von einer Farbverlaufsfläche, die dazu anregen soll, den Blick nach außen zu richten – auf die Gesundheit der Pflanzen in der Umgebung. Je besser es zum Beispiel Bäumen geht, desto höher der Kurs des Emo.
Wie Keats sagt, besitzen seine Währungen dadurch sowohl eine bewusste als auch eine unbewusste psychologische Dimension – eine, deren Bedeutung er selbst erst im Verlauf des Experiments vollständig erkannte. „Menschen fühlen sich zu glänzenden Dingen hingezogen, und sie fühlen sich zu ihrem eigenen Gesicht hingezogen“, sagt Keats. Dies demonstriere auch, wie stark „die narzisstische Dimension unseres Selbst“ beim Umgang mit Geld aktiviert werde. Möglicherweise, spekulierte er noch vor dem Ende des Experiments, sei der Emo deshalb bereits auf einer oberflächlichen Ebene für viele Menschen attraktiver als der Eco. Tatsächlich veränderte sich im Laufe des Festivals der Kurs der beiden Währungen auf Grundlage des Tauschvolumens und der jeweils vorhandenen Reserven. Der Emo wurde teurer, der Eco günstiger.
Wenn der Wechselkurs zur Abstimmung wird
Sowohl der Emo als auch der Eco waren auf dem Festival mehr als bloße Anschauungsobjekte. Die Besucherinnen und Besucher konnten die Währungen tatsächlich einsetzen. An einer eigens eingerichteten Bar ließen sich mit den Geldscheinen fruchtige Getränke und Bier bezahlen. Ebenso waren Karten- und Würfelspiele möglich, bei denen die beiden Kunstwährungen als Einsatz dienten. Keats wollte auf diese Weise einen isolierten Wirtschaftskreislauf schaffen. Darin sollte das Geld nicht nur betrachtet, sondern gehandelt, ausgegeben und erfahrbar werden. Wie Keats argumentiert, könne eine Währung nicht sinnvoll in einem Vakuum untersucht werden – selbst dann nicht, wenn sie wie seine Kreationen vor allem als „philosophisches Instrument“ gedacht sei.
Es brauche Waren, Bedürfnisse, Entscheidungen und Menschen, die diese treffen, um einem Geld Vitalität und Wirkung zu verleihen. Die Bar, das Glücksspiel und der Wechselstand am Festivalkiosk schufen laut Keats eine Ökonomie im Kleinformat: „eine Welt, in der dieses Geld leben kann und in der Menschen mit diesem Geld leben können“. Wer seine Emo oder Eco nicht mehr ausgeben konnte oder wollte, durfte sie wieder in Euro zurücktauschen. Dafür wurde eine Transaktionsgebühr von fünf Prozent erhoben. Keats wollte, dass der Austausch in alle Richtungen möglich war, „weil Wechselmärkte so funktionieren“.
Sowohl der sich wandelnde Wechselkurs als auch die Nutzung der beiden Währungen auf dem Festival waren für Keats Teil einer stillen Abstimmung. Besucherinnen und Besucher zeigten durch ihre Entscheidung für Emo oder Eco, welcher Währung und damit möglicherweise auch welchem gesellschaftlichen Problem sie mehr Bedeutung beimaßen. „Wir nutzen Angebot und Nachfrage und die Logik des Marktes, um das Geld selbst zu bewerten“, sagt Keats. Wer den Emo erwarb, entschied sich zumindest symbolisch für eine Währung, die menschliche Bedürfnisse und soziale Ungleichheit in den Mittelpunkt stellt. Wer den Eco wählte, gab einer Währung den Vorzug, die ökologische Zerstörung berücksichtigt.
Laut Keats sei keine der beiden Währungen in einem moralischen Sinne besser oder schlechter. Gerade die freie Wahl und die teils unbewussten Motive dahinter waren Teil des Experiments. Dass der Emo beim Festival der Zukunft stärker nachgefragt wurde, lasse mehrere Interpretationen zu. Möglicherweise hielten die Teilnehmenden menschliche Not für dringlicher als ökologische Krisen. Vielleicht glaubten sie aber auch, dass sich soziale Probleme mit einer Währung leichter beeinflussen ließen als der Zustand ganzer Ökosysteme. „Wir können zwischen diesen beiden Möglichkeiten noch nicht unterscheiden“, sagt Keats. Das Ergebnis des Experiments liefere somit keine eindeutige Antwort. Es eröffne vielmehr weitere Fragen, die in späteren Experimenten genauer untersucht werden könnten.
Die Grenzen des Experiments – und seine digitale Zukunft
Wie Keats einräumt, stieß sein Experiment auf dem Festival auch auf praktische Hürden. Emo und Eco konnten nur gegen Bargeld in Euro getauscht werden. Für den flüssigen Ablauf, den Umfang des Experiments und die Zirkulation der beiden Kunstwährungen erwies sich dies als Hindernis. „Denn natürlich nutzen viele Menschen heute digitale Zahlungsmöglichkeiten“, räumt der Künstler ein. Solche Schwierigkeiten müssten ebenfalls als Teil des Experiments verstanden werden. Zugleich sieht Keats darin eine wichtige Erkenntnis: Unter anderen Bedingungen und unter Einbeziehung digitaler Zahlungsmöglichkeiten könnten mehr Menschen teilnehmen, mehr Transaktionen stattfinden und mehr Daten gesammelt werden.
Tatsächlich denkt Keats bereits über eine weitere Iteration des Experiments nach. Er könne sich gut vorstellen, Emo und Eco als digitale Währungen umzusetzen, die sich beispielsweise gegen etablierte Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Solana tauschen lassen. „Ich würde das sehr gern tun“, sagt Keats. Die auf dem Festival verwendeten Geldscheine seien lediglich eine erste Umsetzung seiner Idee gewesen. Sie stellten keineswegs die beste oder endgültige Form dar. „Es war ein erster Eröffnungszug“, sagt er. Zudem hofft er, dass andere seine Idee aufgreifen, weiterentwickeln und eigene Varianten davon erschaffen – und dass daraus möglicherweise mehr entsteht. Vielleicht sogar irgendwann ein tatsächlich neues Geld.

Michael Förtsch
Leitender Redakteur
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