22. Juli 2026
Bei Quantencomputern wird sich zeigen, ob Europa Zukunft kann

Drohen Quantencomputer für Europa zur nächsten KI zu werden? Spitzenforschung und Talente, ja – aber Geld verdienen damit andere? Noch besteht die Chance, sich einen großen Anteil am kommenden Milliardenmarkt sowie Technologiesouveränität zu sichern. Doch US-Präsident Trump setzt auch bei Quantum auf „America first“. Europa muss jetzt bei seinem Tempo mithalten, fordern Branchenvertreter.
Von Wolfgang Kerler
„Der amerikanische Präsident hat vor elf Tagen eine Executive Order erlassen, die ich wirklich bemerkenswert finde“, kommentiert Ann-Kristin Achleitner eine Anordnung aus dem Weißen Haus. Diese wurde am 22. Juni 2026 mit der nicht allzu bescheidenen, aber womöglich zutreffenden Überschrift Ushering in the Next Frontier of Quantum Innovation veröffentlicht.
Mit seiner Unterschrift will Donald Trump also die nächste Ära der Quanteninnovationen einläuten, ausgehend von den USA – und mit enormer Geschwindigkeit. Nahezu alle Ministerien und Behörden der US-Regierung müssen liefern, denn in nur 180 Tagen soll eine neue nationale Strategie entstehen, die die Vereinigten Staaten in die unangefochtene Quanten-„Supermacht“ verwandeln soll.
Parallel dazu will die US-Regierung bereits jetzt ausloten, wie der Staat als erster Großkunde Unternehmen den Markteintritt erleichtern, die Produktion von Schlüsselkomponenten in die USA holen, die Ausbildung von Fachkräften fördern und den Schutz vor Spionage verbessern kann. Außerdem soll ein leistungsfähiger Quantencomputer für wissenschaftliche Anwendungen bestellt werden.
Quantencomputer und die Zukunft der Industrie
Das theoretische Potential von Quantencomputern ist längst bekannt. Ihr Rechnen mit Qubits statt Bits soll Durchbrüche in fast allen Industrien ermöglichen – von der schnelleren Entdeckung neuer Materialien und Medikamente bis zur Lösung bisher unlösbarer Optimierungsprobleme in Logistik und Fertigung.
Noch scheitern die Prozessoren daran: Es mangelt an Qubits, und sie sind fehleranfällig. Doch Hersteller und Investoren sind zuversichtlich, dass ab Anfang des kommenden Jahrzehnts industrierelevante Quantencomputer bereitstehen – solche, die echte Probleme von Unternehmen lösen. Der frühzeitige Zugriff auf diese Hardware könnte für Europas Industrie entscheidend sein.
Europa muss eine Antwort auf Trump finden – und zwar schnell
Seit Jahren erforscht und begleitet Ann-Kristin Achleitner die Entwicklung neuer Technologien und Industrien – als Professorin an der Technischen Universität München, Aufsichtsrätin in Konzernen, Investorin in Start-ups, Beraterin für Kanzler und Ministerpräsidenten. Von Trumps Quantenerlass zeigt sie sich beeindruckt.
„Etwas Vergleichbares habe ich bislang nicht gesehen“, sagt sie Anfang Juli bei unserem Festival der Zukunft mit dem Deutschen Museum. „Die [Executive Order] treibt die Entwicklung von Quantentechnologien mit großem Nachdruck voran, betrachtet sie als eine zentrale strategische Fähigkeit der USA und verbindet das ganz konkret mit der Frage, wie Kunden, Kapital und Talente mobilisiert werden können.“
Ziehen Deutschland und Europa nicht nach, könnte ihre bisher so vielversprechende Quantenbranche unter die Räder kommen. Das ist jedenfalls die Befürchtung von Ann-Kristin Achleitner und ihren Mitdiskutanten Alexander Glätzle, Chef und Mitgründer des Münchner Quantencomputer-Start-ups planqc, und Helmut Katzgraber, Chefwissenschaftler des in Kopenhagen ansässigen Wagniskapitalfonds 55 North, der sich auf Quantum spezialisiert hat.
„Was mich an Trumps Executive Order am meisten beeindruckt hat, ist das Tempo. Jeder Behörde werden klare Fristen gesetzt“, sagt Alexander Glätzle beim Festival der Zukunft. „Genau diese Geschwindigkeit brauchen wir.“ Zögert Europa zu lange, um auf Trump zu reagieren, fällt seine Prognose düster aus. „Wenn die Antwort erst 2029 oder 2030 kommt, werden manche Start-ups bis dahin nicht überleben.“
Helmut Katzgraber befürchtet, dass sich die Geschichte wiederholt. „In den Achtzigerjahren hielt Europa noch ein Drittel des weltweiten Halbleitermarkts. Ein Drittel. Heute sind es nur noch rund acht Prozent. Diesen Fehler dürfen wir [bei Quantentechnologien] kein weiteres Mal machen.“ Der Nachdruck, den alle drei ihren Warnungen verleihen, hängt auch damit zusammen, dass Europa bei Quantentechnologien bisher vieles richtig gemacht hat – und das Potential der Branche entsprechend groß ist.
Bei Quantentechnologien startete Europa aus der Pole Position
Noch im Januar 2025 kamen das World Economic Forum und McKinsey in einem White Paper zum Schluss, dass Europa nur bei vier von 14 untersuchten Zukunftstechnologien international wettbewerbsfähig ist – mit Quantentechnologien als klarstem Ausreißer nach oben. Dort sei Europa, „gut aufgestellt, um eine Führungsrolle zu übernehmen.“
Auch die drei Redner beim Festival der Zukunft betonen Europas Stärken in diesem Bereich. „Wir haben die beste Ausbildung“, sagt Helmut Katzgraber über Europas Universitäten und Forschungseinrichtungen. „Wir haben ein Drittel aller Quantum-Start-ups“, ergänzt Ann-Kristin Achleitner. Und auch die Bewertung der bisherigen deutschen Politik fällt in Summe positiv aus.
„Mit dem Munich Quantum Valley, der DLR-Quantencomputer-Initiative und den von Angela Merkel [2020] angekündigten zwei Milliarden Euro für das deutsche Quantenökosystem wurden wichtige Weichen gestellt“, sagt Alexander Glätzle. Das hätte für ihn und seine Mitstreiter mit den Ausschlag gegeben, 2022 ihr Start-up zu gründen.
Öffentliche Aufträge für den Bau von Quantencomputern, zum Beispiel für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), seien für planqc „extrem wichtig“. „Nicht, weil wir einem Investor 30 Millionen Umsatz zeigen konnten, sondern weil das gesamte Team von Tag eins an eine Maschine meilensteinbasiert liefern und einen Kunden zufriedenstellen musste“, so Alexander Glätzle.
Insgesamt mobilisierten die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten seit 2018 über elf Milliarden Euro an öffentlicher Quantenförderung. Parallel konnten europäische Start-ups, insbesondere Quantencomputer-Hersteller, Hunderte Millionen Euro von privaten Investoren anziehen, darunter planqc, eleQtron und Q.ANT aus Deutschland, das finnisch-deutsche Unicorn IQM oder Pasqal – ebenfalls mit Milliardenbewertung – sowie Alice & Bob aus Frankreich.
Auch an Ambitionen für die Zukunft mangelt es weder in Berlin noch in Brüssel. Die EU-Kommission gab vergangenes Jahr das Ziel aus, bis 2030 die weltweite Führungsrolle bei Quantum zu übernehmen. Noch in diesem Jahr sollen der European Quantum Act, der den nötigen Rechtsrahmen schaffen soll, sowie ein öffentlich-privater Hybridfonds starten, der die Finanzierungslücke schließt.
Für die Bundesregierung wiederum zählen Quantentechnologien zu den sechs Schlüsseltechnologien, die sie mit ihrer Hightech Agenda voranbringen will – mit klaren Zeitplänen. So sollen bis 2030 mindestens zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer auf Spitzenniveau entstehen und Nutzern zugänglich gemacht werden.
Müsste das nicht bereits reichen, um den Plänen aus dem Weißen Haus in Washington entspannt entgegenzublicken?
Europas offene Flanken: Gießkanne und Bürokratie
Zwar enthalten fast alle Pläne der Bundesregierung und der EU seit Jahren die richtigen Schlagworte – Kommerzialisierung statt nur Forschung, Mobilisierung von Kapital für große Start-up-Finanzierungsrunden, der Staat als Ankerkunde. Doch trotz des Lobs für die bisherige Unterstützung des Quantenökosystems, bei der manch alter Fehler nicht wiederholt wurde, werden in der Branche genau in diesen Bereichen weiterhin die größten Schwächen gesehen.
Entsprechend lässt sich jedenfalls ein aktuelles Impulspapier des Quantum Business Networks (QBN) interpretieren, in dem sich viele Quantenunternehmen zusammengeschlossen haben. Dort heißt es: „Während die USA Quantentechnologien konsequent als strategische Infrastruktur und Frage der nationalen Sicherheit begreifen und mit massiver Geschwindigkeit finanzieren, droht Europa wie bei anderen Megatrends und industriellen Revolutionen in kleinteiliger Förderung von Grundlagenforschung und Forschungsinfrastrukturen sowie bürokratischer Trägheit den Anschluss zu verlieren.“
Daraus leitet das QBN klare Forderungen an die deutsche Politik ab: Förderentscheide sollen innerhalb weniger Monate fallen. Der Staat soll aktiv privates Wachstumskapital mobilisieren, sich an strategisch wichtigen Unternehmen selbst beteiligen und für Quantencomputer und -anwendungen noch stärker als erster Ankerkunde auftreten, um auch private Nachfrage nachzuziehen. Außerdem sollen die Lieferketten für Schlüsselkomponenten gesichert werden, damit Europa echte Technologiesouveränität gewinnen kann und Quantenunternehmen beim Export von der Bundesregierung unterstützt werden.

Ähnliche Schwächen und ähnlichen Handlungsbedarf sehen auch die drei Diskutanten beim Festival der Zukunft. Helmut Katzgraber muss nicht nur feststellen, dass die USA nach wie vor das Kapital haben: „Die Finanzierungsrunden sind dort rund zehnmal so groß wie in Europa.“ Er kritisiert außerdem die europäische Förderpolitik.
„In Amerika gibt es dafür einen Ausdruck – ‚peanut-butter spreading'; auf Deutsch würde man sagen, man verteilt die Marmelade überall auf dem Brot, damit jeder ein bisschen abbekommt. So wird das nicht funktionieren.“ Es brauche, wie bei Trump, einen klaren Fokus auf besonders vielversprechende Technologien und Unternehmen. „Wenn jeder nur ein winziges Stück vom Kuchen bekommt, gewinnt am Ende niemand.“ Ann-Kristin Achleitner und Alexander Glätzle sehen außerdem die europäische Industrie in der Pflicht.
Die Industrie soll in ihre eigene Technologiesouveränität investieren
„Im deutschen Innovationssystem ist die Tatsache, dass die Industrie zu wenig mit Start-ups zusammenarbeitet, seit Jahrzehnten eine Achillesferse“, sagt Ann-Kristin Achleitner. Dabei gehe es um gemeinsame Technologieentwicklung, aber auch um Finanzierung. „Was wir brauchen, sind mehrere deutsche Industrieführer, die hier investieren, wie man es in anderen Ländern sieht.“ Vielleicht sogar mit einem Anstoß aus der Politik.
„Wir brauchen die gesamte Industrie, den ganzen Kontinent an einem Tisch – einen Buyers' Club, Konsortien, Quanten-Gigafactories –, wo die Industrie gemeinsam mit der öffentlichen Hand die Systeme beschafft und auch nutzt“, ergänzt Alexander Glätzle. Schließlich müssten sich europäische Industrien wie Pharma, Chemie, Maschinenbau und Automotive Zugang zu Quantencomputern sichern, um konkurrenzfähig zu bleiben. „Das sind genau die Industrien, die das Rückgrat Europas und Deutschlands bilden – und für die in einer Zukunft mit Quantenanwendungen am meisten auf dem Spiel steht.“
Stellt Europa jetzt nicht die richtigen Weichen, sagt Helmut Katzgraber dem Kontinent eine düstere Situation voraus: „Wenn wir den Anschluss verpassen, sind wir von Hardware aus anderen Ländern abhängig.“ Ähnlich wie schon bei Halbleitern – oder heute bei der Cloud. „Das Letzte, was man will, ist, dass die eigenen kritischen Branchen von Hardware abhängen, die sich jederzeit nach Belieben abschalten lässt.“
Doch umgekehrt böte sich für Europa, wenn es schnell die richtige Antwort auf Trump findet, die einmalige Chance, einen neuen Billionenmarkt zu erschließen, sagt Alexander Glätzle. „Wenn wir Quantum zu all diesen traditionell starken Industrien hinzufügen, könnte das das nächste goldene Zeitalter Europas werden. Dafür müssen wir arbeiten.“
Immerhin, laut Johannes Verst, dem Gründer und Geschäftsführer des QBN, ist die Dringlichkeit in Berlin und Brüssel auf Analyse-Ebene „voll angekommen“. „Man hat verstanden, dass der Wettbewerbsdruck steigt“, sagt er zu 1E9. „Woran es noch fehlt, ist das Tempo bei der Übersetzung in konkrete Industriepolitik.“ Resignation spüre er in der Branche, der er „ein starkes Commitment zu Europa“ bescheinigt, noch nicht – aber wachsende Frustration.

Wolfgang Kerler
Chefredakteur
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